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Scheitern – kein Tabu mehr!?

Nov 27 2015 Published by under Jürgen Kreft

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass man wieder über das Scheitern reden darf? Den Anfang machte die Hamburger Kunsthalle 2013 mit ihrer Ausstellung „Besser Scheitern“. Im Frühjahr dieses Jahres folgte das Literaturhaus Stuttgart mit einem „Festival des Misserfolgs“, im Oktober titeln Spiegel Online und das Manager Magazin „Schöner Scheitern“ und gerade ist in Mannheim eine internationale Tagung zum Thema „The Failed Individual“ zu Ende gegangen. Und nun zieht auch die Zeitschrift Supervision mit einem Themenheft „Scheitern“ nach

Ist damit Richard Sennet, der in seinem „Flexiblen Menschen“ (1989) Scheitern als das große Tabu unserer Gesellschaft und unserer Zeit bezeichnet hat, widerlegt? Es wird aktuell viel über das Scheitern geredet – aber zumeist in einer bestimmten Art und Weise. Über das Misslingen lässt sich leichter reden, wenn man es als einen Zwischenstopp betrachtet, der sich retrospektiv in eine Erfolgsgeschichte umdeuten lässt – wie Phönix aus der Asche. Natürlich kann man Scheitern, aber man muss weitermachen und daraus lernen. Wenn man nicht aufpasst, ordnet sich das Scheitern so nahtlos in eine Leistungs- und Selbstoptimierungslogik ein. Aber wenn es um mehr geht, als einen vorübergehender Misserfolg, und wir uns in unserem Selbstverständnis angegriffen fühlen, geht die Motivationsrhetorik am Kern vorbei.

Das menschliche Leben und Arbeiten lässt sich nicht vollständig dem „Diktat der Positivität“ (Byung Chul Han) unterwerfen. Negative Erfahrungen sind schmerzhaft, aber nicht zu vermeiden. Sie halten uns in Spannung und lebendig.

P.S. Das Heft „Scheitern“ der Zeitschrift Supervision (3/2015) ist sehr lesenswert. (j.k.)

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