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Verstehen

Mai 17 2016 Published by under Robert Maxeiner

Je größer, einflussreicher und mächtiger Institutionen und Konzerne werden, desto mehr bilden sie sich ihre eigene Realität (ein). Mangelnde Kontrolle von Seiten der Behörden tragen ein Übriges zu Missmanagement, Skandalen und Gesetzesverstößen bei. So reagieren Autokonzerne, allen voran VW als Branchenführer auch, was kriminelle Energie angeht, als handele es sich um Vergehen einiger Einzelpersonen, – die berühmten, schwarzen Schafe – und als bedürfe es einer minimalen, technischen Korrektur, und Alles sei wieder wie vorher. Sie kennen diese Haltung, wenn Sie früher Monopoly gespielt haben, und alle teuren Hotels ergattert hatten. Bei kleinen Institutionen sind die Vorgaben von außen so eng gesetzt, dass selbstbestimmtes Handeln nur noch sehr beschränkt möglich ist.

Als Supervisor habe ich zwar keine institutionelle Macht, aber ich übe durch meine (andere) Sichtweise eine Art Kontrollfunktion aus. Manchmal überfallen mich Fremdheitsgefühle, wenn ich in einer Einrichtung neu einen Auftrag übernehme. Es scheint so, als sehe nur ich etwas (dazwischen), was die Anderen nicht sehen, oder Alle sehen es, finden es aber selbstverständlich oder haben resigniert. Kinder in eine Krippe müssen dort sein, ob sie wollen oder nicht. Die Eingewöhnungsphase verkommt von einer konzeptionellen Idee zu einer Maßnahme, weil sie in irgendeiner Weise klappen muss und wenn doch nicht, trägt das Kind die Folgen. Es fühlt sich selbst und seiner Umwelt entfremdet. Die Fragen, wann und wie Kinder in diesem Alter zu anderen Kindern Kontakt aufnehmen, wann sie in einer Gruppe leben möchten oder können, stellen sich, wenn überhaupt, nur sekundär. Kinderarbeit ist verboten. Aber Kinder in unserer Gesellschaft sind gezwungen, schon kurz nach der Geburt Anpassungsleistungen zu erbringen, welche für sie Schwerstarbeit bedeuten. Dies wird als ganz normal angesehen. Damit die Erwachsenen beruhigt sind, soll es spielerisch aussehen, aber allzu oft ist es bitterer Ernst.

Als Supervisor muss ich immer wieder meine Haltung in Frage stellen. Möglicherweise gehöre ich zu den wenigen Personen, die ihren Zweifel nicht verdrängen oder verleugnen (müssen). Dadurch bin ich in einer fragilen, aber auch privilegierten Situation. Ich muss mich keiner Norm unterwerfen, und meine Anpassungsleistung kann ich immer wieder, auch mit meinem Klientel und meinem Auftraggeber, abwägen. Da Institutionen auch in ihrem ethischen Handeln immer autonomer handeln, beziehungsweise die Schere zwischen ethischer Verkündigung und praktischer Handlung immer weiter auseinander geht, wird meine Aufgabe als Supervisor zunehmend anspruchsvoll. Zudem sollte ich mich nicht verführen lassen, meine Rolle als Aufklärer zu Gunsten der eines Ideengebers, Konzept- oder Methodenspezialisten aufzugeben. Mein Spezialistentum bezieht sich zuerst aufs Verstehen. Diese Haltung finden Sie naiv, weil nicht konkurrenzfähig? Das mag sein, aber Anspruchsvolles war schon immer etwas teurer, beziehungsweise, es kommt mich teurer zu stehen. (Roma)

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