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Das Prä-Manipulative und das Post-Faktische

Aug 15 2017 Published by under Robert Maxeiner

Als Supervisorinnen und Supervisorin fühlen wir uns der Aufklärung verpflichtet, falls wir nicht das Manipulative dem Verstehenden vorziehen. Um verstehen zu können, bedarf es einer Motivation, das Faktische in seiner objektiven Gestalt und seiner subjektiven Auffassung – das Zweitgenannte schon einen Übergang zum Bewertenden – zu erfassen. Was bedeutet in diesem Zusammenhang das Post-Faktische? Gemeint ist, einen Fakt im Nachhinein in einen anderen um zu erklären. Dies ist natürlich nicht möglich, denn indem es so geschehen ist, bleibt es Fakt. Ein neues Faktum entsteht durch die Person, welche das entstandene Faktum umzudeuten sucht. Der Begriff „post-faktisch“ suggeriert, allein schon, indem er dafür erfunden wurde, dass sich an den Tatsachen selber etwas verändert hätte. Verändert haben sich aktuelle Tendenzen bezüglich Manipulation, zum Beispiel die Grundhaltung eines US-amerikanischen Präsidenten, dem Faktischen gegenüber, die Berichterstattung in den Medien oder vorschnelle Bewertungen.

Die Zeit vor der Aufklärung war von der Leugnung und Umdeutung von Tatsachen geprägt, und Diktatoren jeglicher Couleur wissen, dies zu nutzen. Eigentlich erhoffen sie sich, so manipulieren zu können, dass sie damit die gewünschten Fakten herbeiführen. So arbeitet auch die Werbung, wenngleich etwas sanfter. Ein Beispiel aus der Politik sind Handelsabkommen wie CETA und TTIP. Nachweislich schaffen sie kaum neue Arbeitsplätze, geben aber Firmen wie beispielsweise Monsanto, welche Produkte für die Landwirtschaft herstellt, die nachweislich krebserzeugend sind, die Möglichkeit, zu klagen, falls ihr Giftmittel Glyphosat verboten würde. Denn nicht Monsanto muss nachweisen, dass seine Produkte nicht krebserzeugend sind, sondern kann auf Geschäftsschädigung klagen, wenn der Nachweis nicht erbracht wurde, dass sie es sind, und zwar in lebensbedrohendem Maß. Dies schafft ein paralleles Rechtssystem für Konzerne gegen BürgerInnen. Das sog. Post-Faktische ist also der Versuch, neue Fakten zu schaffen, wenn das Prä-Manipulative nicht gelungen ist.

Weder Diktatoren, noch dem Faschistoiden zugeneigte Machthaber in einer Demokratie fallen vom Himmel. Sie kommen aus der Mitte einer Gesellschaft, welche die Aufklärung vernachlässigt und die Manipulation gewähren lässt. Der Positivismus bereitet den Weg für Manipulation und Suggestion. Mit Auf- oder Abwertungen von Fakten, welche bewusst ausgewählt, verniedlicht, aufgebläht, falsch wieder gegeben, verdreht, verschwiegen, verleumdet, verharmlost, unterdrückt unvollständig wiedergegeben werden, von denen abgelenkt wird, lassen sich gewünschte Ergebnisse herbei führen. Die Fülle von nicht zu verarbeitenden Informationen in ihrer Multikausalität tragen zur Krise der Aufklärung weiter bei. Die diffizile Möglichkeit der Deutung ist zur primitiven Deutungshoheit verkommen.

Die Möglichkeiten, uns zu entziehen und in eine Wüste zu flüchten oder zu Menschen weitab der Zivilisation, wo das Leben sich noch in seiner natürlichen Ordnung abspiele, gibt es nicht mehr, hat es so wohl nie gegeben. Nahezu überall auf der Welt können wir auf Touristen oder Terroristen treffen. Die Alternativen zu diesem manipulierten Leben werden zunehmend auf primitive oder brutale Weise agiert, oder sie gedeihen in den Köpfen als Fantasie einer besseren Welt. Als billigen Ersatz gibt es immer noch das Fernsehen und zunehmend das Internet. Möglicherweise wird diese virtuelle, schöne, ´neue` Welt die faktische oder reale bald weitgehendst ersetzen. Wir entwickeln uns allmählich zurück in ein Zeitalter der Antiaufklärung, nicht etwa finster, sondern bunt, schrill, maßlos und im Rausch.  (Roma)

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