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Ritus und Spiel

Feb 03 2018 Published by under Robert Maxeiner

Der Ethnologe Claude Levi-Strauss (1908 – 2009) hat den wechselvollen Zusammenhang von Spiel und Ritus erforscht. Demnach entwickeln sich Riten häufig aus einem spielerischen Zusammenhang, zum Bespiel Festspiele, die zu Ehren einer höheren Macht aufgeführt werden. In vielen Fällen löst der Ritus das Spiel vollends ab, beziehungsweise wird aus ethisch-moralischen Gründen streng von diesem getrennt (Heilige Messe). In modernen Zeiten haben Riten an Attraktivität verloren, während Spiele einen hohen Unterhaltungswert besitzen. Zum Beispiel besuchen wesentlich mehr Menschen regelmäßig ein Fußballstadion als einen Gottesdienst.

In der Marktwirtschaft spricht man gern vom freien Spiel der Kräfte oder von spielerisch ausgetragenen Wettbewerben. Tatsächlich handelt es sich bei der ständig wiederholten Forderung nach Wachstum jedoch mehr um ein Mantra (Ritus), denn um eine wissenschaftlich belegte Erkenntnis. Die Parallelität zum Ritus zeigt sich auch darin, dass sie vom Ergebnis aus auf das Mittel schlussfolgert. Wenn der Schamane oder der Priester unter Zuhilfenahme eines erprobten Rituals den Regen herbei fleht, wird er es dann auf dieses zurückführen, wenn der Regen schließlich fällt. Ähnlich denken und handeln Wirtschaftsweisen, die ein Wachstum auf ihr ritualisiertes Handeln zurückführen. Im ersten Fall werden die Gläubigen auf Grund ihres Gebets, im zweiten die Arbeitnehmer auf Grund ihres Schaffens um ihren Beitrag am Erfolg geprellt.

Unmerklich wird das Spielerische selbst in postmodernen Zeiten (wieder) von der Macht des Ritus beherrscht. Die Regeln und ihre Anwendung bei einem Fußballspiel sind ein aktueller Beleg dafür. Selbst die Priester, Pardon Schiedsrichter, wissen nicht genau, wie die Regel anzuwenden oder zu interpretieren, das Ritual zu vollziehen ist. Zunehmend wird das ganze Procedere durch geschickte Auswahlverfahren so gestaltet, dass diejenigen Mannschaften, die über das meiste Kapital verfügen, auch den entsprechenden Erfolg haben. Dadurch fließt wieder mehr Geld in die Kassen, sodass entsprechend gute Spieler gekauft werden können usw. Die sog. Underdogs, welche diese Regel durch ihren gelegentlichen Erfolg vermeintlich widerlegen, wahren zum einen den Schein des fairen, spielerischen Wettbewerbs, zum anderen schaffen sie Heroen (oder gar Fußballgötter), die als Identifikationsfiguren für die Massen den Ritus als solchen stabilisieren.

Daraus ließe sich folgern, dass wir in einer Zeit leben, die sowohl von der Aufklärung, als auch von Mythen geprägt ist, oder beide Faktoren in ihrer Dominanz einander abwechseln. Nicht nur Mythos wird zu Aufklärung, umgekehrt wird auch Aufklärung wieder zu Mythos. Wenn wir die Aufklärung nicht als geschichtlich determinierten Prozess, sondern als ein permanentes Ringen um Wissen und Erkenntnis verstehen, ist sie wie die Wiederkehr des Mythos, durch Riten vollzogen, Teil unseres menschlichen Schicksals, deren Wechselwirkungen ständiger Reflexion bedürfen. (RoMa)

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