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Gerechtigkeit – ein Mythos

Sep 05 2016 Published by under Robert Maxeiner

In Gerechtigkeit steckt das Wort Recht. Möglicherweise bezog sich die Bezeichnung ursprünglich weder auf soziale, noch auf politische Zusammenhänge, sondern allein auf die Anwendung des Rechts, beziehungsweise es wurde zwischen den unterschiedlichen Bedeutungen nicht differenziert. Gerecht konnte sein, allein in dem das Recht angewendet, also Jemand angeklagt, eine Sache als justiziabel angesehen wurde. Schon zu diesem Zeitpunkt kann die Machtfrage konfrontierend gestellt werden, indem Mittel eingesetzt werden können, die sich nicht Jede-r leisten kann, um einen Sachverhalt zu verbergen oder zu vertuschen, um eine Rechtsprechung von vorn herein zu verhindern, oder, indem bestimmte Personen oder Gruppen als immun erklärt werden. Auch dürfte es bestimmten Personen oder Gruppen leichter gefallen sein, andere anzuklagen, weil sie die Macht oder Mittel dazu hatten. Kommt es zu einer Anklage und im Folgenden zu einem Urteil, wird als gerecht angesehen, dass der wahre Täter oder die Täterin verurteilt wird. Über das Maß der Strafe kann es schon kein gerechtes Urteil geben, allenfalls ein als angemessen empfundenes, es sei denn, der vorher festgelegte Rahmen für die Strafe für ein diesbezügliches Vergehen wird als Gerechtigkeit akzeptiert.

Je weiter wir uns von der juristischen Situation entfernen, umso eher wird die Gerechtigkeit zu einer Empfindung, zu einem Ideal oder zu einem Mythos. Wir sprechen von einer ausgleichenden Gerechtigkeit, wenn es sich im eigentlichen Sinn gerade nicht um eine handelt, beziehungsweise wir sie längst aufgegeben haben. Ein Schiedsrichter pfeift zum Beispiel einen Elfmeter, der, wie die Fernsehbilder, die, nebenbei gesagt, auch trügen können, also zu zeigen vorgeben, dass es keiner war. Das ist natürlich ungerecht. Später pfeift er gegen die andere Mannschaft auch einen unrechtmäßigen Elfmeter, und dies empfinden wir als ausgleichende Gerechtigkeit, obwohl er eigentlich zweimal Unrecht gesprochen hat. Also können selbst Unrechtsprechung und Gerechtigkeit bezüglich ein und desselben Sachverhalts gleich bewertet werden.

Nun fordert zum Beispiel die SPD in politischen und sozialen Zusammenhängen mehr Gerechtigkeit. Ich finde dies durchaus lobenswert, obwohl ich der Meinung bin, dass dies gar nicht möglich ist, aus dem einfachen Grund, indem Gerechtigkeit von seiner Definition her auf etwas Absolutes zielt. Andernfalls würde man womöglich von Fairness sprechen. Es kann also nicht mehr oder weniger Gerechtigkeit geben. Trotzdem finde ich, Die SPD liegt mit ihrer Forderung richtig, weil unser Wirtschaftssystem gar nicht gerecht funktionieren kann, allein schon, weil sich der Reichtum weniger, durch die Armut vieler begründet. Die Forderung nach Gerechtigkeit ist also eine Forderung nach mehr Ausgleich, mehr Ausgewogenheit oder mehr Umverteilung. Gerade das neoliberale Wirtschaftssystem lebt von der Umverteilung, obwohl diese natürlich anders bezeichnet wird, gleichwohl gilt sie als verpönt, oder soll in diesem Verständnis unter allen Umständen verhindert werden. Es Gerechtigkeit zu nennen, obwohl es keine ist, weshalb der Zusatz, mehr‘ unbedingt gebraucht wird, macht trotzdem Sinn, weil der Begriff unmissverständlich ideologisch aufgeladen ist. Wer sollte etwas gegen mehr Gerechtigkeit haben, und dies auch noch öffentlich behaupten? (Donald Trump vielleicht)

Zudem scheint die Dialektik der Gerechtigkeit zu widersprechen. Sie wäre quasi Synthese ohne These und Antithese oder Über-Ich ohne Ich und Es. Dies bedeutet, dass die Forderung nach mehr Gerechtigkeit, den eigenen Status Quo – also es gibt bereits Gerechtigkeit, aber nicht genug – zunächst in Frage stellt, um einen neuen auszuhandeln. Also formuliert die SPD mit ihrer Forderung eine Antithese. Dies mag ein Grund dafür sein, warum sie sich als Regierungspartei (also auf Seiten der Synthese) so schwer tut. Das Rechte leitet sich natürlich von derselben Begrifflichkeit ab. Auch hier begründet sich die Antithese, indem die SPD ursprünglich das Linke wollte. Dies war oder ist immer wieder eine schwierige Ausgangsposition, weil das Linke, gar das Linkische – man gibt immer das gute, das rechte Händchen – als verpönt, wenn nicht gar als schlecht oder böse galt.

Wenn dieses rechte Tun keiner Begründung mehr gebraucht, also zur Selbstverständlichkeit wird oder schon geworden ist, haben wir es zumindest mit dem Beginn einer Diktatur zu tun. Eine Folge oder eine Voraussetzung ist, die Dialektik der Aufklärung per (struktureller) Gewalt zu beenden. Im Alltag erleben wir oft, dass eine Meinung mit dem Argument begründet wird, etwas sei normal, was bedeutet, diese angebliche Mehrheit der angeblich Normalen handele rechtens, einfach, weil sie einer Mehrheit angehört, während die Anderen, vermeintlich Unnormalen im Unrecht seien. Ein Kennzeichen dieser Diktatur ist die Tatsache, dass Justiz, Medien, Behörden gleichgeschaltet werden, was heißt, die Machthaber bestimmen, was rechtens ist.

