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Der Kreis schließt sich

Nov 08 2018 Published by under Robert Maxeiner

Das Paradies war von zwei entscheidenden Fakten geprägt: Der Löwe lag beim Lamm, und die Menschen durften nicht vom Baum der Erkenntnis essen.

Als ich vor vielen Jahren einmal an einem frühen Morgen durch die Savanne Namibias fuhr, entdeckten wir Löwen. Sie hatten in der Nacht gejagt, ihre Mäuler waren noch blutig. Jetzt kamen sie gerade von der nahen Tränke. Sie gähnten einige Male, trotteten dann zu einer Schirmakazie, die ihre Äste weit ausbreitete, legten sich müde in deren Schatten und dösten vor sich hin. Nach einiger Zeit kam ihnen eine Herde Zebras recht nahe. Diese spürten, dass sie von den satten Löwen nichts zu befürchten hatten. Ich empfand die Szene als einen paradiesischen Zustand.

Der alttestamentarische Gott erwartete selbstverständlich, dass die Menschen ihm gehorchten. Heute ist nicht nur der Fakt, sondern das Wort aus der Mode gekommen. Zugleich wählen überall auf der Welt Menschen Egomanen und Diktatoren an die Macht, denen sie freiwillig gehorchen, oder die sie zum Gehorsam zwingen.

In vorgeschichtlichen Zeiten, lange vor der Entstehung von Religionen, glaubten die Menschen an eine beseelte Natur. Jede Pflanze, jedes Tier waren beseelt, und wenn der Mensch sich etwas nahm, musste er Abbitte leisten, den Geist des Baumes, den er gefällt, den des Tieres, das er gejagt hatte, besänftigen, denn er selbst, war ein Teil dessen, dem keine besonderen Rechte zustanden, und der nicht mehr wert war als eine Blume oder eine Ameise. Obwohl Menschen hart arbeiten mussten, um zu überleben, kannten sie weder den Begriff Arbeit, noch diese selbst. So könnte man das Leben im Einklang mit der Natur oder als einen Teil dessen als paradiesischen Zustand beschreiben.

Hätten also Eva und Adam nicht vom Baum der Erkenntnis essen sollen? Und worin bestand die Erkenntnis? Sie würden sein wie Gott, und weil dieser die Erde nach seinem Willen erschaffen habe, würden sie unabhängig sein von deren Gesetzen. Dies erwies sich auf etwas längere Sicht als Trugschluss.

Hat die Erkenntnis uns also geschadet? Die Antwort auf diese Frage nützt uns kaum, denn früher oder später wären wir, ob unserer geistigen Fähigkeiten nicht um die Erkenntnis herum gekommen. Das ist das eine, das andere ist, dass wir in dieser Art der Erkenntnis ungeübt waren und entweder das Erkannte falsch deuteten oder die falschen Schlüsse daraus zogen.

Sigmund Freud beschrieb in Totem und Tabu beispielhaft die Entwicklung des Über-Ich. Wenn wir in der Evolution noch einige Schritte weiter zurück gehen, brauchte der Mensch nicht erst zum Kannibalen oder Vatermörder zu werden, denn da er im paradiesischen Zustand Teil der Natur selber war, konnte er es gar nicht vermeiden, keine Schuld auf sich zu laden, er beging Frevel an ihr, indem er sich täglich von ihr ernährte. Von da ab waren die Pforten des Paradieses verschlossen. Ich bin sicher, dass der Mensch von Anfang an an die Wiedergeburt glaubte, sodass ihn der Tod nicht schrecken konnte, weil nichts in der Natur wirklich stirbt, indem alles immer wieder neu entsteht. Diese Erkenntnis wird durch moderne Wissenschaft bestätigt. Der frühe Mensch musste ein genauer Beobachter sein, um zu überleben. Nichts verging wirklich oder vollständig, solange es nicht aus dem natürlichen Gleichgewicht geriet. Sich selbst mutete er niemals zu, die Natur aus dem Gleichgewicht zu bringen. Diese Fähigkeit ging ihm im paradiesischen Zustand ab.

Mit der Erkenntnis kam die des eigenen Schicksals, der Verantwortung und damit auch des Schuldbewusstseins. Götter und ihre Vertreter auf Erden versuchen, das Über-Ich auszulagern, beziehungsweise, die Erkenntnisse auszuwählen und zu steuern. Der Mensch könnte mit der Aufgabe der Steuerung überfordert sein. Heute haben diese Aufgabe Regierungen übernommen. Diese sind mittlerweile dabei, sie an einflussreiche Konzerne oder ihre diktatorischen Protagonisten abzutreten, welche suggerieren, die Verantwortung gelte nur dem Ego und die Schuldfrage, wenn es denn überhaupt eine gäbe, beziehe sich nur auf den eigenen Erfolg oder Misserfolg.

Die Natur rächt sich nicht für unsere Verantwortungslosigkeit ihr gegenüber, dies wäre eine schamanistische Vorstellung, auch alttestamentarische Phantasien, ein rächender Gott schickte uns eine neue Sintflut, zeugen von Aberglauben. Aber das Wissen, in Einklang mit der Natur zu leben, ist uns Menschen bis heute nicht verloren gegangen, oder wir nähern uns vorsichtig dieser Erkenntnis wieder an, wenn wir zum Beispiel von Nachhaltigkeit sprechen oder uns mit Recycling beschäftigen.

Lange Zeit bescherte uns die Aufklärung Erkenntnisse, die uns befreiten und als Individuen unabhängiger machten, im Denken und Handeln. Heutzutage sind die Erkenntnisse vorwiegend bitter, und dies wird auch noch lange so bleiben, selbst wenn wir grundsätzlich umdenken und anders handeln. Wir haben zu lange an der Natur gefrevelt. Von daher werden wir es selbst nicht mehr erleben, ob eine Abkehr aus der Sackgasse möglich ist, diesen Planeten kahl zu konsumieren. Aber es könnte ein Trost sein, ganz egoistisch gedacht, wenn der Mensch überlebte. (RoMa)

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