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Wohlstand

Jun 06 2019 Published by under Robert Maxeiner

Er soll gesichert werden – immer wieder neu. Er sei untrennbar verbunden mit den Bürgern einer Nation wie das Ei mit dem Huhn. Dass es diesem genommen wird, (das Ei dem Huhn,) tut dem Glauben an den Wohlstand keinen Abbruch. Verleugnung ist neben Verdrängung der Deutschen liebster Abwehrmechanismus. Angeblich hat Wohlstand etwas mit Besitz und Geld zu tun. Wohlstand, Bürger und Nation sollen somit eine Formel abgeben, das abgewertete Pendant sei Nicht-Bürger und so in die Schublade gepackte Wirtschaftsflüchtlinge.

Gesundes Essen sollte selbstverständlich sein, für jede und jeden von uns, weshalb es in Zusammenhang mit Wohlstand nicht erwähnt wird, denn es darf keinen Wohlstand für diejenigen geben, die ihn sich nicht verdient haben. Aber gesundes Essen ist schon lange nicht mehr selbstverständlich, im Gegenteil enthalten Nahrungsmittel oft krebserzeugende Stoffe. Also gehört gesundes Essen zum Wohlstand, beziehungsweise ist Luxus, den wir uns immer weniger leisten, weil wir oft gar nicht wissen, woraus unser Essen besteht. Oft geben Nahrungsmittelhersteller wissenschaftliche Gutachten in Auftrag, die beweisen sollen, dass nicht bewiesen werden kann, dass bestimmte Nahrungsmittel krebserzeugend sind. Von daher gehört zum neu zu definierenden Wohlstand, die Beweislast umzukehren, damit wir nicht essen müssen, was eventuell oder wahrscheinlich krebserzeugend ist.

Die Luft ist, besonders in verkehrsreichen Ballungszentren, nicht sauber. Folglich ist saubere Luft inzwischen ebenfalls Zeichen von Wohlstand.

Die Arten in ihrer ganzen Vielfalt gehören sich selber. Jede kleinste ökologische Nische ist besetzt. Die Evolution arbeitet gründlich und kontinuierlich, nicht etwa gewissenhaft. Als nachhaltig muss man diesen Vorgang auch nicht bezeichnen, denn die Natur benötigt keine menschliche Sinngebung. Das Gewissen lässt sich ohnehin betrügen. Man kann es glauben machen, Wohlstand sei ein riesiges Getreidefeld, das mit Glyphosat behandelt wurde. Vögel, Fische, Wildbienen, Käfer oder Schmetterlinge sind Zeichen eines Wohlstands, obwohl wir diesen nicht besitzen oder gerade deshalb.

Eine lebendige Demokratie sorgt für Wohlstand, immer wieder neu, zum Beispiel durch Zugang zu Informationen und wegen freier Meinungsäußerung. Aber sie ist pflegebedürftig. Man kann sie aber deshalb nicht wegwerfen und eine neue bestellen, wenn sie erkrankt ist. Man muss sie geduldig gesund pflegen. Praktizierte Demokratie sorgt nicht nur für Wohlstand, sie ist es dadurch.

Bemerkung am Rande: Wenn die Linke Wohlstand für alle fordert, wird sie als verlogen beschimpft, weil in einem kapitalistischen System der Reichtum der Reichen die Armut der Armen bewirkt. Wenn die CDU Wohlstand für alle erhalten will, bedeutet dies, dass, wenn die Reichen reich genug sind, auch für die Anderen genug abfällt.

Ein gesunder Wald ist Wohlstand pur. All diese Prozesse, die den Wohlstand eines intakten Waldes ausmachen, die Entstehung von Chlorophyll, das Bestäuben, Besamen, sich vermehren, haben wir im Biounterricht gelernt. Es gibt auch interessante, lehrreiche Sendungen auf ARTE, 3Sat oder den dritten Programmen. Aber leider macht Information noch keine Aufklärung, vom Handeln, beziehungsweise Nicht-Agieren ganz zu schweigen. Leider, auch hier wenig Wohlstand, der Wald ist krank, leidet unter der Klimakatastrophe. Jede Stunde werden auf der Erde Fußballfeld große Waldstücke mit ihrer ganzen Artenvielfalt zunichte gemacht.

Mit dem Wohlstand unseres Geistes ist es auch nicht mehr weit her. Wir lassen denken, erheben, erfassen, analysieren. Wir denken kaum noch selber. Wir entwickeln keine Gedanken. Allenfalls wägen wir ab, folgen Meinungshoheiten, skurrilen Ab- und Aufwertungen, die wir nicht selber entwickelt haben. Manchmal lehnen wir sie auch ab und folgen Meinungsminderheiten oder Standpunkten, die sich auf Fakten beziehen, welche gar keine sind.

Unser Wohlstand bestand darin, dass wir alles Mögliche tun, sprich konsumieren konnten. Nun können wir uns kaum noch bewegen, ohne zugleich durch Konsum zu zerstören. Deshalb sind wir Verbraucher, das heißt, wir haben verbraucht, zerschlissen, ausgebeutet, ausgefressen. Der Zusammenhang zwischen verbrauchen und zerstören wird immer deutlicher, weshalb wir an Erneuerung, Renaturierung, Entschädigung, Versteuerung glauben sollen.

Unser Wohlstand bestand bisher darin, ihn nicht mit den Armen dieser Welt teilen zu müssen. Der Wohlstand der Reichen besteht darin, sich das Beste von allem zu nehmen. Dies kann nicht mehr lange so gehen, denn die Ressourcen dieser Erde werden in errechenbarer Zeit erschöpft sein. Dann sitzen alle zusammen mit den Flüchtenden in einem Boot.

Unser so definierter Wohlstand hat uns in die Armut getrieben. Anders gesagt handelte es sich nicht um einen (Wohl-)Stand, etwas das gleich bleibt, sondern um einen permanenten Verbrauch. Wir standen eben nicht, waren zu häufig unterwegs, vor allem in der Luft.

Vielleicht können wir umdenken, bevor es ganz zu spät ist und in der Folge dann auch umhandeln. Denken wir in vielseitigen Prozessen statt in einseitigen Ergebnissen, denn es ist weder 5 vor, noch 5 nach 12. Wir sollten etwas anderes tun, aber noch besser sollten wir Vieles nicht (mehr) tun. Denken wir Wohlstand anders, statt zukunftsfähig etwas bescheidener zukunftsorientiert, damit unsere Nachfahren die Zukunft noch als Gegenwart erleben. (Roma)

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