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Immer mehr Tote im Mittelmeer

Aug 21 2018 Published by under Robert Maxeiner

In den letzten beiden Monaten verloren 721 Menschen auf der Flucht ihr Leben im Mittelmeer. Diese Menschen könnten noch leben, wenn ihnen rechtzeitig geholfen worden wäre. Sie alle hatten ein individuelles Schicksal, eine Biographie, die sich zurückverfolgen ließe. Damit bliebe ihr Schicksal für uns einfühlbar. Wir könnten mit- oder nachfühlen, und sie wären nicht bloß noch eine Zahl, wenn auch eine erschreckende. Wir könnten an die Menschen denken, die leben und auf der Flucht sind, und wir könnten versuchen, ihnen zu helfen.

Sigmund Freud sagte einmal, es gäbe keine Zufälle. Er bezog sich dabei auf das Individuum, das sein Schicksal, bewusst oder unbewusst, gestaltet. Der Zufall oder die Laune der Natur kann mit dem Eintritt in das menschliche Leben nicht mehr alleine herrschen. Das Schicksal der Menschen auf der Flucht besteht auch darin, dass sie eben zufälligerweise in diese oder jene Nation hinein geboren wurden, als Syrer, als Deutsche, als Chinesen, Eritreer oder Afghanen.

Ursprünglich diente die Nation dem Schutz ihrer Bürger. Mittlerweile mutiert sie immer mehr zur Abwehr nach außen. Dieses Verständnis einer Nation ist nicht nur unmenschlich und unchristlich, es zeugt auch von einem primitiven Aberglauben, als stünden den Bürgern der eigenen Nation Privilegien zu, selbst solche, die, jedenfalls indirekt oder billigend in Kauf nehmend, über Leben und Tod entscheiden, an denen die anderen nicht teilhaben dürfen. So haben sich primitive Religionsgemeinschaften, Clans oder Stämme in alten Zeiten definiert. Der Rechtsstaat wird in eben jenem primitiven Mechanismus missbraucht, indem er für die Eigenen und gegen die Anderen genutzt wird. Bis zum institutionalisierten oder strukturellen Rassismus ist es dann nur noch ein kleiner Schritt, bzw. der Rassismus geht im Nationalismus auf. Kapitalismus und Neoliberalismus reihen sich in diesen Kontext insofern ein, indem sie die Menschen nicht als gleich betrachten, wie es Menschenrechte und Grundgesetze vorsehen, oder wie es in einer Demokratie selbstverständlich sein sollte, sondern der Mensch wird nach Leistungsvermögen und Kaufkraft auf- oder abgewertet, eine Art moderner Feudalismus. Selbstverständlich wird dies anders genannt. Nicht mehr das Menschliche oder ethisch-moralische Kriterien sind für eine Entscheidung ausschlaggebend, sondern die Legitimation des Handelns. Zynisch ist von illegitimer Migration die Rede, und es handelt sich nicht um ein Unrecht aus deutscher und europäischer Sicht, Menschen auf der Flucht ertrinken zu lassen. Auf Grund ihrer Nationalität seien gar die Flüchtenden selber im Unrecht, indem sie europäischen Boden betreten. So verwandelt sich Recht in eine archaische Formel, einem primitiven Schamanismus ähnlich. Aufklärung verwandelt sich in Remythologisierung. Wenn Rassisten und Nationalisten das Staatsruder in die Hand nehmen, wird nicht mehr nur unterschieden zwischen Bürgern unterschiedlicher Nationen, oder zwischen Einheimischen und Fremden, denn sie nehmen sich, wenn sie die Macht haben, das Recht, für Unrecht zu erklären, was in ihren Augen anders ist. Deshalb handeln wir nicht nur zwischenmenschlich, wenn wir die Flüchtenden retten oder sie aufnehmen, denn es geht auch um unser eigenes Schicksal. (RoMa)

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