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Die Ambivalenz der Gefühle – oder: Der Ruf nach Eindeutigkeit

Okt 07 2017 Published by under Robert Maxeiner

Unsere nomadischen Vorfahren lebten über viele Jahrtausende als Jäger und Sammler. Wenn sie ein Wild erlegt hatten, freuten sie sich, dass ihr Clan nun für eine Zeit lang satt zu essen hatte. Zugleich waren sie traurig über den Tod des erlegten Tieres, denn als Menschen konnten sie das gleiche Schicksal erleiden, indem ein Raubtier sie oder ihresgleichen tötete.

Heute herrscht ein allgemeiner Ruf nach Eindeutigkeit. Ohne sich einen differenzierten Standpunkt gebildet zu haben, werden Gefühle ignoriert und trivialisiert, oder sie steigern sich zu groben und pauschalen Affekten. Gefühle und Worte, die diese benennen, sollen hinter einer Fassade von Correctness glatt gebügelt werden, und wenn dies nicht gelingt oder abgelehnt wird, kursieren Hassmails im Internet oder die Massen schreien ihre Wut auf der Straße heraus. Von dort ist es nicht selten nur noch ein Schritt, bis die Gewalt eskaliert.

Kaum etwas wurde weiter gedacht oder einer Lösung zugeführt, weil es schon vorher in Parteilichkeit zerfallen ist. Sog. Parteien wie die AfD nutzen diese Situation aus, indem sie durch affekthaschende Aussagen zu einer weiteren Spaltung beitragen.

Dieses gereizte Klima in der Gesellschaft spiegelt sich natürlich auch in Supervisionsszenen wider. Wie reagieren wir als SupervisorInnen darauf? Wir können uns auf bewährte Haltungen verlassen: Zuhören und Verstehen. Oft hilft dies schon, denn in einem auf Ergebnisse polarisierten Arbeitsalltag kann das Verstehen und Ertragen ambivalenter Gefühle eine enorme Erleichterung sein. Unsere Selbstreflexion unterstützt uns darin, unsere Suggestions- oder Manipulationstendenzen so gering wie möglich zu halten oder sie wenigstens so transparent wie möglich zu machen. Möglicherweise stoßen solche Haltungen zuerst auf Unverständnis, weil SupervisandInnen stärkere Dosen, sprich mehr Führung gewohnt sind.

Womöglich klingelt uns SupervisorInnen dieser Ruf nach Eindeutigkeit auch ständig in den Ohren. Immer wieder produzieren wir neue Verfahren, die oft nur neue Namen auf Aufklebern sind oder werden zunehmend zu Managern des Machens, indem wir neue Lösungsansätze propagieren, statt das vermeintlich oder tatsächlich Unvereinbare, Uneindeutige zu ertragen. Meist sind es die Letzten in der Kette, die ihrem Klientel oder den tatsächlichen Produktionsbedingungen nicht entfliehen können und entsprechende Situationen ertragen müssen (zu wenig oder erschöpftes Personal, Langzeitkranke, traumatisiertes Klientel). Demokratie und Kapitalismus passen konzeptionell auch nicht zusammen, und wir leben trotzdem damit. Die Frage ist viel mehr, wie wir dies tun. Dazu kann unser Berufsstand, betreffend Menschen in Arbeitsprozessen, einen reflektierten und reflektierenden Beitrag leisten. (Roma)

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