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Von der gar nicht so merkwürdigen Begebenheit des Konsumverzichts

Dez 01 2017 Published by under Robert Maxeiner

Konsumverzicht: Herr K kannte das Wort zwar, aber er benutzte es niemals. Er erlebte sich als sparsam, andere hielten ihn womöglich für etwas geizig, aber nicht in der Weise, die häufig als geil bezeichnet wird. Also leistete Herr K schon Konsumverzicht, bevor das Wort noch mehr als die Tatsache in aller Munde war. Nachhaltigkeit und die Senkung des Cholesterinspiegels als Produkt hatten wir bereits hinter uns.

Zuerst sprachen antikapitalistische Aussteiger und einige Gesellschaftswissenschaftler darüber. Dann entdeckte die alternative Politik das Phänomen, mehr als Kampfbegriff, denn als wirklicher Alternative. Erst als größere Teile der Bevölkerung sich ernstlich und faktisch mit Konsumverzicht beschäftigten, wurden die Politik, die Boulevardpresse und vor allem die Nahrungsmittelindustrie aufmerksam. Ähnlich der vormaligen Neiddebatte starteten Arbeitgeberverbände und ein großes Boulevardblatt, das sich für eine Zeitung hielt, eine Diffamierungskampagne gegen die als Hungerleider bezeichneten Alternativen. Das Gegenteil wurde erreicht, bei den Betroffenen jagte ein Adrenalinschub den nächsten – offenbar im Stammhirn durch häufigeren Konsumverzicht ausgelöst – und der Begriff wurde prall mit Energie und Ideologie aufgeladen. Jetzt sprang auch die große Politik auf den Zug auf, der schon gewaltig Fahrt aufgenommen hatte, denn es musste der Verlust von Wählerstimmen befürchtet werden. Die CDU und ihre Schwesterpartei CSU legten einen Streit über die konkrete Umsetzung bei. Einzig die FDP als typische Klientelpartei hielt sich lange zurück, weil sie die Konsumverzichter nicht als ihre Klientel betrachtete. Aber das Blatt sollte sich schnell wenden. Ähnlich wie bei der Nachhaltigkeit musste nun das Wort Konsumverzicht bei jedem zweiten Satz in den Mund genommen werden. Nach der nächsten Bundestagswahl wurde eigens ein Ministerialbeamter des Wirtschaftsministeriums für das neue Ressort bereitgestellt. Herr K wunderte sich.

Der Konsumverzicht sorgte bei großen Teilen der Bevölkerung für ein gutes Bauchgefühl. Ähnlich dem Black Friday wurde ein Sweet Thursday eingerichtet. Der gleichnamige Roman von John Steinbeck schoss in den Bestsellerlisten kometenhaft nach oben, obwohl sich die Bezeichnung ein Werbefachmann ausgedacht hatte, der weder von dem Schriftsteller, noch von dem Buch je gehört hatte. Und nicht nur der Donnerstag wurde versüßt. Es entstand eine völlig neue Produktpalette, bestehend aus alternativen Nahrungsmitteln, alternativer Kleidung, Dragees, Konsumverzichtswellnessoasen, Sportgeräten und vielem mehr. In diesem Zusammenhang wurde auch das Faulenzen wieder entdeckt. Sogar ein eigenes Logo wurde für Produkte des Konsumverzichts entwickelt, damit sie leichter erkannt und konsumiert werden konnten. Es wurden Ratgeber geschrieben, Vorträge gehalten, und das Thema fand Eingang in den Lehrplan der gymnasialen Mittelstufe. Ganze Betriebszweige befassten sich mit Produkten des Konsumverzichts, und Siemens stellte die eben erst entlassenen Arbeiter wieder ein, stattete sie allerdings nur mit Zeitarbeitsverträgen aus. Selbst die Deutsche Gesellschaft für Supervision und Coaching forderte die Ausbildungsinstitute auf, den Konsumverzicht neben kreativem Faulenzen in die Ausbildung zu integrieren. Einige Schlauberger, zu denen auch Herr K gehörte, behaupteten nun, der Konsumverzicht würde zu mehr Konsum als vorher führen. Deshalb wurde der Begriff erweitert, er hieß nun richtiger Konsumverzicht, wie ein Hattrick beim Fußball immer lupenrein und eine gute Satire immer bitterböse ist. (Roma)

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