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Wertschätzung – Die Popularisierung eines Begriffes

Mai 03 2019 Published by under Robert Maxeiner

Warum oder wozu brauchen wir das Wort „Wertschätzung“, und was bedeutet es? Es ist anzunehmen, dass die Wörter „Schatz“ und „Schätzung“ denselben Ursprung haben. Etwas wird geschätzt, was oder wieviel der Schatz Wert es ist oder welchen Wert es hat. Ein zusammengesetztes Wort stellt in der Regel eine Verbindung zwischen zwei unterschiedlichen Begriffen her. Hier handelt es sich um Gegenstände, Meinungen, Haltungen, Handlungen von Menschen, ihre Arbeiten, Berufe, gar sie selber als Personen, deren Wert vorgeblich geschätzt wird. Aus welchen Gründen dies geschieht und nach welchen Kriterien bleibt offen.

Seit einigen Jahrzehnten genießt diese Bezeichnung auf Grund permanenter Verwendung bei diversen Gelegenheiten offenbar eine hohe Popularität. Agenturen spielen sich auf, indem sie Rankings nach zweifelhaften Kriterien erstellen, um den Wert von was auch immer ab- oder einschätzen zu können. Die Gewerkschaft Verdi fordert mit dem Spruch „Wir sind es Wert.“ die Rückkehr in die Tarifgemeinschaft der Länder. Menschen geben in Smalltalks vor, ihr Gegenüber oder dessen Standpunkt wertzuschätzen. Das Wort bezeichnet nicht nur ein Produkt, es bewertet oder beurteilt es auch, wird in seiner Anwendung selbst zum Produkt, sei es auch nur als griffige Worthülse. Der Mensch wird nach Leistung eingestuft und beurteilt, deren Wert jedoch in der Flatterhaftigkeit des Zeitgeistes selber flattert und schwankt und wird somit ebenfalls als Produktträger seiner Arbeit selbst zum Produkt.

Offenbar verlernen wir es zunehmend, uns umfassend oder detailliert zu informieren, uns aufzuklären oder aufklären zu lassen, um uns selbst einen Standpunkt zu bilden. Dies ist auch damit begründet, dass Zusammenhänge, Abhängigkeiten und Gegenabhängigkeiten immer komplexer werden und dadurch immer schwerer zu durchschauen. Diese Tatsache rechtfertigt jedoch nicht, die Bildung eines Standpunktes zu delegieren, zumal wir statt eines detailliert begründeten Meinungsbildes oft nur nach zweifelhaften Kriterien ausgewertete Daten erhalten. Können wir uns als Demokraten nicht davon entbinden, auf unsere Möglichkeit zu setzen und auf unserer Fähigkeit zu vertrauen, welche Achtung, welchen Respekt wir haben (wollen), und was wir uns für eine Meinung bilden können? Vergleichsportale, Rankings, Hitlisten oder Likes können diese nicht ersetzen, sowie künstliche Intelligenz zwar so genannt wird, aber gar keine Intelligenz ist, weil einer Maschine die Fähigkeit des Fühlens und Bildens einer persönlichen Meinung abgeht. Grundsätzlich macht eine Wertschätzung Lebendigem gegenüber keinen Sinn, weil Dasein als solches diese nicht nötig hat.

