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Wessen Supervision ist das eigentlich

Jun 02 2018 Published by under Robert Maxeiner

Natürlich könnte ich auch fragen, wem sie gehört, aber ich ziehe den Genitiv vor, weil der Dativ sich auch überall dort breit macht, wo er eigentlich gar nichts verloren hat, oder inhaltlich betrachtet eignet sich Jemand etwas an, von dem zumindest nicht sicher ist, ob es ihr oder ihm tatsächlich gehört. So ließe sich die titelgebende Frage verwerfen oder leicht beantworten, gehört doch die Supervision keinem oder allen Beteiligten.

Das Konkrete wird in einem Kontraktgespräch vor Beginn einer Supervision geklärt. Aber stimmt dies tatsächlich? Möglicherweise sind die Vorbedingungen so festgelegt, dass es sich beim Kontrakt oder Vertrag nur noch um eine Art Ritus handelt, der (formaldemokratisch) suggeriert, es ginge um Mitbestimmung oder Teilhabe. Ist es somit also die Supervision der Institution? Dies läge im Trend und bestätigte auch, dass es in dieser kapitalisierten Gesellschaft wie ein Gesetz anmutet, dass bestimmt, wer bezahlt, sich somit das Recht der Beauftragung und Zielorientierung nimmt. Für die Arbeitnehmer*innen, mittlerweile auch im sozialen Bereich, bleibt die Nische, den von der konkreten Tätigkeit weitgehend abgekoppelten Auftrag in fachliches, professionelles Handeln, also den Anliegen und Bedürfnissen des Klienten, das selber nicht Vertragspartner bezüglich der Supervision ist und deshalb von diesen mit vertreten werden muss, umzugestalten.

Damit die Schere zwischen Geschäft/Auftragsvorgabe einerseits und Klientenorientierung/Fachlichkeit andererseits nicht zu weit auseinander triftet, besteht die Möglichkeit, direkte Vorgesetzte in die Supervision einzubeziehen. Leider sind diese ebenfalls zunehmend von der Geschäftsführung abgekoppelt, beziehungsweise, die Kompatibilität von Geschäft und fachlicher Arbeit triftet durch eine neoliberal ausgerichtete Politik immer weiter auseinander. Die Supervision gestaltet sich bestenfalls in einer reflektierten Kompromissbildung zwischen fachlichem Anspruch, der sich am So-Sein des Klienten orientiert, und den Vorgaben des Managements. Gäbe es selbstorganisierte Supervisionen für berufstätige Mütter mit kleinen Kindern, könnten diese ihren Einfluss hinsichtlich der Ziele und Inhalte im Prozess optimal geltend machen. Aber möglicherweise ist der Preis, dieses hochkomplexe Rollenprofil und diese Menge an Arbeit möglichst optimal handhaben zu können und dabei noch Zeit für persönliche Bedürfnisse zu finden, verdammt hoch. Oder, etwas zynisch betrachtet, machen nicht mehr Supervisor*innen das Geschäft, sondern Coaches und Burnout-Spezialisten.

Sollte es also die Supervision der Supervisorin, des Supervisors sein, die/der sich ein diagnostisches Bild macht, um dann zu entscheiden, welches Setting das Passende ist? Die Kompromissbildung bestünde darin, dass immer noch ein Rest an Ressourcen bei den Beteiligten gefunden wird, der für die Durchführung des Auftrags mobilisiert werden kann, beziehungsweise, es gerade darum ginge, verbrauchte Ressourcen neu zu bilden. Dies braucht natürlich Zeit, die weder vorhanden, noch eingeplant ist. Die Möglichkeiten der Bewahrung oder Prävention haben sich leider aus Sicht der Arbeitnehmer*innen nach wenigen Jahren Berufstätigkeit aus den oben genannten Gründen erledigt, beziehungsweise werden kranke oder grundsätzlich erschöpfte Arbeitnehmer*innen staatlicher Fürsorge übergeben.

So könnten wir zu dem Schluss gelangen, dass sich ab einem bestimmten Punkt Supervision mit Neoliberalismus nicht mehr verträgt. Alternativen können sein, sich einseitig Bedingungen anzupassen, oder sich in einer der oben geschilderten Nischen einzurichten. Formal betrachtet bleibt also Alles beim Alten. Der Kunde bleibt König und weiterhin der ständig Betrogene oder Geprellte. Der Supervisor ist vom Meister des Settings zu dessen dienstleistenden Handlanger mutiert, der seinen Werkzeugkasten (Computer) ständig neu bestücken muss. Aber wir können uns glücklich schätzen – und dies meine ich ernst –, dass wir in einer Demokratie leben, obwohl unvollständig und empfindlich, und eine Supervision prozesshaft ausgerichtet bleibt. Einseitige Besitzverhältnisse laufen dagegen auf einen finalistischen Schluss hinaus, der die Menschheit weiterhin spaltet, in Arme und Reiche, Friedliebende und Kriegführende, Umweltschützende und Umweltausbeutende, Flüchtende und Sesshafte. Bezogen auf die oben gestellte Frage geht es um nichts weniger als die Infragestellung der Besitzstandswahrung und der Schieflage von Machtkonstellationen, und die Wiedereinführung von Rollen- und Auftragsdifferenzierung auf der Basis von humaner Wertarbeit. (RoMa)

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