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Trotz alledem

Mai 26 2015 Published by under Robert Maxeiner

Manchmal möchte ich aufhören, Zeitung zu lesen oder Nachrichten zu hören oder zu sehen. Je differenzierter ich mich über einen Sachverhalt informiere, als desto dramatischer erweist er sich. Für einen Kommentar über die Verhandlungen innerhalb der EU, wie mit Bootsflüchtlingen im Mittelmeer umzugehen sei, fehlen mir die Worte, zumal diese längst ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt sind. Schreibe ich etwa ,betroffen‘, klingt es nach Heuchelei, spreche ich von ,Wut‘, muss ich mich als sog. Wutbürger diffamieren lassen, rede ich von ,unmenschlich‘, klingt es abgedroschen. Im schlimmsten Fall werden schreckliche Bösewichte, hier die Schleuserbanden, oder Bestien gefunden, vornehmlich bei IS oder Al Keida, die in erster Linie dazu dienen, das System oder die Systeme, die sie zu solchen hat werden lassen, nicht zu hinterfragen. Schuld müssen immer nur Individuen auf sich nehmen. Die Hoffnung, dass diese EU anders arbeitet als ein Unternehmen, das in erster Linie am Profit orientiert ist, habe ich inzwischen aufgegeben.
Offen gesagt wusste ich es schon lange, dass wir Menschen so sind, indem wir uns seit dem Neolithikum ausschließlich technisch weiter entwickelt haben. Dass der Mensch des Menschen Wolf sei (Hobbes), tut jenem, bei allem, was wir inzwischen über dessen Sozialverhalten wissen, Unrecht. Aber ich habe, trotz alledem, weiterhin versucht, an das Gute im Menschen zu glauben.
Ich gehe immer noch wählen. Vielleicht mache ich es eines Tages so wie Viele damals in der DDR, indem ich einen ungültigen Wahlzettel mit einem Kommentar abgebe. Individuen mögen sich ändern, die Menschheit als solche nicht. Womöglich müssen Systeme erst zusammen brechen, aber  darauf die Hoffnung zu setzen, ist gefährlich, denn Konzerne und Banken sind viel zu groß geworden und können ganze Staaten erpressen, oder diese im Fall einer Krise mit in den Abgrund reißen. Oder es kommt dahin, dass sich der Reichtum nur noch in den Händen von einigen Wenigen befindet, (noch weniger als jetzt schon), damit ein Umdenken stattfindet, aber als  Konsequenz daraus wird eher die Demokratie noch weiter ausgehöhlt, dass sie nur noch ihren Namen behält, als die übelsten Auswüchse des Kapitalismus zu beseitigen. Oder die Weltbevölkerung nimmt kontinuierlich ab, sodass wir weniger teilen müssen, falls wir die Erde nicht bis dahin vollends abgewirtschaftet haben.
Ich kann mich nicht raus halten. Globales Wirtschaften hat zur Folge, dass mein Wohlstand auch durch zunehmende Armut in anderen Teilen der Welt bedingt ist.
Trotz alledem geschieht Menschliches. Es geschieht jenseits des Mainstream in den Nischen, entgegen Menschen verachtender Politik, Fanatismus, Verrohung und Gewalt. Es gibt weder globale Lösungen, noch bessere Menschen, (bedingt sich wechselseitig), nur dieses ,Trotz alledem‘ (Ferdinand Freiligrath, Robert Burns). (RoMa)

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