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Anpassung, Vertrauen und Kontrolle

Okt 27 2015 Published by under Robert Maxeiner

Wir bezeichnen heute mit Anpassung zwei sehr unterschiedliche Phänomene. Einmal geht es um den flexiblen Umgang mit der Natur oder deren flexible Reaktionsweisen, indem sich zum Beispiel ein Baum im Wind neigt, damit er nicht umgestoßen und entwurzelt wird. Zum anderen wird uns suggeriert, Anpassung sei das sich Abfinden mit politischen Gegebenheiten, seien diese auch noch so fragwürdig. Ich bin davon überzeugt, es gab zu allen Zeiten Sehnsüchte, diesen Widerspruch aufzuheben oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Die Reflexion dieses Phänomens und den daraus entstehenden Zweifeln gehört zu unseren Grundaufgaben als Supervisor-innen. Diese gilt es nicht durch manipulative Verfahren leichtfertig zu verspielen.
Vertrauen entsteht, wenn diese Reflexion möglich ist, sachliche Argumente und Gefühle verstanden, Entscheidungen sachlich abgewogen werden. Der VW-Konzern meint, in der Folge des Skandals ein Imageproblem zu haben und will Vertrauen schaffen. Dies halte ich deshalb für eine arrogante Haltung, weil es in erster Linie um ein Sachproblem geht, und ob wir Kunden wieder vertrauen, ist ganz allein unsere Angelegenheit und hängt davon ab, wie der Konzern dieses Sachproblem angeht.
Nicht umsonst nehmen Ausbildungsteilnehmer-innen zuerst Lehrsupervision und später erst, wenn sie ihre Ausbildung beendet haben, Kontrollsupervision, zum Bespiel durch Teilnahme an einer Balintgruppe. Ich begründe dies damit, dass Autonomie und Kontrolle untrennbar zusammen gehören, weil Entwicklung nicht aus dem Monopol, sondern immer aus Kräften und Gegenkräften, Auseinandersetzung, Zweifel und Abwägungen entsteht. Entwicklung ist niemals zu Ende, und sei sie auf einem Höhepunkt angekommen, ruft sie umso mehr Zweifel hervor und bedarf der Kontrolle. Dies lässt sich gut in der Natur beobachten, indem jede Nische zur Entwicklung genutzt wird. So entsteht Vielfalt. (Das Gegenteil von Vielfalt, zum Beispiel Monokulturen, nennen wir Einfalt.) Aus dieser Bipolarität entwickelte sich das demokratische Prinzip, indem machtvolles Handeln immer einer Gegenmacht, der Kontrolle bedarf. Wenn sich Organisationen nicht mehr daran halten, entsteht die schon früher von mir beschriebene Konzernokratie, welche einer Diktatur gleich kommt, indem demokratische Verhältnisse nur noch zum Schein herrschen.
Natürlich versuchen Menschen, diese Kontrolle von außen zu vermeiden, weil sie sich in ihrer Autonomie eingeschränkt fühlen. Aber es hilft nichts. Gerade große Konzerne wie VW brauchen diese ständig – nicht zu verwechseln mit Controlling, einem manipulierbaren Zahlenwerk.
Wenn Supervision sich auf ihre eigentliche Aufgabe, die Reflexion beruflicher Praxis besinnt, kann sie eine Alternative zu all den schnelllebigen Verfahren sein, die mehr suggerieren denn reflektieren. (RoMa)

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