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Asozial

Jun 11 2014 Published by under Robert Maxeiner

In meiner Jugendzeit, in einer Kleinstadt verbracht, lernte ich den Ausdruck, ´asozial` als Beschimpfung für Leute kennen, die in so genannten sozialen Brennpunkten lebten oder seit längerem keine Arbeit hatten. Andere sprachen wohlwollend von sozial schwachen Familien. Diesen Ausdruck hörte ich jüngst wieder bei einer Rede von Sarah Wagenknecht zum Europawahlkampf. Ich finde, dieser Terminus ist falsch gewählt. Sie meint eigentlich ökonomisch oder finanziell Schwache, wobei mir allein die Einteilung von Menschen in Starke und Schwache schon fragwürdig vorkommt. Bei Leuten wie Hoeneß oder Zumwinkel könnte ich die Bezeichnung, ´sozial schwach` eher nachvollziehen, und da juristisch nur Abgewogenes verwendet werden darf und populistisch nur Deftiges ankommt, finde ich die Bezeichnung asozial noch zutreffender. In meiner Jugendzeit wurde oft noch, ´Elemente` oder ´Subjekte` hinzu gefügt. Mit dieser Bezeichnung wurden aber nicht Arme oder Arbeitslose bedacht, sondern solche, die aus dem Grundgesetz zitierten. Dazu wurde ihnen noch empfohlen, in die DDR überzusiedeln. Franz Joseph Strauß sprach damals in ähnlichen Zusammenhängen von, ´Ratten und Schmeißfliegen`. Und der andere Franz Joseph, Degenhardt nämlich, zitiert den Ausschussvorsitzenden bei der Befragung des Kriegsdienstverweigerers: „Sie berufen sich hier dauernd auf das Grundgesetz, sind Sie etwa Kommunist?“

Unsere Kanzlerin behauptet: „Die EU ist keine Sozialunion.“ Die Gute, sie wollte uns davor bewahren, dass die AfD bei der Europawahl keine Stimmen am rechten Rand abschöpft. (Das Gegenteil ist dann eingetreten.) Wenn die EU also nicht auch eine Sozialunion ist, ist sie dann asozial, oder handelt die Kanzlerin auf Stimmenfang asozial? Oder ist die Kanzlerin europafeindlich, weil sie zurück zur EWG will? Und dann meint der durch diverse Nebenjobs reich gewordene Parlamentarier Gauweiler von der CSU, die Mitte rutsche immer weiter nach links ab. Für diese Sichtweise braucht man schon einen reichlich asozialen Blickwinkel. Erfüllt dieser etwa schon den Tatbestand der Volksverhetzung? Oder geht es nur darum, unterstützt von BILD, antidemokratische Kräfte von rechts draußen salonfähig zu machen? Zumindest könnte man die frei gewordenen Kräfte des Verfassungsschutzes hier sinnvoll einsetzen, um näheres auszukundschaften. Aber Sie kennen das ja von den Böcken und den Gärtnern… Denn bei den Verfassungsschützern weiß man nie, ob Ihnen klar ist, welche Verfassung sie schützen sollen, beziehungsweise, sie verstehen Rechtsstaat als ganz rechts außen. Man wird das ja wohl mal sagen dürfen…

Wenn ich die Vorschläge des Innenministers, Flüchtlinge gleich in ein Gefängnis zu stecken und anschließend abzuschieben als inhuman oder unmenschlich bezeichne, was sie tatsächlich sind, zeigt dies allenfalls schwache Resonanz. Ursula Rüssmann nennt es in der Frankfurter Rundschau vom 17.05. ´Geiz an Humanität`, aber weiß sie denn nicht, dass Geiz angeblich geil ist, zumal für Wähler am rechten Rand. Ich finde, der Innenminister bekennt sich mit diesem Ansinnen zu einem asozialen Vorhaben. Damit ist er nicht allein. Einige vermeintlich tragende Pfeiler unserer Gesellschaft haben nicht begriffen, dass Gewinne nicht vor Grundgesetz gehen, sondern diesem nachgeordnet sind. Man wird das ja wohl noch sagen dürfen…

