Archive for Dezember, 2016

Gut oder nicht gut?

Dez 23 2016 Published by under Robert Maxeiner

Finden Sie Supervision gut oder nicht gut? Nein, nein, irgendwas dazwischen gilt nicht, Sie müssen sich schon entscheiden. Wenn Sie Supervision nicht gut finden, entgeht Ihnen möglicherweise etwas, zum Beispiel, Ihre Berufspraxis zu reflektieren. Oder Ihre Motivation leidet, wenn Ihr Arbeitgeber darauf besteht, dass Sie an einer Supervision teilnehmen. Meist kommt dann auch tatsächlich nichts von Erkenntnis dabei heraus. Finden Sie Supervision hingegen gut, erfahren Sie meist Bestätigung, es sei denn, Ihr Arbeitgeber möchte (an der Supervision) sparen. Es kann Ihnen auch passieren, dass Sie, statt zur Praxisreflexion, zu Verhaltensänderungen oder -korrekturen aufgefordert werden oder sich mit zweifelhaften Managementverfahren oder Ressourcenmodellen abmühen müssen, die das letzte Quäntchen Arbeitskraft aus Ihnen heraus pressen sollen.

Eigentlich beinhaltet Supervision das Gegenteil dessen, was heute üblich geworden ist, nämlich eine differenzierte Betrachtungsweise. Sind Sie zum Beispiel für Europa, wird Ihnen die ganze menschenverachtende Politik, welche die EU zurzeit betreibt, mit untergeschoben. Äußern Sie Kritik gegenüber der EU-Politik, werden Sie schnell in eine extremistische Ecke gestellt. Für Alles gibt es Bezeichnungen, die kategorisch bewerten, aber so gut wie nichts beschreiben, meist enden sie mit -ist. Menschen verlernen es zunehmend, oder haben es nie gelernt, ihre Gefühle zu erkennen und zu beschreiben, sich eine Meinung zu bilden und diese zu vertreten, sich aufzuklären, bevor sie etwas bewerten (posten genannt). Sie orientieren sich lieber an einem Ranking. Eine aggressiv verbreitete Quantität ersetzt die Qualität des eigenen Denkens. Das Faktische steht auf dem Kopf, indem eine Realität propagiert oder hergestellt wird, deren Zusammenhänge (noch) gar nicht erfasst sind.

Die Chance von Supervision kann darin bestehen, eine bescheidene Alternative zu Facebook, App und sonstigem Gezwitscher anzubieten. Selbst denken und reflektieren, statt sich vorschreiben zu lassen, wie wir etwas finden sollen. Dazu müssten sich Supervisor*innen allerdings darauf besinnen, Reflexion statt manipulativer Verfahren anzubieten. (Roma)

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Wohlstand – Sei ohne Sorge

Dez 02 2016 Published by under Robert Maxeiner

Wohlstand ist offensichtlich aus zwei Wörtern zusammengesetzt: Es geht um das Wohl und das Stehen. Sich wohl zu fühlen ist ein eindeutig angenehmes Gefühl, und ich assoziiere damit etwas Weiches und Flauschiges. Früher wurde häufig das poetisch klingende Gegensatzpaar „Wohl und Wehe“ verwendet, um die Extreme zu verdeutlichen. Der Stand dagegen fühlt sich fest an, gleichsam die ideale Grundlage, womöglich sogar Bedingung für das Wohl. Zugleich klingt dieser Begriff althergebracht und nebulös, will gar nicht in die heutige politische und gesellschaftliche Landschaft passen. Mit einiger Fantasie könnte man es so verstehen, dass Geld oder Besitz eine gute Basis seien, um sich wohl zu fühlen, aber es ist nicht alles, oder wir müssen selbst noch etwas mehr oder anderes tun, um uns wohl zu fühlen.

Dieses Wechselseitige oder Doppeldeutige in diesem zusammen gesetzten Begriff löst eine Spannung aus. Könnten wir uns zum Beispiel auch wohl fühlen, wenn wir keinen Stand hätten? Müssten wir hungern, hätten kein Dach über dem Kopf, litten an Krankheiten, die wir aus Mangel an Geld nicht heilen könnten, wäre es mit dem Wohlfühlen vorbei. Andererseits, wenn wir nur Geld scheffeln und keine menschlichen Beziehungen pflegten, würden wir seelisch verkümmern. Womöglich könnten wir die Waage einigermaßen ins Gleichgewicht bringen, indem wir genug haben, um unsere existenziellen Bedürfnisse zu befriedigen, um damit genügend Zeit zum Wohlfühlen zu haben. Um über das passende Maß entscheiden zu können, bräuchten wir ein starkes und autonomes Selbstbewusstsein, denn wir können nicht hoffen, dass sich dieser Zustand von selbst ergibt oder von außen einnormen lässt. Wir müssten auch ertragen, dass andere Menschen völlig anderer Ansicht über dieses Maß sind oder uns das unsere nicht gönnen. Zudem werden wir von unserer Außenwelt zumeist nicht als Individuen, sondern als Kunden und Konsumenten betrachtet. Deshalb wird uns in der Werbung, aber auch versteckt und mit subtileren Mitteln selbst in den Fernsehnachrichten suggeriert, diese Waage komme niemals ins Gleichgewicht, oder dies sei schlicht ein himmlisches Vergnügen, womit wir erst belohnt werden, wenn wir auf Erden genügend geleistet haben. Wir sollen also einerseits mehr konsumieren und uns nicht durch bescheidene Mittel und eine ebensolche Lebensweise wohlfühlen, weil dies als asozial gilt, indem es dem Wirtschaftswachstum nicht förderlich ist, andererseits, meist bezogen auf Erwartungen, die nicht dem unmittelbaren Konsum dienen, sollen wir bei Bedarf den sprichwörtlichen Gürtel enger schnallen. (Solche Vorschläge werden nicht selten von Menschen mit breitem Gürtel propagiert.)

Eine Partei hat einmal auf einem Plakat zu einer Wahl mit „Wohlstand für Alle“ geworben. Sie wurde dafür sofort heftig angegriffen. Dies sei unanständig weil unrealistisch, denn es könnten gar nicht Alle zu Wohlstand kommen. Es wurde nicht so offen gesagt, gemeint war aber, dass der Wohlstand, sprich Reichtum der Einen, die Armut der Anderen begründet. Die Vertreter dieser Partei hatten offenbar vergessen, dass einer der ihren, Ludwig Erhard, ein Buch mit eben diesem Titel verfasst hatte. Dasselbe in einem Werbeslogan zu behaupten, gilt nicht als unanständig, im Gegenteil, fördert es doch den Konsum und damit den Geldfluss, der nötig ist, um dieses System am Laufen zu halten. Aus diesem Grund galt es auch lange als chic, Schulden zu machen. Aber irgendwann wird dies gefährlich, denn die Zinsen und Zinseszinsen werden immer höher. Also sollen Staaten jetzt möglichst keine Schulden mehr machen. Oder sie sollen dann bremsen, wenn das Geld an Bedürftige gehen soll, die es einfach verbrauchen, ohne dass Nennenswertes auf den Markt zurück fließt.

Wir sollen uns also immer wohl fühlen, indem wir konsumieren, aber gleichzeitig niemals richtig, damit wir nicht aus diesem Kreislauf ausbrechen oder zumindest autonomer werden. Aus diesem Grund gilt der Individualismus als überholt (postmodern), wird gar als egoistisch verschrien.

Erinnern Sie sich noch an das Gedicht „Reklame“ von Ingeborg Bachmann (1956)?

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille

eintritt

(Roma)

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