Die Politik der Nicht-Politik und ihre fatalen Folgen

Mrz 06 2019

Vor einiger Zeit stellte die Bundesernährungsministerin ihren Ernährungsreport 2019 vor. Sie ist mit Hilfe einer Umfrage zu der weisen Erkenntnis gelangt, dass Menschen beim Essen auf den Geschmack achten. Von Kontrollen der Nahrungsmittelindustrie, die weiterhin ungesund produziert, hält sie nichts. Stattdessen baut sie auf freiwillige Selbstkontrolle. Am Beispiel der Autoindustrie können wir uns lebhaft vorstellen, wozu dies führt. Die Ministerin beschränkt sich auf Moderation und Appelle an die Verbraucher. Der Geschäftsführer von Foodwatch, Martin Rücker, kommt zu dem Schluss, Frau Klöckner habe vor allem das Ziel, die Unternehmen vor ihren Kunden zu schützen. Dies ist nur eines von vielen Beispielen, die belegen, dass die bedeutendsten politischen Weichen zunehmend in den Vorstandsetagen der Konzerne gestellt werden – ich könnte auch über Waffenexporte, Handelsbilanzen oder die zunehmende Erderwärmung schreiben – und dies ist einer von vielen Gründen, warum Politiker*innen nicht ernst genommen und/oder verachtet werden. Populisten am rechten Rand verkünden großmäulig, diesen Zustand ändern und den sogenannten Eliten das Handwerk legen zu wollen. Kommen sie an die Macht, passiert das Gegenteil: Durch ihre autoritäre Politik müssen sie sich noch mehr dem Einfluss der Konzerne unterwerfen, oder es droht bald ein Staatsbankrott. Die daraus resultierenden Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühle schreien nach Rache, und wer wäre besser geeignet die Mütchen zu kühlen als Arme, Flüchtlinge, Arbeitslose, Alte und Kranke. Wenn sich diese nicht dem Diktat dieser Markt- und Leistungsgesellschaft unterwerfen, und oft können sie dies gar nicht, werden sie bestraft, abgeschoben, in Billigjobs ausgebeutet, schlecht gepflegt. Mittlerweile holt uns diese Unmenschlichkeit nicht mehr nur schleichend, sondern zunehmend digitalisiert ein.

Als Supervisor*innen stehen wir nicht zuerst vor der Aufgabe, Menschen zu coachen, um Zustände, die als zukunftsorientiert gelten, handelbar zu machen, sondern nach Ursachen zu fragen, die Missstände erzeugen, statt sie, wie es Jürgen Malyssek in einem Leserbrief in der Frankfurter Rundschau (14.01.) treffend ausdrückte, mit denselben Mitteln, die sie erzeugt haben, bekämpfen zu wollen. Die Technisierung der Supervision durch immer wieder neu aufgelegte Formate oder Performance verschleiert den Blick darauf, dass es um die Supervisand*innen und deren möglichste Autonomie am Arbeitsplatz geht und um ein menschenwürdiges Leben, deren Klientel betreffend.

Leider geht die Schere zwischen einer profitorientierten Ernährungsindustrie und gesunder Ernährung immer weiter auseinander. Eine Lösung kann auch nicht sein, dass sich Reiche gesund ernähren, während sich Arme solche Lebensmittel zunehmend weniger leisten können. Das Thema nur zu individualisieren bedeutet, die Betrüger weiter machen zu lassen, als wäre das Gegenüber des aufgeklärten Verbrauchers der gewiefte, betrügerische Unternehmer. Demokratie und Rechtsstaat können in diesem Zusammenhang nicht Mittel zum Zweck sein – was nicht ausdrücklich verboten, ist erlaubt – aber auch nicht Entschuldigung für Nicht-Politik und Missmanagement. (RoMa)

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