“Die Chemie stimmt.” – Über die Selbsttrivialisierung

Aug 15 2019

Um ein Geschäft abzuschließen oder einen Deal zu machen, der auf jeden Fall dem eigenen Vorteil dient, ist es wichtig, dass die Chemie zwischen den Partnern stimmt und so eine Win-Win-Situation entsteht. Sollten die Verhandlungen durch politischen Druck von außen zustande kommen, etwa, sich beim Geschäft an Umweltauflagen zu halten oder das Klima zumindest schonend zu behandeln, kann es schnell passieren, dass kein gutes Ergebnis erzielt wird, weil die Chemie zwischen den Verhandlungspartnern angeblich nicht gestimmt hat, genauer gesagt, die Chemie des jeweils anderen.

Biologische, chemische, speziell genetische Bedingungen des Menschen werden gerne erforscht, um zu beweisen, dass der Mensch von Natur aus so raffgierig, kapitalistisch oder egozentrisch ist, wie er sich gemeinhin zeigt. Und weil er so ist, kann er nur ein gutes Gewissen haben, indem (nach aktuellen Gepflogenheiten müsste ich ,wo‘ statt ,indem‘ schreiben) er sich so verhält.

Überhaupt Verhalten: Der postmoderne Mensch verhält sich. Indem er das Ego mit dem Selbst verwechselt, kann er sein Verhalten beliebig verändern. Er programmiert sich öfter mal neu, oder etwas großspuriger formuliert: Er erfindet sich neu. Welch kreativer Prozess! Die Alten waren noch auf einem umständlichen Selbstfindungsprozess, glaubten noch etwas in Geist und Seele zu finden. Das ist nicht mehr nötig. Das Alte wird entsorgt und dann wird neu programmiert, frei nach dem Nürnberger-Trichter-Prinzip, das sich schließlich über Jahrhunderte bewährt hat.

Dies oben Beschriebene wird gern als vernünftig, gar vernunftgesteuert bezeichnet. Diese Vernunft wird zudem als eine Art Besitz betrachtet. Entweder man hat sie (in der Regel gekauft), oder man hat sie eben nicht. Gerne wird auch der Begriff des Logischen – meist in Zusammenhang mit dem sogenannten Menschenverstand – oder Realistischen gebraucht. So sei das neoliberale Markttreiben, also nicht nur neu, sondern auch liberal – also der doppelte Besitzstand – quasi ein Naturgesetz, das des immerwährenden Wachstums. Je mehr dieses eingestampft und glatt gebügelt (implantiert) wird, umso leichter lässt sich diese Behauptung aufrechterhalten, beziehungsweise darstellen, dass jegliche Alternativen unnatürlich oder unrealistisch seien.

Dieser so definierte und als Eigentum betrachtete Verstand, die Vernunft oder Ratio braucht in einer Konkurrenzgesellschaft einen Gegner. Dieser ist das Gefühl. Genannt wird dieses Pendant zum so logischen Menschenverstand nach dem Bauch, am besten dem hohlen, aus dem heraus angeblich argumentiert wird. Die eigenen Anhänger betrachten sich selbst im Gegensatz zu den Kopfmenschen als Bauchmenschen. Damit ist der Kampf um Gewinn und Verlust, gut oder böse, unabhängig von tatsächlichen Argumenten, die folgen könnten, bereits im Voraus geprägt. Dass der Mensch sowohl Verstand, als auch Gefühl nutzen könnte, scheint nicht ins Bild von sich selbst, beziehungsweise dem des Wirtschaftssystems zu passen.

Nun passierte etwas ganz und gar Unvorhergesehenes: Die jungen Leute, die für ein besseres Klima kämpfen, ließen sich weder abwimmeln, noch auf die übliche Weise trivialisieren, abwerten oder abschrecken. Der nächste Versuch ist bereits in Angriff genommen, sie einzukaufen. Wir erheben Verschmutzungssteuern und schreiben Preise für als klimafreundlich genormte Geschäftsideen aus. Dies ist etwa so, als dürfe man bestimmte Verbrechen begehen, wenn man es sich leisten kann. So können die Besitzenden so weiter machen wie bisher. Das Geld, das sie durch Verschmutzungs-Steuern verlieren, holen sie sich über Prestigeprojekte wieder rein. Weder der Umwelt, noch dem Klima ist damit geholfen, aber darum ging es ja auch gar nicht, sondern die Realität des Wirtschaftens und Geldscheffelns soll aufrecht erhalten bleiben, und der SUV-Fahrer kann weiterhin mit gutem Gewissen durch Innenstädte brausen. Es ist ähnlich wie bei Kriegen: Die Einen verdienen daran, die anderen kommen darin um. Also ist es doch logisch, wenn Kriege abgeschafft werden sollen, dass die zweite Gruppe dafür aufkommen, beziehungsweise sorgen tragen muss.

Aber diesmal wird es anders kommen, denn die Protestierenden haben fundamentale Gründe: Sie wollen auf dieser Erde leben können. Und die Natur lässt nicht mit sich dealen.  (Roma)

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