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Nachhaltigkeit und Zurückhaltung

Mrz 14 2014 Published by under Robert Maxeiner

Ich gebe zu, ich bin auf das Gelabere von der Nachhaltigkeit herein gefallen. Ich verstand darunter, sorgsam und pfleglich mit den Dingen umzugehen. Sie kennen ja auch das Gerede von den nachwachsenden Rohstoffen usw. Ich fand diese Wortschöpfung sehr bezeichnend und politisch korrekt. Damit hatte ich mich zum ersten Mal getäuscht, denn diese Art Begrifflichkeiten sollen immer suggerieren, dass es von der Erkenntnis bis zur Umsetzung nur noch ein kleiner (rechtlicher) Schritt ist und dass ein möglicher Verzicht, der aber nicht benannt, sondern nur geahnt werden darf, von Allen getragen und somit erträglich ist.

Zuerst sprachen einige alternative Spontis von Nachhaltigkeit, dann die Grünen allgemein, später die eher links orientierten Parteien, letzten Endes alle Politiker. In mindestens jedem dritten Satz eines politischen Statements musste nun das Wort Nachhaltigkeit vorkommen. Der nächste Schritt hätte sein sollen, gesetzliche Grundlagen zu schaffen und auf deren Basis den üblichen Normenkatalog. Natürlich hätte es Ausnahmen für die Großindustrie gegeben, und indem die Kontrolle zu teuer geworden wäre, hätte sich ein Großteil raffinierter Unternehmer, die keine Ausnahme erwirkt hätten, auf freiwillige Selbstkontrolle verpflichtet, also vorbei gemogelt, und die Geschäfte wären mit den Bürgern gemacht worden, die sich neue, nachhaltigere Gerätschaften für den Haushalt hätten anschaffen oder anderweitig hätten nachrüsten müssen.
Dazu ist es nicht gekommen, denn die ökonomischen Interessen sind mal wieder so durchsetzungsfähig – und schließlich sollen wir weiterhin an das Märchen vom Erhalt der Arbeitsplätze glauben – dass sie Alles überlagern, und somit einen sogenannten Reformstau produzieren, über den aber frühestens in zwei oder drei Jahren gesprochen werden darf.
Damit ist schon der Begriff Nachhaltigkeit zur Worthülse verkommen. Selbst die Grünen benutzen ihn zurzeit kaum noch, weil sie sich fürchten, sie könnten bevormundend a` la Veggie-Day klingen, beziehungsweise, sie würden mit Nachhaltigkeit gegen Wirtschaftswachstum konkurrieren wollen.
Zurückhaltung scheint mir dagegen der sinnvollere Weg. Die Möglichkeit, dass Politiker oder Werbefritzen diesen Begriff okkupieren und zweckentfremden, besteht schon mal gar nicht, denn er assoziiert Unmodernes, Verschrobenes, Muffiges. Außerdem riecht er nach Einseitigkeit, persönlichem Engagement und Ungerechtigkeit, womöglich gar nach einer konservativen Sexualmoral. Dies würde kein-e Politiker-in ihren / seinem potentiellen Wähler-innen zumuten.
Tatsächlich würde Zurückhaltung in der Sache helfen. Zum Beispiel nimmt frau /man weniger zu, wir konsumieren weniger alkoholische Getränke, der Wald lebt länger, wenn er zurückhaltender abgeholzt wird, wir sparen Benzin, wenn wir weniger Auto fahren oder weniger schnell. Und was noch dazu kommt, wir befreien uns von dem Gedanken, dass es andere auch machen (müssen), ich mir verarscht vorkommen muss, wenn sie es nicht tun, oder dass es gerecht zugehe. Ja, ich leiste bewusst einen Verzicht, muss mir ja nicht gleich dafür etwas auswählen, dass meinem Herzen sehr nahe liegt. Damit sind wir weniger unserem Idealismus ausgeliefert und dem Glauben an das Gute im Menschen, neigen daher weniger zu Fanatismus, und dies macht uns als Personen im Denken und Handeln autonomer. (Wenn wir mehr wollen, können wir uns ja darüber hinaus politisch engagieren.)
Nochmals zurück zur Nachhaltigkeit am Beispiel von Supervisionsprozessen: In Kontraktgesprächen wirkt sie lediglich als Absichtserklärung oder als Passus in einer Zielvereinbarung, in der (Zwischen)-Auswertung dagegen macht es Sinn, darüber zu reflektieren, was die Supervision (Nachhaltiges) bewirkt hat und wie dieser Prozess weiter gefördert werden kann. (RoMa)

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