Archive for Mai, 2017

Am Strand

Mai 18 2017 Published by under Robert Maxeiner

Während einer Kurzreise ans Meer lernte Herr K am Strand einen Mann kennen, der sich auch über Farbe und Form der Wolken wunderte. Sie kamen miteinander ins Gespräch, und wie das so ist, ein Thema folgte dem anderen, und der Mann erzählte Herrn K von seinem Beruf, er schreibe Reden. Dies interessierte Herrn K, und er wollte wissen, um welcher Art Reden es sich handele. Es ginge um politische Reden, gab ihm der Mann bereitwillig Auskunft. Herr K folgerte daraus, der Mann arbeite für eine Partei, aber dieser widersprach und erklärte, er nehme Aufträge von Menschen aller Parteien an, die im Bundestag vertreten seien. Darüber dachte Herr K eine Zeit lang nach, während die Wolken am Abendhimmel neue Formationen bildeten.

Ob er denn für eine bestimmte Politik stünde? fragte er dann den Mann. Das sei nicht so, antwortete dieser sofort. Die Menschen, für die er arbeitete, teilten ihm ihre Wünsche und Erwartungen mit, und er schreibe für sie die entsprechenden Reden. Er mache dies schon seit einigen Jahren, ergänzte er noch. Er habe einen guten Ruf und deshalb wendeten sich Leute aus allen Parteien an ihn.

Für Herrn K war eine solche Haltung nicht verständlich. Aber brauche er denn nicht selbst eine klare politische Einstellung, um überzeugende Reden schreiben zu können, wandte er ein. Ganz im Gegenteil! antwortete ihm der Mann. Um eine Rede zu schreiben, welche die Zuhörer auch erreicht, brauche er einen klaren Kopf, um heraus zu finden, was zu ergänzen oder wegzulassen sei, welche Schlagworte wichtig, welche besser wegzulassen seien, um zum Ziel zu gelangen. Dazu sei die eigene Einstellung nur hinderlich.

Aber könne er denn gegen seine eigene Überzeugung handeln? fragte Herr K rundheraus. (Er war etwas empört.)

Das möge jetzt verwunderlich klingen, meinte der Mann, denn offen gesagt, er habe selbst gar keine politische Überzeugung, oder er bilde sie sich, je nach Situation, immer wieder neu. Im Prinzip sei es doch so, dass alle Parteien, zumindest die etablierten, mehr oder weniger dieselbe Politik vertreten würden, erklärte der Mann selbstsicher. Herr K wollte Einspruch erheben, wartete aber, was dieser weiter auszuführen gedachte. Der Mann wählte ein Beispiel, um zu erklären, was er meinte: Die CDU und auch die FDP würden es aus der Sicht ihrer Wählerklientel sehen. Deshalb wollten sie, dass die Reichen immer reicher würden. Dadurch könnten sie den weniger Begüterten etwas mehr abgeben. Die SPD würde es auch aus der Sicht ihrer Wählerklientel sehen. Sie wollten, dass die Armen etwas mehr hätten, weshalb sie die Reichen reicher werden ließen, damit diese etwas mehr abgeben könnten. Das wolle auch die Linke, nur etwas extremer. Dafür muss die Wirtschaft wachsen. Das wollten alle, auch die Grünen, welche inzwischen Wirtschaftspolitik mit Umweltprojekten zu fördern versuche.

Herr K wollte etwas einwenden, das mit Visionen und Weiterentwicklung der Demokratie zu tun hatte, aber stattdessen fragte er, ob er seinem Gesprächspartner zu nahe treten würde, wenn er ihn fragte, ob er selber wählen ginge.

Selbstverständlich, das sei doch erste Bürgerpflicht, sagte der Mann lachend, und Herr K war sich nicht sicher, ob er es ironisch meinte. Er sei ein typischer Wechselwähler, erklärte der Mann, entscheide immer erst kurz vor der Wahl, welcher Partei er seine Stimme gäbe. Dabei sei entscheidend, welche Vorteile er für sich und seine Lebens- und Berufssituation sähe.

Aber dann würde er doch immer dieselbe Partei wählen, entfuhr es Herrn K spontan.

Dies verhalte sich durchaus nicht so, meinte der Mann, noch immer überlegen lächelnd. Es gäbe immer wieder andere Aspekte, denen er den Vorzug gäbe, zum Beispiel, wer in seinen Augen die bessere Familienpolitik mache, sei wichtig für ihn, weil seine Kinder noch klein seien. Und wenn eine Politik, zum Beispiel Unternehmerpolitik, für die sei dies typisch, zu einflussreich würde, sodass sie den sozialen Frieden stören könnte, würde er eine Partei des Ausgleichs wählen. Klassenkampf verbiete sich, auch von oben nach unten. Diese Zeiten sollten vorbei sein.

Aber so würden die Armen weiterhin ärmer und die Reichen reicher, wandte Herr K nun doch skeptisch ein.

Das stimme in der Tat, pflichtete ihm der Redenschreiber sofort bei. Aber dies gehöre quasi zur politischen Landschaft und sei nicht zu verhindern. Aber man müsse selbstverständlich mögliche Folgeprobleme erkennen und vorsorgen.

Und wie solle das gehen? fragte Herr K.

Brot und Spiele! meinte der Angesprochene. Aber so dürfe man es natürlich niemals nennen. Mit den entsprechenden Ideen und hauptsächlich Formulierungen habe er als Redenschreiber sich zu befassen. Dies sei eine seiner wichtigsten Aufgaben. Herr K erkannte, dass sein Gegenüber es keinen Deut ironisch meinte.

Eine Traurigkeit überkam Herrn K, denn seine politischen Vorstellungen waren offenbar von gestern.

Inzwischen war es dämmrig geworden, und die beiden Männer beobachteten, wie der Mond über dem Meer aufging. (RoMa)

Kommentare deaktiviert