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Deutung und Deutungshoheit

Mrz 15 2015 Published by under Robert Maxeiner

Eine Deutung bleibt immer ein Angebot, auch wenn sie sorgsam belegt oder begründet ist, konfrontierend vorgetragen wird, und eine mögliche Abwehr der Supervisand_innen mit einzubeziehen versucht. Die Auseinandersetzung darüber hilft, die Realität möglichst übereinstimmend einzuschätzen, wobei Unterscheide in einzelnen Punkten bestehen bleiben (können).

Bei der Deutungshoheit handelt es sich um einen Widerspruch in sich. Der Streit wird nicht zwischen den Beteiligten oder Betroffenen um der Sache willen ausgetragen, sondern zwischen Rollenträgern, denen es um machtpolitische und wirtschaftliche Einflussnahme geht. Hoheit (eine Anrede für einen Würdenträger, Inanspruchnahme eines Gebiets) verweist auf diesen machtpolitischen Zusammenhang.

Natürlich kann dieser Einfluss auch um der Sache willen geltend gemacht werden, aber indem er sich von ihr oder ihrem ursprünglichen inhaltlichen Zusammenhang immer weiter entfernt, wird die Gewähr dafür zunehmend kleiner.

Manchmal kommt mir der Eindruck, eine Moderation wird einer Supervision häufig deshalb vorgezogen, um die Deutung und die daraus folgenden Beschlüsse weiterhin institutionsintern zu handhaben. Somit läuft sie Gefahr, zur Deutungshoheit zu werden. Möglicherweise stehen die Einschätzung der Realität und die getroffenen Beschlüsse kaum noch in einem Zusammenhang. Als Beispiel kann die Situation in der Pflege dienen, indem Bewertung und Kontrolle durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) sich kaum noch an der Pflegebedürftigkeit der Menschen ausrichtet, sondern an der Dokumentation oder anderen Kriterien, welche sich bei Blitzbesuchen leicht erfassen und kontrollieren lassen oder im äußeren Bild eine plakative, vermeintlich positive Wirkung erzielen.

Der Rechtsstaat droht zunehmend in eine ähnliche Krise zu geraten. So scheint ein breiter Konsens darüber zu bestehen, dass die DDR eine Diktatur war, aber ob sie als Unrechtsstaat zu bezeichnen sei, trifft auf empfindlichere Einstellungen. Ich meine, eine Diktatur ist immer von außen betrachtet ein Unrechtsstaat, von innen sieht sie sich als Rechtsstaat oder als gerechten Staat. Ungerechtigkeiten und Unrecht(sprechung) nehmen in der Bundesrepublik immer häufiger auf Grund von Vorurteilen, Ressourcenmangel, Vetternwirtschaft, Bestechung, Lobbyismus, Opportunismus oder Schlamperei zu. Der Versuch der Aushöhlung von öffentlichem-, stattdessen die Implantierung von Privatrecht (siehe TTIP) führt zu weiterem Rechtstaatsverlust. Deshalb reden wir doch nicht von der Bundesrepublik als von einem Unrechtsstaat. Aber sich ständig auf den Rechtsstaat zu beziehen und vermehrt Unrecht zu sprechen, pharisäerhaft das geschehene Unrecht in der DDR anzuprangern, statt vor der eigenen Tür zu kehren, halte ich für eine gefährliche Tendenz. Die Spaltung vollzieht sich in der Gegenwart. Die Einen nutzen die Möglichkeiten oder auch die Lücken des Rechtsstaats zu ihren Gunsten aus, die Anderen trifft die volle Härte des Gesetzes.

Der Bundesinnenminister sprach sich in Dresden erfolgreich gegen Pegida aus. Einige Tage später versuchte er, die Praxis des Kirchenasyls zu diffamieren und zu kriminalisieren. Er berief sich dabei selbstverständlich auf bestehende Gesetze. Indem diese Gesetze in ihrer Anwendung immer häufiger schreckliches Unrecht produzieren, nähern sie sich kontinuierlich dem, was als Unrechtsstaat bezeichnet wird. Aber die Bundesrepublik Deutschland ist ja eine Demokratie. Deshalb meint der Bundesinnenminister womöglich, er dürfe unter diesem Deckmantel weiterhin zündeln.

Die Supervision als Möglichkeit, die Arbeitssituation und das eigene Handeln mit Hilfe der Deutung zu verstehen und Handlungsalternativen zu entwickeln, gilt zunehmend für die Abhängigen, während die Mächtigeren oder die es werden wollen Coaching in Anspruch nehmen, um ihre Deutungshoheitstendenzen durchzusetzen. (RoMa)

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