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Flüchtlings”krise”?

Apr 22 2016 Published by under Jürgen Kreft

Aus unserer supervisorischen Arbeit wissen wir, dass Konflikte sich nicht ausschließlich aus widersprechenden Positionen speisen. Häufig sind im Hintergrund Rahmungen oder Deutungsmuster wirksam, die nur ausgewählte Facetten als Problem in den Blick nehmen. Die Rahmungen – oder „Frames“ (E. Goffman 1974) – bestimmen, was als Problem definiert wird. Unterfüttert mit impliziten und zumeist unbewussten moralischen Bewertungen werden aus den Problemdefinitionen unverrückbare Positionen. Was als Lösung infrage kommt, ist damit deutlich eingeschränkt.

In der Flüchtlingsdebatte kann man dies exemplarisch beobachten. Um was geht es eigentlich: um wirtschaftliche oder verwaltungstechnische Herausforderungen, um Diversität oder Leitkultur, universelle Menschenrechte oder strafrechtliche Fragen zu Immigration und Integration? Die mitunter heftigen medialen Auseinandersetzungen berühren sich kaum noch und werden dafür immer hysterischer und lauter.

Um differenzierte Sichtweisen zu entwickeln, bräuchte es Zeit. Ich bin aber skeptisch, ob diese zur Verfügung steht. Denn bereits das Reden über eine Flüchtlings“krise“ stellt eine Rahmung dar, die implizit die Notwendigkeit schneller Lösungen transportiert. Die Zeit, sich über mittel- und langfristige Handlungsalternativen zu verständigen, scheint zu fehlen. (j.k.)

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