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Unsere armen Kinder

Okt 16 2013 Published by under Robert Maxeiner

Die Zeit, welche ihnen nach der Geburt zugestanden wird, um sich möglichst unabhängig von gesellschaftlichen Bedingungen Erwachsener zu entwickeln und sich auf deren durchinstitutionalisierte Welt einzustellen, wird ihnen immer knapper bemessen. Wenn sie Glück haben, leben ihre Eltern in einer reichen Industrienation und sind wohlhabend, wenn sie Pech haben, wachsen sie auf Müllkippen auf, leiden Hunger, werden verfolgt, verschleppt, gezwungen.

Mit dem Argument, dass es uns ja im Vergleich mit den Anderen noch gut geht, verschließen wir die Augen vor der immer größer werdenden Kluft zwischen arm und reich innerhalb der Gesellschaft, unter der Kinder besonders leiden, weil sie ein noch natürliches Rechtsempfinden haben. In dieser Gesellschaft geht nichts ohne Gesetze, Vorschriften, Verordnungen, Normen und Regeln. Kinder sind auf das Wohlwollen der Berechtigen angewiesen, deren Ressourcen, sie zu schützen und zu unterstützen, so knapp bemessen, dass Missstände voraussehbar sind. Ihre Kindheit ist vorherbestimmt, verplant, geregelt. Ohne ihre Bedürfnisse zu erfühlen und diese anzuerkennen und zu verstehen, werden sie durch die Institutionen geschleust: Kindergrippe, Kindertagesstätte, Schule. Ihre Freizeit verbringen sie in Institutionen, solchen, die der Klasse und den Erwartungen ihrer Eltern entsprechen. Die Vertreter aller dieser Institutionen glauben zu wissen, was gut ist für das Kind. Es wird mit Bildung vollgestopft, die durch Tradition geprägt, vom Zeitgeist manipuliert, von politischen Forderungen traktiert und durch Wirtschaftlichkeit dominiert wird. Die wiederentdeckte Kindheit, welche von liebevoller Zuwendung und zu erforschendem Spielraum geprägt sein sollte, steht allenfalls auf abgehefteten Papieren, wird wieder zum dark Continent. Was die Erwachsenen fordern, aber nicht umsetzen, zum Beispiel Toleranz, Integration, Inklusion, wird den Kindern aufgebürdet. Erwachsene legitimieren übelste Formen von Ausbeutung, behandeln Flüchtlinge wie Verbrecher und lassen sie ertrinken. Was Kinder dabei lernen: Hauptsächlich, wie die Doppelmoral der Erwachsenen funktioniert, wer sich anpassen muss und wer zu denen gehört, die Ellbogen gebrauchen dürfen. Sie verhalten sich in der Regel angepasst, so wie es ihnen die Erwachsenen beibringen, und wenn sich der Erfolg nicht innerhalb der legitimen Grenzen einstellt oder der hinunter gewürgte Groll ob ständiger Anpassungsleistungen sich abrupt Luft macht, bricht die Gewalt auf dem Schulhof aus. Und die Erwachsenen wundern sich scheinheilig über diese Zustände.

Spätestens jetzt treten die fürsorgenden Institutionen auf den Plan. Ich klage nicht die überforderten Erzieher-innen, Sozialarbeiter-innen, Lehrer-innen, Jugendrichter-innen an, sondern Diejenigen, die immer mehr zu immer schlechteren Bedingungen fordern. Zum Beispiel werden größere Gruppen in kleineren Räumen bei noch knapper bemessenem Personal in Kindertagesstätten in einigen Bundesländern als Fortschritt und Förderung ausgegeben. Darunter leiden nicht nur Kinder.

Erwachsene bürden ihnen ihr eigenes Schicksal auf. So wissen Eltern oft schon im Voraus, welche Karriere ihre Kinder machen werden, weil diese nicht von ihren Bedürfnissen und ihrer Begabung, sondern von der Klasse abhängt. Und wer keine Chance hat, sollte auch diese nutzen, denn eine Wachstumsgesellschaft braucht dringend Verlierer, welche die Gewinne der Reichen erarbeiten.

Wenn es Kindern gut geht, ist dies in erster Linie vom Engagement und einer einfühlenden Haltung Erwachsener abhängig. Sollten wir diese Abhängigkeit in Zeiten ständig zunehmender Ausbeutung und Manipulation nicht kritisch hinterfragen?

Haben Kinder noch die Zeit, ein Urvertrauen zu entwickeln, zu einem Individuum zu reifen, oder soll es ihnen wie den Erwachsenen gehen, die immer mehr zu Konsumenten, Kunden und Adressaten verkümmern? Wenn Kinder unsere Zukunft sind, gönnen wir ihnen doch etwas großzügiger einen Spielraum, der uns selbst abhanden gekommen ist.

Wenn ich in Supervisionen mit den o.g. Berufsgruppen arbeite, erleben diese es oft schon wie eine Befreiung, wenn sie sich in ihrer Berufssituation verstanden fühlen. Sie empfinden es fast wie eine Legitimation, sich Zeit zu nehmen, die Kinder und deren Bedürfnisse zu verstehen, mit dem Ziel, so weit wie möglich auf diese einzugehen, und sich mit den Grenzen immer wieder auseinander zu setzen. (RoMa)

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