Archive for Januar, 2014

„Alles Coaching – oder was?“

Jan 22 2014 Published by under Jürgen Kreft

„Wie lautet Ihr Dachbegriff für ´spezifische, personenbezogene, arbeitsweltliche Beratung?“, so fragt das Journal Supervision (Heft 4, 2013), der Informationsdienst der DGSv, seine Leserinnen und Leser, die in der Regel Mitglieder des Berufs- und Fachverbandes für SupervisorInnen sind. Die Bezeichnung „Supervisor (DGSv)“ scheint an unseren Praxistüren keine ausreichende Orientierung mehr zu vermitteln, weil wir längst etwas anderes machen oder unsere Kunden etwas anderes erwarten.

Welche Gründe mag es geben, dass die Diskussion über das Verhältnis oder die Differenz zwischen Supervision und Coaching nun wieder auftaucht, wo doch der Vorstand schon 2011 in einer Erklärung die Debatte über den „unerklärlichen Unterschied“ beendet hatte. Die Vermutung liegt nahe, dass die aktuelle Auseinandersetzung weniger vom Wunsch nach fachlicher Selbstvergewisserung als vielmehr von der Notwendigkeit, auf die Entwicklung des Marktes zu reagieren, geleitet wird. Überall wird gecoacht und Coaching angeboten und nachgefragt.

Die Gemeinsamkeiten zwischen Supervision und Coaching sind, was Gegenstand und Arbeitsweisen angeht, vermutlich größer, als manchem lieb ist – und in einigen Fällen ist die Differenz zwischen zwei Supervisoren mit unterschiedlichen Konzepten erheblicher als zu einer coachenden Kollegin. Sind beide Begriffe an ihre Grenzen gestoßen, wie es Brigitte Hausinger und Theresia Volk in der Beilage des Journals formulieren? Sie plädieren dafür, ein gemeinsames „Dachkonzept“ für personenbezogene, arbeitsweltliche Beratung unter neuem Namen zu etablieren.

Unter einem Dach kann vieles Platz finden. „Leistungsoptimierung und funktionale Managementberatung 1. Stock links – Persönlichkeitsentwicklung, Bildung und Aufklärung 2. Stock rechts.“ Der damit angedeutete Konflikt über fundamentale Unterschiede in der Zielbestimmung von Beratung lässt sich nicht vorschnell befrieden. Er taucht an zentraler Stelle in der Kontraktphase  auf: Wie unabhängig bleibt der Berater angesichts der geäußerten Wünsche der Klienten und den formulierten Zielen der Organisationsvertreter? Oder anders formuliert: Wie lässt sich die Überparteilichkeit einer dritten Position im Kontrakt und in der Arbeit miteinander halten?

Angesichts des Erfolges am Markt, den das Coaching momentan erlebt, stehen die Beraterinnen und Berater, ganz gleich unter welcher Fahne sie segeln, vor einem ähnlichen Problem wie die Leitungskräfte, die von ihnen beraten werden: Wie kann man das eigene Selbstbewusstsein so stützen, dass sich der Handlungsspielraum erweitert und man nicht zu einem Getriebenen wird? Wie lässt sich die Fähigkeit zum Konflikt auf der einen und die Fähigkeit zur Anpassung auf der anderen Seite so fördern, dass am Ende eine bewusste Entscheidung steht.

P.S. Die Stoßrichtung von Hausinger/Volk, einen konstruktiven Dialog über Entwicklungen, Konzepte und fachliche Standards seriös und kraftvoll innerhalb eines „Dachkonzeptes“ zu führen, kann man eigentlich nur begrüßen. Allerdings wäre mir ein gesundes Fundament lieber. (j.k.)

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Kompromisse und Kompromissbildungen

Jan 05 2014 Published by under Robert Maxeiner

Kompromisse gehören zum Alltag und zu jeder Form politischer Auseinandersetzung in einer Demokratie. Voraussetzung ist ein gemeinsames Grundverständnis in der Sache, die Fähigkeit zur Meinungsbildung im Detail, den fairen, sachlichen Streit darüber und schließlich, einen Kompromiss zu finden, mit dem sich alle Beteiligten einverstanden erklären können. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei der Kompromissbildung um einen Abwehrmechanismus. Der Kompromiss wird nach innen verlagert. Durch Bildung eines Kompromisses können der unbewusste Wunsch und die Abwehrforderung (z.B. Verdrängung) gleichzeitig befriedigt werden. (In diesem Zusammenhang immer wieder eine Empfehlung wert: Anna Freund „Das Ich und die Abwehrmechanismen“).

