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Gibt es einen Todestrieb?

Sep 17 2014 Published by under Robert Maxeiner

Kriege, Folter, Gräueltaten und Versklavung von Menschen auf der ganzen Welt lassen mich in letzter Zeit zunehmend darüber nachdenken, ob es so etwas wie einen Todes- oder Destruktionstrieb gibt, ein Thema, mit dem sich Freud in seinen letzten Lebensjahren immer wieder beschäftigt hat.

In öffentlichen Diskussionen fällt auf, wie sich destruktive Denkweisen oder Handlungswünsche hinter Normen, scheinbar korrekten Verhaltensweisen, Vorschriften verstecken oder auch offen benannt werden, da man sich im Recht glaubt oder in der Mehrheit weiß. Die Errungenschaften der Technik lassen uns fatalerweise glauben, wir hätten uns auch ethisch weiter entwickelt, oder es gäbe so etwas wie Fortschritt, ohne dass es auch mindestens ebenso viel Rückschritt gäbe.

Womöglich verbirgt sich der Todes- oder Destruktionstrieb hinter dem (Über-)Lebenstrieb, oder läßt sich als Teil dessen verstehen, denn Menschen verhalten sich noch immer wie primitive Jäger und Sammler, also wie höher entwickelte Säugetiere, die ständig befürchten (zu müssen glauben), Jemand dringe in ihr Revier ein, mache ihnen die Beute streitig, sodass ihre Existenz, ihr Überleben bedroht sei, oder sie phantasieren es auch nur, was aber immer wieder den gleichen Reflex auslöst, nämlich den vermeintlichen Nahrungskonkurrenten zu vertreiben, zu unterjochen oder gar zu töten. Unser Wirtschaftssystem, beziehungsweise die Bedingungen des globalen Kapitalismus veranlassen dazu, ständig zu wachsen und mehr zu produzieren, denn auch ein riesiger Konzern kann von einem noch riesigeren geschluckt werden, was heißt, es werden existentielle Notsituationen durch Konkurrenzkampf produziert, ohne dass tatsächlicher Mangel, zum Beispiel an Nahrung oder Kleidung herrschte. Ethische Normen, Gesetze oder religiöse Gebote dämmen das destruktive Handeln allenfalls ein, oder sie regeln auch nur, wer wen und unter welchen Umständen und auf welche Weise beseitigen darf. Selbst das nicht misszuverstehende christliche Gebot ,Du sollst nicht töten‘ wird in allen Gesellschaften unter bestimmten Umständen, zum Beispiel Krieg, außer Kraft gesetzt. Die Beteiligung an einem Krieg wird von der Rüstungsindustrie offen damit begründet, die Anderen würden das Geschäft (des Tötens) sonst alleine machen und sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil sichern. Die Überwindung des Primitiven ist also nicht nur eine Entwicklung zu Sensibilisierung oder Differenzierung, sondern führt auch immer wieder zu erneutem Barbarentum Kasten- und Klassengesellschaften, Sklaventum, Korruption, Unterdrückung und Beherrschung.

Es gibt eine These, die das Aussterben des Neandertalers damit begründen will, dass seine Waffen zu schwer und damit weniger handhabbar gewesen seien. Umgekehrt hätten die leichten, technisch versierteren Waffen das Überleben des Homo Sapiens gesichert. Auch wenn die These nicht zutrifft, hält sie bis zum heutigen Tag als Rechtfertigung dafür her, sich weiterhin wie Primitive zu benehmen, scheinbar immer (noch) beim Überlebenskampf, selbst Diejenigen, oder gerade die, welche schon Millionen gescheffelt haben.

Dostojewsky erzählt in dem Gleichnis vom Großinquisitor (,Die Brüder Karamasov‘), das Dschingis Aitmatov in ,Der Richtblock‘ aufgreift, wie Jesus wieder verurteilt und hingerichtet wird. Vor einigen Wochen wurde ein Mann in der Frankfurter Fussgängerzone, der behauptete, der Messias zu sein, von der Polizei weg geführt, und wie ich am nächsten Tag in der Zeitung lesen konnte, in eine Psychiatrie verbracht. (RoMa)

Ergänzung: In meinem letzten Beitrag über den Todestrieb habe ich mich falsch, zumindest undifferenziert ausgedrückt, indem ich das Gebot ,Du sollst nicht töten‘ als ein christliches bezeichnet habe. Tatsächlich ist es alttestamentarischen, also jüdischen Ursprungs, und wurde von den Christen übernommen. Das erste Gebot ,Du sollst keine fremden (anderen) Götter neben mir haben‘ verweist auf den Monotheismus. Im Koran heißt es genauer ,Es gibt nur einen Gott‘. Und der Name Gottes soll nicht missbraucht werden. Somit dürfen weder im Judentum, noch im Christentum, noch im Islam oder einer anderen monotheistischen Religion aus gläubiger Sicht zu Kriegen oder dem Töten Andersgläubiger oder überhaupt anderer Menschen aufgerufen werden. Dieser Verantwortung sollten sich religiöse Menschen, und nicht nur diese bewusst sein. In Religionen des Pantheismus gibt es immer Götter, die unterschiedliche Eigenschaften verkörpern, zum Beispiel friedliche, sanftmütige oder auch gewalttätige. Als Beispiel könnte Shiva dienen, der all diese Eigenschaften und noch weitere in sich vereinigt, und damit per Identifizierung zur Selbstreflexion auffordert. Damit ist er, so könnte man es, nicht nur religionsgeschichtlich betrachtet, verstehen, den Menschen noch näher. Also brauchen die Anhänger monotheistischer Religionen immer ein besonderes Augenmerk auf die Toleranz, sozusagen als Schutz vor Fanatismus. Und nichtreligiöse Menschen und nicht nur diese sind auf eine ethische Grundhaltung angewiesen, damit kein Gott der Versklavung und Ausbeutung, dem mit ewigem Wachstum gehuldigt wird, die Herrschaft übernimmt.

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