Archive for Mai, 2013

Gefühle

Mai 28 2013 Published by under Robert Maxeiner

Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdets nicht erjagen. (Johann Wolfgang von Goethe: Faust1)

 

Gefühle sind Ausdruck unseres Befindens und gelebt, tragen sie zu unserer seelischen Ausgeglichenheit bei. Indem wir unsere Gefühle erkennen und verstehen, kommen wir uns selbst näher, erleben uns als identisch. Manchmal fällt es schwer, ein persönliches Gefühl zu beschreiben, weshalb wir nach Worten suchen, Bilder oder Metaphern verwenden. Zuerst ist nämlich das Gefühl, nicht das Wort, das es zu definieren versucht.

So sagen Menschen zum Beispiel: „Ich bin traurig“, verbinden diesen persönlichen Zustand jeweils aber mit unterschiedlichen Empfindungen. Oder sie sagen: „Es macht mich traurig, wenn du…“, meinen aber womöglich: „Ich bin ärgerlich auf dich, weil…“. Deshalb können Supervisorinnen und Supervisoren nur Verstehensangebote hinsichtlich der Bedeutung jeweiliger Gefühle machen, die in einer bestimmten, zu reflektierenden Arbeitssituation entstehen. Diese Angebote, wenn sie angenommen werden, können zur Erhellung und Klärung einer Situation für die Einzelperson, eine Gruppe oder ein Team, oder bezüglich eines institutionellen Zusammenhangs führen. Daraus ergeben sich wiederum zielführende Handlungsalternativen. Möglicherweise wird auch ein Ziel neu überdacht.

Als Ambivalenzen bezeichnen wir Gefühle, die gleichzeitig oder kurz hintereinander auftreten und sich scheinbar widersprechen. Die Ursachen – meistens sind es mehrere – liegen nicht immer in der Person, sondern können auch zwischen Personen entstehen, oder durch unklare oder sich widersprechende Arbeitsaufträge oder Ziele, also institutionell bedingt sein. Situationen, die politische Entscheidungen zur Folge haben, sind häufig von Ambivalenzen Beteiligter geprägt. Deshalb kann es sinnvoll sein, innezuhalten, zu reflektieren, bevor Entscheidungen getroffen werden. Eine Einteilung in gute und schlechte Gefühle ist dabei wenig hilfreich und wehrt eine Reflexion ab. Statt zu verstehen, wird bewertet. Nicht selten werden Lösungsmöglichkeiten und Handlungsalternativen, die sich aus der Reflexion von Gefühlen in Verbindung mit logischen Überlegungen ergeben auch bewusst vermieden, weil sie bestimmten Personen, Gruppen oder Kartellen, und meist nur diesem, zum Schaden der Anderen nützt.

Den Möglichkeiten sensiblen Umgangs stehen in der Öffentlichkeit zunehmend die Verleugnung und Vermeidung von Gefühlen durch die betreffende Person und die radikale und profane Zuschreibung durch Andere gegenüber. Dabei werden häufig Personengruppen durch nur ein zugeschriebenes Gefühl diffamiert: Auf Grund einer bestimmten Situation oder eines Ereignisses wütende Menschen werden zu Wutbürgern erklärt, mit Neiddebatten wird operiert, wenn es zum Beispiel um Gerechtigkeit geht, oder die Gier, über Jahrzehnte als Gefühl verleugnet und schon fast aus dem Wortschatz verschwunden, soll gebrandmarkt und abgestellt werden wie ein Wasserhahn.

Dies motiviert Menschen, Gefühle zu verdrängen, zu unterdrücken oder zu verbergen und sich stattdessen über triviale Verhaltescodes zu präsentieren, als lebten wir auf dem Reflexionsniveau pavlovscher Hunde. Ein Steuerbetrüger wird zum Steuersünder und verhält sich entsprechend, indem er sich reuig gibt. Sein Geld hatte scheinbar von alleine die Flucht angetreten, die sogenannte Steuerflucht.

Menschen werden auf Grund ihrer Gefühle oder daraus resultierender Meinungen bewertet, gemieden, als lebten wir noch oder wieder im Mittelalter, während stromlinienförmiges Verhalten positiv bewertet, gar bejubelt wird, solange, bis Scharlatane über die eigenen Fallstricke ihrer Selbstinszenierung stolpern.

Besonders findige Manipulateure, die sich inzwischen auch zunehmend unter Supervisor-innen, Verhaltenstrainern und Coaches finden, versuchen gar zu bewerten, wie oder wann eine Person authentisch sei, und bei welcher Gelegenheit sie ihre antrainierte ,Echtheit‘ demonstrieren sollte. Nicht selten spüren sich Menschen kaum noch, fühlen sich zunehmend weniger mit sich identisch. Die Pharmaindustrie macht sich dies zunutze, indem sie das Gefühlsleben zur Krankheit manipuliert, um mit Antipsychotika und Antidepressiva Milliardengeschäfte zu machen. Aus einem Wutanfall wird gleich eine Psychose, verträumt sein heißt ,Cognitive Tempo Disorder‘, Trauer wird zur Depression erklärt, und Kinder, die sich nicht wie erwartet verhalten, mit Ritalin ruhig gestellt. Und wenn ein Medikament auf den Markt geworfen wird, für das es noch keine Krankheit gibt, wird sie erfunden, oder ein Gefühl umgehend zur Psychose erklärt.

