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Handlungsdruck und Reflexion

Nov 06 2017 Published by under Robert Maxeiner

In den letzten Jahren erlebe ich es zunehmend, dass SupervisandInnen aus der Sozial- und Pflegearbeit häufig gestresst und in Zeitnot zur Supervision kommen und diese ebenso verlassen, weil der nächste Termin bereits wartet. Die Supervision auf einen anderen Zeitraum zu verschieben, kostet noch mehr Ressourcen, die insgesamt so knapp bemessen sind, dass sie an anderer Stelle umso mehr fehlen, oder das Klientel darunter leidet, was nicht selten zur Folge hat, dass sich Bedürftigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten, die eigentlich bearbeitet werden sollen eher verstärken und mehr Zeit und Energie in Anspruch nehmen. Von daher leidet die Konzentration der Teilnehmenden in der Supervision oder ist mit Unlustgefühlen verbunden. Der Handlungsdruck spiegelt sich insofern wider, indem es viel Unverarbeitetes zuerst einmal abzuladen, weniger zu reflektieren gilt. Zum Anderen werde ich als Supervisor aufgefordert, auf den Handlungsdruck mit Handlungsalternativen und Lösungsangeboten zu reagieren.

Die Fragen „Wie verstehe ich etwas?“ – nie gestellt – und „Was mache ich jetzt?“ werden dabei häufig synonym verstanden. In Teams mit jüngeren Leuten wird Reflexion oft vage als Nachdenken über, vielmehr aber als flexibles Handeln verstanden, weil schon bei Studium und Ausbildung ausschließlich Handlungs- als Lösungsansätze favorisiert werden. Ein Innehalten wird allenfalls als meditativer Appell oder als Ressourcenmodell verkauft. Natürlich wird nicht reflektiert, woher die dafür verwendeten Ressourcen genommen werden. Bei Managementtechniken wird ähnlich verfahren. Und zum Reflektieren ist schlicht keine Zeit, weil diese zum Handeln gebraucht wird.

Damit ist die Supervision ihres eigentlichen Sinns beraubt, weshalb der Markt sich mit ständig wechselnden, alternativen Handlungsmodellen aufbläht, beziehungsweise das Coaching als Handlungslenkungsmethode immer mehr an Bedeutung gewinnt. Tatsächlich passt es auch besser zu einem agierenden, auf Ergebnis und Gewinn hin polarisierten Markt, in den soziale Arbeit zunehmend einbezogen wird. Der Sinn einer Arbeit definiert sich über dessen finanziellen Gewinn und wird auf diese Weise wieder als Wert in den Markt eingespeist. Deshalb darf es nicht verwundern, dass zum Beispiel AltenpflegerInnen noch schlechter bezahlt werden als KrankenpflegerInnen und beide Berufsgruppen unter schlechten Bedingungen hart arbeiten müssen, denn ihr Klientel bringt keine Leistung (mehr), das schlimmste Vergehen in einer Leistungsgesellschaft.

Zudem wird die Notsituation des Klientels und der unmittelbar mit ihnen Arbeitenden gar nicht mehr erfasst, geschweige denn verstanden, sondern angebliche Verbesserungen am grünen Tisch nach falschen Kriterien ausgedacht und von oben nach unten weiter gegeben. Der Supervisionsmarkt versucht, möglichst an diese Einflussstellen zu gelangen, um beim Input und dem Raubbau letzter ungenutzter Ressourcen mitzumischen und überlässt die weniger gut honorierte Arbeit an der Basis den Anfängern. Denn auch im Supervisions- und Coachingmarkt gilt: Je weiter weg von der Basisarbeit, je höher hinauf, umso unbefriedigender die Konzepte in ihrer praktischen Anwendung und umso besser die Honorare.

Was also tun? (Diese Frage stelle ich jetzt auch.) Weiter dem Markt hinterher hecheln? Den Reflexionsansatz auf Hochglanzpapier drucken und coachen? Darauf warten, dass wieder der Mensch und nicht mehr die Ware zählt? Sich eine fachliche Nische suchen? In den Ruhestand gehen?

Ich werde auch mit Anderen darüber reflektieren und eine Entscheidung treffen. (Roma)

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