Aber ich wollte ja über Gerechtigkeit schreiben. Ich halte sie deshalb für einen Mythos, weil sie auf einen absoluten Zustand, quasi eine Art himmlisches Jerusalem im Diesseits hinzielt. Selbst zu Zeiten des edlen und überaus gerechten Harun al Raschid herrschte große Not und großes Unrecht in der Welt, immer wieder, und erst durch sein Handeln konnte Gerechtigkeit entstehen – natürlich nur vorübergehend. Dies mag als Indiz dafür gelten, warum der Mensch Glaube, Hoffnung und Liebe (nicht unbedingt religiös begründet) braucht, Ideale, womöglich auch, wenn die Zeiten hart sind, Visionen. Der Mythos, so sehr wir auch an längst Vergangenes denken mögen, scheint noch immer, oder immer wieder eine neue Kraft in uns zu schöpfen. Es ist wie nach einem Waldbrand, wenn unmittelbar danach aus der Asche neues Leben geboren wird. Als Willi Brandt forderte, mehr Demokratie zu wagen, begann ich gerade der Kindheit zu entwachsen, aber diese Forderung bewog mich, an den Fortschritt zu glauben, also, dass wir aus der Geschichte lernen und uns zu…, – nun fehlt mir der Ausdruck –, könnte ich sagen …besseren oder zivilisierteren Menschen entwickeln? Dieser Glaube ist mir tüchtig vergangen.

In postmodernen Zeiten geht es nicht mehr darum, das Rechte zu tun, sondern Alle streben zum Mainstream, übersetzt auf die Politik wollen alle Parteien in die Mitte. Es geht also weniger um Werte, sondern mehr um Ziele, zum Beispiel größeren Wohlstand, der durch immer mehr Einfluss erreicht werden soll. Wenn der Einfluss geltend gemacht werden kann, braucht die Macht nicht eingesetzt zu werden. Das Argument, was als rechtens oder gerecht erachtet wird, soll durch die Meinungshoheit ersetzt werden oder noch einfacher durch den Einfluss des Faktischen. Ein Gebäude, einmal angefangen, muss zu Ende gebaut werden, obwohl dies unverhältnismäßig teuer wird, damit es überhaupt einen Nutzen hat, vom Sinn wollen wir schon gar nicht mehr reden.

Es bleibt also das Gefühl für Gerechtigkeit oder ein gefühlsmäßig begründeter Eindruck, zum Beispiel, dass ich oder andere ungerecht behandelt werden, oder dass grundsätzlich zu viel Ungerechtigkeit herrscht. Dies soll nicht bedeuten, da es sich nur um ein Gefühl handelt, es gäbe keine Begründung oder keine Argumente, ganz im Gegenteil, indem Ratio und Emotio miteinander kooperieren, finden sich umso überzeugendere Argumente. Die Gegner werden als Reaktion auf einen Status Quo hinweisen, und an diesem festhalten wollen, den sie selbst definiert haben. Die Herrschaftssprache hat dafür aufgeblasene Phrasen wie ,realitätsfern‘ oder ,nicht konkurrenzfähig‘.

Ungerechtigkeit wird als Zustand erlebt, Gerechtigkeit dagegen ist ein Gefühl oder die situative Erkenntnis eines Gefühls. Gerechtigkeit herrscht niemals auf Dauer. Die guten alten Zeiten, an die wir uns gerne erinnern, waren womöglich Situationen, in denen wir Gerechtigkeit erlebten. Womöglich gilt es, uns diese Situationen als Antriebskraft zu bewahren. Sie unterstützen das Ideal und beleben den Mythos wieder neu. Das alte Wort Quest idealisiert nicht das Ziel oder Ergebnis, sondern die Suche danach in ritterlicher Haltung. Das englische Wort Question – Frage – ließe sich so interpretieren, dass es Sinn macht, die richtigen Fragen zu stellen. Die Antworten darauf erweisen sich in einem dialektischen Sinn nach einiger Zeit als unzureichend, wenn nicht gar als falsch. Es geht also immer wieder um die Suche oder Forderung nach mehr Gerechtigkeit. Natürlich kann dieser widersprochen werden, indem die Natur weder Ethik noch Moral kennt. Demnach ginge es ihr nur ums Überleben. Dies spricht für ein Umweltbewusstsein und umweltfreundliches Handeln, aber nicht unbedingt für den Menschen. Möglicherweise kann der Mensch nur überleben, indem sich seine Zahl in Zukunft verringert. Wir müssten womöglich fähig sein, uns gegen unseren genetisch bedingten Evolutionsauftrag zu richten, um zu überleben. Die Art und Weise, wie wir dies tun, stellt die ethische Frage wieder neu. Auch wenn wir die einzige Spezies auf dieser Erde sein sollten, die ein ethisches Bewusstsein hat, ist es darum ein evolutionär entwickeltes. Indem der Mensch selber aber nicht, im ethischen Kontext betrachtet, besser werden kann oder seine evolutionäre Entwicklung nicht so schnell vonstatten geht, hilft es nur, die Instrumentarien, demokratische, strukturelle, intellektuelle zu differenzieren, um uns möglichst vor Ungerechtigkeiten zu schützen, also im Sinne Willi Brandts, mehr Demokratie zu wagen. (RoMa)

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