Wen wundert es angesichts dieser Tatsachen, wenn die Anzahl von Menschen, die an psychischen Krankheiten leiden, ständig steigt. Womöglich steuert unsere Gesellschaft auf einen Wahn zu. Ich biete dies ganz vorsichtig in o.g. Weise zur Reflexion an. Dabei denke ich weniger an eine Depression, wenn diese, dann nur in Verbindung mit einer Manie, eher an eine Paranoia, also Verfolger und Verfolgte, Manipulierer und Manipulierte, Gewinner und Verlierer, Übermächtige und Ohnmächtige, Ausbeuter und Ausgebeutete.
RoMa

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Supervision – ein Handwerk?

Mai 03 2013 Published by under Jürgen Kreft

Durch die letzte Ausgabe des Journal Supervision wandelt ein Gespenst: der Supervisor als Handwerker! Während es sich in der Besprechung des von W. Weigand herausgegebenen Bandes „Philosophie und Handwerk der Supervision“ auf sein Erscheinen im Titel beschränkt, taucht es im Gespräch mit F. Buer in der Verkleidung als „Handwerkskünstler“ auf. Deutlich im Raum steht das Gespenst, wenn J. Fellermann sich in seinem Beitrag mit dem Gebrauch handwerklicher Bilder in der Supervisions-Szene auseinander setzt. Sein Fazit: er hält diese Bilder für irritierend und irreführend. Es gäbe zwar zwischen der Tätigkeit von Supervisorinnen und Supervisoren und dem „Handwerk“ Berührungspunkte, aber Supervision sei in erster Linie eine „Beratungsdienstleistung auf dem Wege zu einer Profession, ihre Vorbilder sind nicht der Tischler oder die Kfz-Mechanikerin, vielmehr sind es die Juristin und der Arzt.“ (S. 8)

Einigen können wir uns wahrscheinlich auf den Umstand, dass wir uns im Bereich des Metaphorischen bewegen, wenn wir von Supervision als Handwerk sprechen. Da trifft es sich gut, dass dem Journal die „Positionen“ (Ausgabe 1/2013) beigelegt wurden. Dort widmet sich H. Möller dem Dialog im Coaching über einen metaphernanalytischen Zugang. Sie weist darauf hin, dass Metaphern, indem sie etwas zu Bezeichnendes durch etwas anderes ersetzen, die Möglichkeit eröffnen, etwas Verborgenes abzubilden: „Die Metapher bietet die Möglichkeit, unsere mentalen Konzepte zu strukturieren…“ (S. 4)

Arbeiten wir als Supervisorinnen und Supervisoren wie eine Juristin in der Logik von Recht und Unrecht – oder wie ein Arzt mit der Differenz zwischen gesund und krank? Oder geht es gar nicht um die Suche nach einer Metapher für die Strukturierung unserer Tätigkeit sondern um ein Bild für unsere öffentliche Performanz und dem angestrebten gesellschaftlichen Status?

Wer sich mit den metaphorischen Dimensionen des Handwerks auseinander setzen möchte, wird fündig in den beiden letzten Veröffentlichung R. Sennetts. Seine Gedanken über das „Handwerk“ (2008) und die „Zusammenarbeit“ (2012) sind für mich und meine Suche nach der supervisorischen Haltung sehr anregend gewesen. Für Sennett steht das Handwerk stellvertretend für den fundamentalen menschlichen Impuls, eine Tätigkeit um ihrer selbst willen gut zu machen, zu verstehen und zu fördern. Dabei beschränkt er sich nicht auf den Bereich manueller Tätigkeiten, sondern weitet den Blick auf allgemeine Fertigkeiten und Orientierungen. Und da wird es – auch für unsere junge Profession – interessant. Zwei kleine Kostproben.

In der Auseinandersetzung mit dem Drang nach Perfektion in der Baukunst formuliert er für den guten Handwerker:

  • er versteht die Bedeutung der Skizze, weil man am Anfang nie genau weiß, worauf es hinausläuft;
  • er reagiert positiv auf Zufall und Beschränkung;
  • er hütet sich davor, ein Problem unerbittlich bis zum Ende zu verfolgen, bis er es nur noch isoliert wahrnimmt;
  • er vermeidet Perfektionismus (dies ist nur die Demonstration eigener Größe);
  • und er hat gelernt, wann es Zeit ist aufzuhören.

Die Grundlage handwerklichen Könnens bildet sich dann vorrangig über drei elementare Fähigkeiten: lokalisieren, fragen und öffnen:

  • Bei der Fähigkeit des Lokalisierens geht es darum, Dinge konkret zu machen, herauszufinden, wo etwas Wichtiges geschieht.
  • Bei der Fähigkeit des Fragens geht es um die Erforschung des Lokalen – und um die Erfahrung, dass man Entscheidungen in der Schwebe halten muss, um die Dinge zu erkunden.
  • Bei der Fähigkeit des Öffnens geht es darum, die Bedeutung der Dinge zu erweitern. Damit ist insbesondere das Vermögen angesprochen, verschiedenartige Bereiche einander anzunähern und das Wissen beim Sprung in den anderen Bereich zu bewahren. Öffnen meint auch, bereit zu sein, Dinge anders zu tun und von einer Gewohnheit zur anderen zu wechseln.

Sennett beschreibt all dies am Beispiel von Goldschmieden, Geigenbauern, Baumeistern, Ärzten und Linux-Programmierern. Unsere Profession sollte die Anregungen nutzen, damit wir unsere Arbeit gut machen. Mit diesem Stolz auf die eigene Arbeit, die nach Sennett den Kern handwerklichen Könnens ausmacht, sollten wir uns in der Öffentlichkeit präsentieren.

 

P.S. Am Ende formuliert J. Fellermann die Vermutung, dass handwerkliche Bilder zur Supervision doch eher von Menschen mindestens seines Jahrgangs verwendet werden und weniger von deutlich jüngeren. Damit hat er in meinem Fall Recht: ich bin noch ein Jahr älter als er. (j.k.)

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