Archive for November, 2013

Immer erreichbar!

Nov 16 2013 Published by under Jürgen Kreft

Angesichts der unbegrenzten Möglichkeiten des Smartphone und der im Vergleich dazu stupiden Langsamkeit und Beschränktheit eines Briefes fällt mir in der letzten Zeit immer wieder eine Geschichte ein, die Günther Anders schon 1956 in seinem ersten Band zur „Antiquiertheit des Menschen“zu erzählen pflegte:

Da es dem König aber wenig gefiel, dass sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er ihm Wagen und Pferd. „Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen“, waren seine Worte. „Nun darfst du es nicht mehr“, war deren Sinn. „Nun kannst du es nicht mehr“, deren Wirkung.

Das technisch Mögliche wird als das aktuell Verbindliche akzeptiert – das Gekonnte erscheint als das Gesollte – und das Gesollte wird zum Unvermeidlichen (Antiquiertheit des Menschen Bd.2, 1980) Wie oft ist uns das in den letzten Jahren eigentlich schon passiert, dass uns technische Möglichkeiten als Fortschritte verkauft wurden, wir auf die Versprechungen herein gefallen sind, und damit das Althergebrachte für immer verschwunden ist.

Übrigens: Am Ende des Jahres schließt der Buchladen meines Vertrauens für immer. Es rechnet sich nicht mehr. Die Bücher, die wir benötigen, kommen ja wie von selbst auf unseren Schreibtisch. In dem Moment, wo wir erschrecken, ist es schon zu spät. (j.k.)

Kommentare deaktiviert

“Unternehmen unter ständigem Veränderungsdruck”

Nov 04 2013 Published by under Jürgen Kreft

Der Zufall wollte es, dass ich aktuell in meinem familiären Umfeld mit zwei starken Veränderungsnotwendigkeiten konfrontiert worden bin: die erste erzwungen und damit unausweichlich; die zweite erhofft und erwünscht, aber mit ähnlichen gefühlsmäßigen Irritationen. Und was ich theoretisch schon wusste, erlebte ich nun hautnah: In jedem Menschen wirken starke Kräfte, die gegen fast jede Form von Veränderung Widerstand leisten.

Es gehört zum Wesen von Veränderungen, dass man nicht nur etwas Neues gewinnt sondern gleichzeitig etwas Vertrautes und Liebgewonnenes hinter sich lassen und sich von ihm verabschieden muss. Häufig bemerkt man erst in diesem Moment, wie wichtig gerade dies war, was nun auf der Strecke bleibt. Der Abschied weckt Erinnerungen an früher erlebte Trennungen und Verluste – und damit verbunden ist das Gefühl der Trauer. Der britische Psychoanalytiker John Bowlby hat am Beispiel des Verlustes eines nahen Verwandten erläutert, dass Individuen im Verlauf von Wochen und Monaten nach und nach bestimmte Trauerphasen durchlaufen: Von der Phase der Erstarrung, zur Phase des Verlangens nach der verlorenen Person, über Desorganisation und Verzweifelung bis hin zur hoffentlich gelingenden Reorganisation.

Mit diesem Wissen im Gepäck versuche ich immer wieder, Geduld mit mir und meinen Mitmenschen zu aktivieren. Mit dem Wissen um meine Ungeduld und meine Trauer erinnere ich mich wieder an meine Supervisanden und an das, was ich von ihnen erwarte: Sie mögen sich angesichts der Situation, in die sie sich oder die Organisation sie hineinmonövriert haben, doch bitte schnellstens verändern.

„Das einzig Beständige ist der Wandel!“ – so tönt es von der Seite der Veränderungsoptimisten. Mit dem Programm des „Lebenslangen Lernens“ an ihrer Seite schicken sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die nächste Veränderungsrunde. Wenn dabei die Trauerarbeit vergessen wird, bleibt vieles auf der Strecke.

Am Ende klingt das alles recht düster. Veränderungen können doch auch ein Versprechen beinhalten und vitale Lebensenergie transportieren – dazu ein anderes Mal. (j.k.)

Kommentare deaktiviert