Archive for Oktober, 2014

Kolleg/innenbeschimpfung oder die feudalistische Supervision

Okt 29 2014 Published by under Robert Maxeiner

Könnten Sie sich vorstellen, Supervision mit dem Wachpersonal eines Flüchtlingsheims zu machen? Ich weiß, kaum ein (Sub-)Unternehmer wird sich das für sein schlecht bezahltes Personal leisten. Und in die Karten ihrer häufig üblen Arbeitsweise wollen sie sich auch nicht schauen lassen. Aber fragen Sie sich trotzdem doch mal, ob Sie es tun würden, vorausgesetzt, man würde Ihnen einen fairen Dreieckskontrakt anbieten. Und es ginge wirklich um Supervision, also Praxisreflexion, und nicht darum, etwas an- oder abzutrainieren. Und was würden Sie machen, wenn diese Supervision so erfolgreich wäre, dass Missstände, die in der Einrichtung vorherrschten, heraus kämen? Ich meine nicht nur das individuelle Fehlverhalten von Personen, sondern die Missstände und deren Ursachen und Hintergründe?

Und wenn Sie diesen Auftrag nicht annehmen würden, weil er Ihnen zu unseriös oder zu schlecht bezahlt wäre, könnten Sie sich denn vorstellen, die Leitung der Einrichtung zu supervidieren? Oder das Management des Unternehmens? Oder das des Unternehmens hinter dem (Sub-)Unternehmen? Oder würden Sie Supervision mit Politikern machen, die diesen strukturellen Rassismus mit verursacht haben, weil sie einerseits abschrecken und deshalb die menschenunwürdigen Bedingungen in den Flüchtlingsunterkünften zulassen, sich andererseits auf korrektes Handeln berufen wollen? Wenn Sie sich die Reaktionen des Innenministers auf den Skandal in verschiedenen Flüchtlingsunterkünften vor einigen Wochen vor Augen führen, wissen Sie, was ich mit strukturellem Rassismus meine. Oder würden Sie mit Lobbyisten arbeiten, die ihren Einfluss geltend gemacht haben, damit Asylsuchende mit nahezu allen Mitteln abgeschreckt werden?

Vielleicht denken Sie jetzt, Supervision ist nicht das geeignete Mittel, um in einer solchen Situation etwas zu bewirken, und da Sie ein-e gut ausgebildet und fortgebildete-r DGSv-Supervisor-in sind, fällt Ihnen ein passendes Format ein, um auf diese Situation einzugehen, also Verhalten bei Personen zu verändern, ohne aufzuklären oder an die skandalösen Zustände zu rühren. Oder Sie glauben, ein Mittel zu finden, die Zustände (vorübergehend) zu verbessern, ohne sie zu reflektieren, zum Beispiel, indem es Ihnen gelingt, die letzten Ressourcen aus dem Personal heraus zu pressen. Die Leute würden sich das bestimmt gefallen lassen, weil sie wissen, dass sie keinen anderen Job finden. Möglicherweise benutzen Sie ein neues Supervisionsformat, das gewalttätige Tendenzen mit rassistischem und neofaschistischem Gedankenhintergrund umprogrammiert.

Aber wahrscheinlich supervidieren oder coachen Sie nur Leute mit weißer Weste. Bei den vorherrschenden Arbeitsbedingungen können diese allerdings fast nur noch in Positionen zu finden sein, bei der sie sich nicht schmutzig zu machen brauchen, beziehungsweise Andere dies für sie erledigen.