Kennen Sie den? Was unterscheidet einen Rechtsradikalen von einem AfD-Politiker? Der Rechtsradikale schreit ´Ausländer raus` und möchte eigentlich mehr Geld und Ansehen. Der AfD-Politiker will grundsätzlich mehr Geld und Ansehen ist dafür bereit, die rechtsradikalen Konsequenzen für sein Zündeln zu tragen. Das mag er zwar leugnen, aber er weiß es trotzdem, obwohl Menschen, die nur in ökonomischen Zusammenhängen denken, zeitweise etwas beschränkt wirken. Der Rechtsradikale hingegen leugnet, dass er eigentlich kein richtiger Deutscher ist. Wie ich darauf komme? Zum Beispiel achtet er die Menschenwürde nicht. Oder er verlangt, dass die Menschen vor dem Gesetz nicht gleich seien. Oder dass deutsche Staatsbürger wieder ausgebürgert werden. Er bekennt sich nicht zum Grundgesetz, dem Gründungselement des Deutschen Staates. Will er etwa einen anderen Staat? Dann ist er es, der nicht hierher gehört. Man wird ja wohl noch sagen dürfen…

Aber wo soll er hin? Er braucht einen Grundkurs, eine Art Deutschkurs für Anfänger, nicht nur Sprache, auch Demokratieverständnis, Toleranz, soziales Handeln. Noch besser wäre natürlich, er lernt Selbstbewusstsein in Familie, Kindergarten und Schule und findet einen Ausbildungsplatz. Aber ich bin doch kein Illusionist, auf das nahe Liegende zu hoffen. Man wird ja wohl noch sagen dürfen…

Es wäre gut, wenn Menschen in der Schule, der Lehre und an Hochschulen und Universitäten lernten, zu reflektieren, statt sich zu verhalten – angepasst, korrekt, opportun, und statt nach richtig und falsch zu fragen, sich selber eine Meinung zu bilden. Kennen Sie den? Was ist der Unterschied zwischen Supervision und Coaching für Spitzenmanager? In der Supervision lernen Menschen, ihre berufliche Praxis zu reflektieren, beim Coaching für Konzernchefs, wie sie andere besser über den Tisch ziehen können. Aber immer schön korrekt verhalten und innerhalb des gesetzlichen Rahmens bleiben, was nicht so schwer fallen dürfte, haben doch ihre Lobbyisten meist am Gesetzestext mit gewerkelt.

Und falls es doch mal zum Gesetzesbruch kommen, und falls sie auch noch erwischt werden dabei, und falls es doch zur Anklage und auch noch zu einer Verurteilung kommen sollte, bitte liebe Richter-innen, die Verurteilten nicht zur Strafe in soziale Einrichtungen schicken wie Berlusconi in Italien. Sie wollen doch nicht die Leute dort bestrafen. In sozialen Einrichtungen werden nämlich sozial eingestellte Menschen mit Engagement, Fachwissen und mitfühlendem Verständnis gebraucht, Profis eben, keine Asozialen.

Und Hoeneß will ich in keiner Talkshow mehr sehen, weder als Freigänger noch nach seinem Gefängnisaufenthalt, weder vollmundig noch geläutert. Der braucht wie jeder Junkie und anonyme Süchtige einen echten Entzug, in seinem Fall einen Showentzug und einen Pseudoerfolgszwang.-entzug. Der Mann hat eine schwere, narzisstische Macke. Zumindest sollte er lernen, ohne eine Fernsehkamera zu leben. Und Interviews bitte nur mit dem Gefängnispsychologen, am besten auf dem Niveau der ehemaligen Mollat-Gutachter.

Eigentlich meine ich das ja gar nicht so, wie ich es hier schreibe, bin ich doch für Differenzierung, fairen Dialog, Verhandlungs- und Kompromissbereitschaft. Aber ich werde ja wohl noch sagen dürfen… (RoMa)

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