Wert klingt nach Markt. Bei der Schätzung eines Wertes geht es also um den Marktwert. Offenbar spielt auch Ethik eine (nicht ausgesprochene) Rolle, sonst könne man sich mit der ursprünglichen Bezeichnung begnügen, also welchen ethischen oder moralischen Wert wir Dingen oder Handlungen beimessen. Der Markt kennt aber keine Ethik. Dies mag der Grund sein, warum diese verschwiegen wird, beziehungsweise herrscht ein Glauben vor, der Markt würde sich selber (also auch ethisch) regulieren. Sollte es dennoch eine Ethik des Marktes geben, ist sie nachgetragen, gebastelt nach opportunen Kriterien, Marktkriterien eben, die am Mehrwert orientiert sind. Die Definition von Wertschätzung, beziehungsweise deren Favorisierungen ändern sich, falls und indem es recht und billig ist. Tauschen wir die Silben des Begriffs, wird aus Wertschätzung „Schätzwert“. Der Wert einer Arbeit wird weder an der Qualität noch am Ergebnis bemessen, sondern nach virtuellen Gesichtspunkten, ähnlich einem aktuellen Kurswert, der dadurch wiederum eine vermeintliche Qualität erhält und ein Ergebnis produziert (oder provoziert). Karl Marx hat sich ausgiebig mit diesem Phänomen befasst. Nun passiert es aber ständig, dass Markt- und Ethik-Wert nicht kompatibel sind, einander gar widersprechen. Nehmen wir als Beispiel bestimmte Berufsgruppen: Bei Ärztinnen und Ärzten stimmen die beiden Werte nicht gerade überein, aber es gibt zumindest Schnittstellen. Sie leisten Menschliches und Soziales, darüber gibt es kaum einen Zweifel. Das Produkt ihrer Arbeit wird recht gut bezahlt, und sie selber werden dafür passabel honoriert. Bei Managern ist dies weitaus schwieriger einzuschätzen. Ihr Marktwert, sprich ihre Entlohnung scheint wesentlich höher zu sein als der ethische oder soziale Nutzen, für den sie und ihre Arbeit stehen. Bei Bänkern verhält es sich womöglich ähnlich inkompatibel. Wieviel ist zum Beispiel die Arbeit eines Investmentbänkers wert? Wenn er am Rande der Legalität agiert oder gar außerhalb von ihr, was nicht so selten vorkommt, dürfte seine Arbeit nicht viel wert sein. Indem er dann noch mit hohem Risiko agiert und verliert, sinkt der Wert seiner Arbeit gar ins Minus. Dann arbeitet er mehr zum Schaden als zum Nutzen einer Gesellschaft, selbst im merkantilen Sinn. Trotzdem streicht er weiterhin ein immens hohes Gehalt ein und erhält womöglich diverse Bonuszahlungen. Wird seine Arbeit somit trotzdem wertgeschätzt, oder erhält er das viele Geld trotz mangelnder Wertschätzung? Oder womöglich als Ersatz? Also: Wer unseriöse Arbeiten verrichtet, soll wenigstens gut bezahlt werden. Oder umgekehrt: Wer Sinnvolles tut, zieht seine Zufriedenheit daraus und wird deshalb schlecht bezahlt. Unter einem „schmutzigen Deal“ versteht man nicht etwa Arbeit in Dreck und Schlamm, sondern illegale und unmoralische Absprachen. Diese wiederum sollen angeblich einen hohen Wert haben, jedenfalls fürs Geschäft. Es besteht also offenbar ein Zusammenhang zwischen Wertschätzung, Entlohnung und Kapitalgewinn, nur steckt dieser voller Widersprüche und Verschleierungen. Man könnte auch zu dem Schluss gelangen, dass der ursprünglich, wenn auch nur suggerierte Schulterschluss zwischen Ökonomie und Geldvermehrung aufgekündigt wurde.

Betrachten wir dagegen den Beruf der Altenpflegerin/des Altenpflegers erscheint die Divergenz genau umgekehrt. Sie verrichten eine ethisch und sozial wichtige Arbeit, für welche sie im Vergleich schlecht bezahlt werden. Dazu kommen in der Regel miserable Arbeitsbedingungen und ungünstige Arbeitszeiten, die zu Überlastungen und Stress führen. An den schlechten Bedingungen will niemand etwas verbessern, weil die Kranken- und Pflegekassen mit dieser billigen Arbeit gute Geschäfte machen, und die Ursachen für schlechte Pflege immer auf Einrichtungen, bzw. die Pfleger*innen abgeschoben werden können. Die Pflegenden selber klagen häufig über mangelnde Wertschätzung ihrer Arbeit (durch ihren Arbeitgeber und/oder die Öffentlichkeit), vor allem, was den sozialen und mitmenschlichen Aspekt angeht, denn häufig werden sie kritisiert, indem sie diesen berücksichtigen, indem sie eine Beziehung zu ihrem Klientel herstellen und sich Zeit für diese nehmen, aber dadurch weniger schnell und effektiv agieren. Zeit ist Geld. Trauriger Weise sind sie selber oft die Einzigen, die diese Qualität ihrer Arbeit, vor allem die erwähnte zwischenmenschliche, realistisch einschätzen können. Diese Arbeit geschieht zwar mitten in der Gesellschaft, aber kaum jemand will sie im Detail kennenlernen und die Dimensionen ihrer Qualität verstehen. Selbst die Kontrollinstanz der Krankenkassen, der medizinische Dienst (MDK) kontrolliert lieber Dokumentationen und Zahlenwerke statt die konkrete Arbeit auch nur zu erfassen. Auch auf Grund dieser isolierten Situation ist der Zusammenhalt im Team so enorm wichtig, denn oft messen schon ihre nächsten Vorgesetzten ihrer Arbeit einen anderen Wert bei, weil sie Geschäfte führen, statt die pflegerische Qualität der Arbeit zu sehen.

