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Populismus

Jan 30 2017 Published by under Robert Maxeiner

Sagt der eine Junge zum anderen Jungen auf dem Schulhof: „Blödmann!“ Ruft der andere Junge zurück: „Selber Blödmann!“

Diese rüde Metapher halte ich durchaus für populistisch.

Populismus wird definiert als opportunistische Politik, die Gunst der Massen zu gewinnen. (Wikipedia) Diese spärliche Definition fasse ich so auf, als ob wenig von der Bezeichnung als solcher ausgeht, während sie im Alltag ständig in wertender, gar beschimpfender Weise gebraucht, jede Menge in sie hinein gelegt wird. Diese Tendenz, wenig bis nichts ausdrückende Begrifflichkeiten aufzublähen, begegnet mir ständig in den Medien, und sie offenbaren sich auch als Kennzeichen des Neoliberalismus (konkurrenzfähig, zukunftsfähig). Dies hängt auch damit zusammen, dass wir zwar von Informationen überflutet werden, diese aber nur verkürzt, unvollständig, aus- oder umgewertet vermittelt werden. (Das Wort Vermittlung suggeriert ja schon eine wertende Verkürzung.) Unter Politikern und anderen populären Personen oder solchen, die dafür gehalten werden, ist seit längerem eine Neigung zu beobachten, hauptsächlich, wenn sie vor Mikrophone treten, zuerst einen Sachverhalt zu bewerten – das ist gut oder richtig –, bevor sie ihn beschreiben. (Wenn sie dies denn tun.) In den letzten Tagen geht wie selbstverständlich die Bezeichnung „Gefährder“ durch die Medien, ohne zu erklären, wer dies denn sei. (Der Begriff stammt wohl aus der Geheimdienstsprache und ist juristisch nicht zu definieren.)

Offensichtlich wird eine Bezeichnung wie Populismus nicht gebraucht, um etwas differenzierter oder genauer zu bezeichnen, sondern eher, um etwas zu verkürzen, womöglich auch, zu verschleiern oder zu verzerren, um das eigene Ziel, oft nicht benannt, zu erreichen oder den politischen Gegner daran zu hindern, seines zu erreichen. Damit erweist sich das Tun selber als nicht nur trivial, sondern auch niederträchtig.

Bei Frau Petry von der AfD gipfelte diese Tendenz darin, den historisch aufgeladenen Begriff „völkisch“ neu definieren zu wollen. Darin zeigt sich ein gefährlicher Hang, auch beim neuen US-Präsidenten zu beobachten, Sachverhalte einfach zu leugnen und die eigene, als Wahrheit bezeichnete Bewertung darüber zu legen. (Viktor Klemperer hat seinerzeit in seinem Buch LTI die Sprache der Nazis beschrieben.)

Dieser Missbrauch von Sprache führt zu einer Spaltung der Gesellschaft, also, wer angeblich die Wahrheit sage, also wer sie in Besitz genommen hat, und wer eben nicht. Sog. Parteien wie der AfD schaden diese Spaltungen weniger, wie an den jüngsten Verbalattacken von Herrn Höcke und deren Folgen zu erkennen ist, im Gegenteil, sie gehören zu deren Selbstbild und binden ihre unterschiedliche Anhängerschaft (Neonazis und solche, die es nicht wahrhaben wohl, dass es sich um welche handelt.)

Es ist also dringend geboten, umfassender zu informieren, differenzierter den eigenen Standpunkt zu begründen und Fairness wieder als eine Tugend zu begreifen. Der neue SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidat Martin Schulz hat den Populisten den Kampf angesagt. Ich wünschte, er würde es nicht bei der Ansage belassen und damit beginnen, diesen Begriff zukünftig aus seinem Vokabular zu streichen. (Roma)

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