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Belastung und Resonanz

Jun 23 2013 Published by under Jürgen Kreft

Folgt man dem Stressreport 2012 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, befinden sich viele Merkmale arbeitsbedingter psychische Belastung nach wie vor auf hohem Niveau, wenn auch in den letzten Jahren keine Zunahme zu verzeichnen ist. Die Gründe dafür sind vielfältig und werden breit diskutiert: die Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft, die Flexibilisierung der Arbeit durch Informatisierung, neue (Selbst-)Steuerungsformen, fortlaufende Beschleunigung von Produktions-, Dienstleistungs- und Kommunikationsprozessen, diskontinuierliche Beschäftigungsverhältnisse uvam. (A. Lohmann-Haislah: Stressreport Deutschland, Dortmund/Berlin/Dresden 2012)

Mit Hartmut Rosa möchte ich an dieser Stelle auf einen weiteren Faktor hinweisen, der sich auf psychische Belastung auswirkt: fehlende Resonanzerfahrungen. Supervisorinnen und Supervisoren arbeiten überwiegend mit Menschen, die mit Menschen arbeiten. Sozialarbeiterinnen kümmern sich um ihre Klienten und Pflegekräfte, um ihre Patientinnen. Die Klienten wünschen sich Verständnis für ihre in die Schieflage geratene Situation und erwarten Hilfestellungen und Unterstützung von den Sozialarbeiterinnen. Die Pflegebedürftigen warten auf ein freundliches Wort, eine Berührung oder auch nur ein Lächeln.

Im zwischenmenschlichen Bereich – so würde es Hartmut Rosa formulieren – gibt es immer Resonanzerwartungen. Ich sende etwas aus und so es Wirkung zeigt, kommt es in gewandelter Form zurück. Wenn Menschen in einer derartigen resonanten Austauschbeziehung zur Welt stehen, erleben sie ihr Leben als sinnhaft und gelungen.

Die Realität in der sich zunehmend beschleunigenden und flexibilisierenden Umwelt sieht anders aus. Die Arbeitsbeziehungen unserer Supervisandinnen stehen unter permanentem Effizienz- und Optimierungsdruck. Alles soll möglichst schnell bei steigenden Fallzahlen erledigt werden. Zwischen den anstehenden Arbeiten und den zur Verfügung stehenden Ressourcen klafft eine riesige Lücke. Viele leiden darunter, dass unter dem Zeitdruck die Beziehungswünsche der Klientinnen zu kurz kommen. Einige reagieren darauf mit gesundheitlichen Krisen und dem, was wir mittlerweile etwas ungenau mit Burnout bezeichnen. Andere trainieren sich aus Selbstschutz eine instrumentelle Haltung an.

Und all dies gilt doch auch für unsere supervisorische Tätigkeit – oder wie es bei Haubl u.a. heißt: „jede arbeitsweltliche Zumutung für Supervisand/innen entspricht eine professionelle und/oder persönliche Herausforderung auf Seiten der Supervisor/innen“ (R. Haubl u.a.: Belastungsstörung mit System. Göttingen 2013). Sparzwänge betreffen auch die Beratungsprozesse und der geringe Spielraum der Supervisandinnen tangiert auch die Sinnhaftigkeit unserer Arbeit.  (j.k.)

Spielräume in der Arbeit sind wie Brachen in der Stadt – ohne sie wird es eng

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