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Geschichte

Jul 12 2013 Published by under Robert Maxeiner

Sie befasst sich mit den Fakten der Vergangenheit. Dies klingt zuerst einmal klar und eindeutig. Das Mehrdeutige ergibt sich aus der Tatsache, dass die Erforschung der Geschichte in der Gegenwart geschieht, folgerichtig von dieser geprägt ist, weil sich Sichtweisen, Einstellungen, Interpretationsvorlieben in immer kürzerer Zeit ändern. Der Raum zwischen dem Faktischen und dessen Interpretation lässt sich mit Worten definieren, aber das Denken und Empfinden in diesem Raum ist wesentlich komplexer und führt möglicherweise über dessen Grenzen hinaus. Um ein Faktum, zum Beispiel zur Zeit der Renaissance, historisch einigermaßen einordnen zu können, muss ich mich in die Menschen dieser Zeit hineinversetzen, was sie gewusst und erkannt haben, wie sie fühlten und dachten, welche Werte sie vertreten haben. Damit befinden wir uns weit auf spekulativem Terrain. Andererseits wäre es aber auch nicht sinnvoll, die zu erforschende oder erforschte Tatsache zu sezieren und von ihrem Kontext zu isolieren.

Freud sprach von der Psychoanalyse einer Patientin / eines Patienten auch von dessen Lebensroman, den diese/r selbst schreibt. Die Wiederkehr des Verdrängten erwies sich dabei als ein wesentliches Hilfsmittel zum Verständnis der persönlichen Vergangenheit. Es kann jedoch nur das erinnert werden, verzerrt oder unvollständig – wann kann schon ein erinnertes Geschehen als vollständig bezeichnet werden? – was in der Gegenwart, in Verbindung mit der aktuellen Verfassung, zugelassen werden kann. Dies scheint mir nicht nur für Personen, sondern auch für Gruppen, Institutionen und Gesellschaften zu gelten. Dabei ist zu beobachten, dass Abwehrmechanismen wie Verdrängung, Verleugnung, Ungeschehen machen, geradezu spekulativ eingesetzt werden. Dazu ein Beispiel: Ein Radrennfahrer dopt. Dadurch gewinnt er Preise. Er und sein Rennstall verdienen viel Geld. Einige Zeit später, nachdem das Geschäft abgeschlossen und der Ruhm verblasst ist, werden Dopingvorwürfe gegen ihn erhoben. Der Radfahrer leugnet. Die Faktenlage wird immer eindeutiger. Möglicherweise bespricht er sich mit seinem Coach, wann es günstig erscheint, ein Geständnis abzulegen, wie sich dieses geschäftlich nutzen lässt, und welches Verhalten in diesem Zusammenhang vonnöten sein soll.

Die dargestellte Szene in einer Supervision könnte analog zu Freuds Aussage über die Psychoanalyse als Roman als Short Story oder Erzählung verstanden werden. Ein wesentlicher Unterschied besteht in der Aktualität der Szene, also weder Gegenwart noch Vergangenheit, sondern (un-)vollendete Gegenwart mit Auswirkungen in die Zukunft. In einem Artikel über Supervision in den Neuen Bundesländern habe ich berichtet, dass Anfang der Neunziger Jahre kaum über persönlich erlebte, traumatische DDR-Erfahrungen gesprochen wurde, stattdessen ein hoher Anpassungsdruck dem westlichen Teil der Republik gegenüber bestand. Dies hat sich inzwischen gründlich geändert, indem Verdrängtes und Verleugnetes wiederkehrt und bearbeitet werden kann.

Die Festschreibung bestimmter geschichtlicher Fakten, möglicherweise gesetzlich, halte ich für notwendig. Sie trägt zur Identität einer Gesellschaft bei, die nicht nur von Ideologien geprägt ist. Das kreative Denken im Raum zwischen dem Faktischen und dessen Interpretation und die Kontroverse darüber halte ich immer wieder für nötig. Die Supervision kann Beispiel sein für die Reflexion des Vergangenen im Kontext zwischen persönlicher Situation und institutioneller oder gesellschaftlicher Deutungszusammenhänge. Short Stories leben von dem auf besondere Weise beschriebenen Ausschnitt, der auf die Zukunft weist, sie aber nicht festzulegen versucht, sondern Denkspielräume – nicht Gestaltungsspielräume, die kommen erst danach – offen lässt. Die Flutkatastrophe lehrt uns im wahrsten Sinn des Wortes: Wir sollten uns die Zukunft nicht weiter in der Gegenwart verbauen. (RoMa)

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