Nun kommt die Wertschätzung ins Spiel, hat gar einen großen Auftritt: Da der Profit weiterhin an erster Stelle stehen soll, somit an dem verkommenen Pflegesystem nichts geändert wird, soll die Berufsgruppe aufgewertet, also mehr wertgeschätzt werden. Davon können sich die Pflegekräfte zwar nichts kaufen, aber wenigstens sollen sie sich besser fühlen. Falls sie dieser Forderung nicht nachkommen oder selbst mehr einfordern, zum Beispiel eine bessere Entlohnung oder familienverträglichere Arbeitsbedingungen, wird ihnen die verordnete Wertschätzung wieder durch einflussreiche Lobbyarbeit entzogen, und sie werden als notorische Jammerer dargestellt. Hilft dies auch nicht, wird die immer wieder neu aufgelegte Neiddebatte aus der Mottenkiste erfundener Ursachen hervor geholt. Sollte die Wertschätzungskalkulation nicht aufgehen, eröffnen Lobbyisten der Kranken- und Pflegekassen ein neues Wertschätzungsangebot, indem sie zum Bespiel die Anwerbung neuer Pflegekräfte im Ausland in die Diskussion werfen. Vorher muss natürlich die Mangelsituation bis zur Schmerzgrenze austariert werden. Falls diese Anzuwerbenden nicht ausgebildet sind und über keine Sprachkenntnisse verfügen, soll möglichst die öffentliche Hand für die nötige Aus- und Weiterbildung aufkommen. Natürlich lassen sich nur Leute aus Ländern anwerben, wo es ihnen existenziell nicht so gut geht, und sie folglich mit den Arbeitsbedingungen und der Bezahlung hier sehr zufrieden sind. So lässt sich der Status Quo einer qualitativ schlechten Pflege mit optimalen Ausbeutungsmöglichkeiten erhalten. Dieses unwürdige System sollen wir Bürgerinnen und Bürger auch zukünftig wertschätzen, weil eine Änderung desselben uns teuer zu stehen käme.

Das Beispiel der Pflege mag ein besonders krasses sein, funktioniert aber in anderen Branchen ähnlich. Früher stiegen die Löhne, wenn der Bedarf einer Berufsgruppe stieg. Heute bleibt die Bezahlung gleich oder die Entlohnung vermindert sich gar (siehe Paketzusteller). Wertschätzung in einer asozialen Marktwirtschaft, verbunden mit einem rigiden Kapitalismus tritt immer dann auf, wenn es mit den ethischen und sozialen Werten, landläufig auch Ungerechtigkeit genannt, nicht stimmt oder massiv abwärts geht. Sie wird wie eine Art sozialer Kitt in einer von zunehmender Spaltung begriffenen Gesellschaft verwendet. Das scheinbar Paradoxe daran: Wertgeschätzt werden soll das, was durch den Markt gerade nicht wertgeschätzt, also nicht entsprechend honoriert wird. Daraus könnte ich schließen, dass meine Definition des Begriffs Wertschätzung eine falsche ist, denn es geht offenbar gar nicht darum, den Wert einer Arbeit ein- oder abzuschätzen, sondern die Wertschätzung ist, wie oben beschrieben, selber das Produkt, ein Ersatzobjekt nach dem Motto: Wer diese (soziale) Arbeit macht, wird zwar schlecht bezahlt und dazu noch häufig für die Folgen schlechter Bedingungen kritisiert, aber dafür wird seine Arbeit wenigstens wertgeschätzt. Die Investmentbänker können also auf die Wertschätzung ihrer Arbeit gut verzichten, denn sie werden ja fürstlich bezahlt. Und dies soll auch so bleiben, hier wie da. (RoMa)

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