Die Gesellschaft spaltet sich zunehmend auf, und im Gefolge des Neo-Liberalismus herrscht eine Art Neo-Feudalismus. Die logische Folge wird sein, dass sich auch die Supervision spaltet: Wir werden auf der einen Seite eine für Arbeitnehmer haben, hauptsächlich in der sozialen Arbeit und im sog. Dienstleistungssektor, Menschen, die unter immer schwierigeren Bedingungen ihre Arbeitskraft zu erhalten versuchen, also Supervision als eine Art Burn-out-Prophylaxe; auf der anderen Seite Supervision, eher Coaching für eine kleine Gruppe von Feudalherrinnen und -herren, die wenig bis keine Kontrolle ihrer Tätigkeit erfahren, auch weil die demokratischen Gegenkräfte weitgehend aus- oder gleichgeschaltet oder durch zwielichtige Schiedsverfahren für Konzerne ausgehebelt sind. Diese Kunden können Sie möglicherweise mit Hilfe eines Weichspüleffekts beeinflussen, denn konfrontieren lassen die sich nicht, das haben sie nicht nötig. Aber um wirklich als Supervisor-in bis zu ihnen vorzudringen, müssen Sie gehörig Stallgeruch annehmen. Danach können Sie Ihren Einfluss geltend machen, Missstände zu lindern oder Ausbeutung abzuschwächen, wie man das mit Feudalherrinen und -herren so macht. (Lässt sich gut bei Chekhov nachlesen!) Aber wahrscheinlich merken Sie gar nicht mehr, dass Sie längst bei der neoliberalen Katzenmusik mit musizieren. Schöne neue Supervisionswelt! (RoMa)

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Wie kommt das Neue in die Welt?

Okt 10 2014 Published by under Jürgen Kreft

In vielen Supervisionsprozessen fällt immer wieder auf, wie schwer es für Einzelne, Teams und Organisationen ist, etwas Neues gegen den gelebten Alltag zu denken und auf den Weg der Umsetzung zu bringen. Manchmal tauchen Ideen spontan und wie zufällig auf und lassen sich mit etwas Geschick und Glück entwickeln und konkretisieren. Nun wäre es doch interessant, Kriterien zu identifizieren, die dem Zufall auf die Sprünge helfen? Welche Rahmenbedingungen sind hilfreich, wenn man die für Veränderungsprozesse so wichtigen neuen Ideen produzieren möchte? Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hat in einem 7jährigen Projekt untersucht, ob sich kulturelle Quellen von Neuheit identifizieren lassen. Dabei sind sie auf 5 Kulturtechniken gestoßen, die das Auftauchen von Neuem begünstigen:

  • Abgrenzen der Räume: Die Prozesse, in denen die kreativen Suche stattfinden sollen, müssen abgegrenzt sein und und den Akteuren einen ständigen Einschätzungs- und Kommentarfluss ermöglichen.
  • Suspendierung von Routinen: Für die Entwicklung von neuen Ideen ist ausschlaggebend, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter daran gehindert werden, die üblichen Ziele anzusteuern. In Krisen und Ausnahmezustände geschieht dies – zumeist angestoßen von äußeren Faktoren – gezwungener Maßen. Weniger bedrohlich und zeitlich befristet können künstlerische Interventionen den Alltag und die Routine unterbrechen.
  • Kuratieren von Umständen der Zusammenarbeit: Die Koordination von selbstständigen Akteuren ist schwierig und bedarf einer gezielten Gestaltung. Kuratoren aus dem Ausstellungs- und Theaterwesen verfügen über eine große Erfahrung im Schaffen von Räumen der Begegnung und Vermittlung.
  • Wertübertragungen zwischen gesellschaftlichen Bereichen: Jedes Neue hat in seinem Bereich einen Wert, der in andere gesellschaftliche Bereiche übertragen werden kann. Dazu braucht es Übersetzungsarbeiten.
  • Techniken des Auf- und Abwertens: Neue Ideen verschwinden schnell wieder, wenn es nicht gelingt, sie Aufzuwerten. Möglichkeiten dazu bietet die Verknüpfung mit (moralischen) Werten, Personen, Institutionen oder auch Geschichten

Diese Ausgangsbedingungen – so das WZB – bilden eine Ressource, aus der Neues geschöpft werden kann, vollständig kontrollieren lässt es sich nicht. Wer zu den einzelnen Punkten Näheres erfahren möchte, schaue unter http://www.wzb.eu/de/publikationen/wzb-mitteilungen/wzb-mitteilung/145 (j.k.)

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