Denken wir zum Beispiel an die Großkoalitionäre: Wenn man den Ausführungen der jeweiligen Partei im Wahlkampf Glauben schenkt, fehlte ihnen ein gemeinsames Grundverständnis, denn sie haben oft und lange betont und dies auch mit Argumenten belegt, dass sie eine unterschiedliche Politik wollen. Das sollte in einer Demokratie nicht nur selbstverständlich sein, sondern eine Voraussetzung. Indem wir Bürger uns darauf verlassen können sollten, hätten wir eine Wahl gehabt. Danach gingen die Großkoalitionäre mit Forderungen in die Verhandlungen, die sie keinesfalls aufgeben wollten; nach der oben genannten Definition handelt es sich um parteiinterne Kompromissbildungen. Haben Sie während der Verhandlungen etwas von einem Streit mitbekommen, ein in einer Demokratie probates Mittel, um wirkliche Kompromisse zu erzielen? Wenn es diesen gab, dann wurde er nicht ausgetragen, sondern zur Chefsache erklärt. Die Folge: Es wurde geschachert und getauscht nach dem Motto: „Bekommst du das, dann krieg ich das.“ Dabei wurde von den eigentlich wichtigen Themen abgelenkt. (Der Mindestlohn hätte ein bedeutendes Thema sein können, wenn wirklich alle Betroffenen etwas davon haben würden.) Diese Haltung führt, wie erlebt, zu Deals, faulen Kompromissen und auch zu Unzufriedenheiten, nicht doch noch mehr für das eigene Lager erreicht zu haben, denn der verinnerlichte, merkantile Spruch lautet: „The winner takes it all.“ Oder für den kleineren Koalitionspartner: „Das Schlimmste verhindern.“ Wie in der Werbebranche üblich, liest sich dann die Präambel (was auf der Packung drauf steht) wie ein Zitat aus der Bergpredigt, die Verhandlungsergebnisse (was in der Packung drin ist) eher wie das Kleingedruckte aus einem Versicherungsvertrag.
Wir sind auf unsere Abwehrmechanismen, auch auf Kompromissbildungen, angewiesen. Sie zu verstehen hilft uns, unsere Impulse, dem Bewusstsein durch Reflexion zugänglicher Motive und Einstellungen in einer jeweiligen Situation anzuerkennen und unsere Haltung zu überprüfen. Mit den gewonnen Erkenntnissen und einer wohl überlegten Strategie können wir, sozusagen gut vorbereitet, in eine Verhandlung gehen, um Kompromisse zu erzielen. Um an meinen letzten Beitrag anzuschließen: Wenn die Politik nur noch das verhandelt, was ihr die Konzerne übrig lassen, dann wird es dringend Zeit, uns mit den Folgen – Entwicklung kann ich es schwer nennen – zu befassen. Übrigens habe ich etwas historisch Unkorrektes geschrieben: Natürlich hat Friedrich der Große nicht behauptet, der Staat zu sein, sondern sein erster Diener, was ihn nicht daran gehindert hat, dauernd Kriege zu führen, und tausende Menschenleben dafür zu opfern.
Zur neuen Konzernokratie und der Rolle der Politik darin passt übrigens auch die neue Rolle der Kirche in ihrer Rückbesinnung auf eine Kirche der Armen. Dies entspricht dem feudalen Schema, mit dem sich die Politik in ihrer opportunistischen Haltung bestätigt – beides Rückfälle in vergangene Zeiten, wobei die Kirche damit an Ansehen wiedergewinnt, während die Politik ihres leichtfertig verspielt.
Bei den Kontraktverhandlungen zu einer Supervision sprechen wir auch über unsere Erwartungen als Supervisor/innen, damit die Arbeit möglichst gut gelingen kann. Wir tun dies aus einem fachlichen und zugleich aus einem politischen Standpunkt, denn wir sind gleichberechtigte Verhandlungspartner. Möglicherweise werden wir dabei auch mit Aufträgen konfrontiert, die unserem supervisorischen Verständnis grundsätzlich widersprechen. Indem wir diese so nicht annehmen und plausibel machen können, warum, ergeben sich – falls wir nicht, wie die hessischen Grünen, einer Hybris erliegen – neue Möglichkeiten, einen Kompromiss zu finden. Es soll auch vorkommen, dass die Ansichten unterschiedlich bleiben und kein Kontrakt zustande kommt.
Auch ich als Schreiber dieser Glosse muss immer wieder darüber nachdenken, ob ich in meinen Beiträgen zu „Allen wohl und keinem wehe“ neige, eher zu vollmundig auftrete oder arrogant, zum Pharisäer werde oder zum Fanatiker. (RoMa)

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