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Demokratie und Alltag

Apr 12 2013 Published by under Robert Maxeiner

Anlässlich eines Interviews in der Frankfurter Rundschau zu seinem 90. Geburtstag bekannte der Schriftsteller Ralph Giordano: „Die Demokratie ist die einzige Gesellschaftsform, in der ich mich sicher fühle… Aber wie alles Schöne und Kostbare ist die Demokratie bedroht. Deswegen habe ich mich mein ganzes Leben für ihre Verteidigung eingesetzt.“ Diese Sätze möchte ich mir jeden Tag wieder bewusst machen, und sei es nur für einen Moment. Diese Demokratie ist ein großes Geschenk. Da ich mein ganzes Leben lang in dieser Staatsform gelebt habe, vergesse ich das manchmal, und finde es selbstverständlich, in einer Demokratie zu leben. Andere hatten dieses Glück nicht, und so wenig es mein Verdienst ist, hier geboren zu sein, handelt es sich um ihre Schuld, wenn sie in einer Diktatur leben müssen.

Demokratie kann niemals selbstverständlich, fertig oder vollständig sein. Sie braucht dauernd Pflege, ist ständig reformierungs- und ergänzungsbedürftig. Sie hat Feinde. Diese sind nicht nur ihre erklärten Gegner, sondern auch die Lücken- und Schlupflöchersucher, die unbemerkt oder ungeahndet undemokratisch handeln, sie einseitig ausnutzen und aushöhlen.

So wie die Demokratie Pflege braucht, müssen wir unser Demokratieverständnis immer wieder neu überdenken. Szenen des Alltags bieten hierzu reichlich Gelegenheit. In einer Demokratie zu leben, macht uns noch lange nicht zu Demokraten. Wir brauchen dafür nicht nur Bildung und Erkenntnis, sondern auch Wachsamkeit, Mut und Einsatz. Es gibt keine lupenreinen Demokraten, denn der Weg ist das Ziel. Zugegeben, Diktatoren haben es da wesentlich leichter, obwohl sie natürlich auch wachsam sein müssen.

Da zur Demokratie auch Verteilungsgerechtigkeit gehört, kann es in einem demokratischen Staat nicht so eine weite Spanne zwischen Armen und Reichen geben wie in einer Diktatur. Eine Reichensteuer braucht es deshalb nicht zu geben, indem die Verteilung möglichst demokratisch abläuft, beziehungsweise die erbrachte Leistung möglichst demokratisch und / oder menschenwürdig bewertet wird. In einer Demokratie ist Menschenwürde mehr Wert als Besitz. Bei diesem Vergleich handelt es sich nicht um einen mathematisch oder juristisch falschen, sondern um eine in einer Demokratie notwenige Überlegung.

Demokratie ist teuer, und sie sollte uns teuer sein. Deshalb sollten wir undemokratische Strömungen nicht billigend in Kauf nehmen. Ich verstehe nicht genug von Kapitalismus, um erklären zu können, warum er angeblich auf ständiges Wachstum angewiesen ist. Die Demokratie braucht eher Balance. Deshalb schaden ihr Extremformen wie Korruption, Extremismus, Lobbyismus, Fanatismus und ungesteuerte Kapitalmärkte.

Natürlich kenne ich auch die Argumente, dass Reichtum der Demokratie förderlich sei, weil die Starken die Schwachen fördern, man stelle sich so eine Art Riesentafel für nahezu Alles vor. Aber in einer Demokratie gibt es keine Starken und Schwachen, das Recht auf Menschenwürde und Gleichbehandlung haben alle Menschen.

Eine Supervision, die sich der demokratischen Sache verpflichtet fühlt, kann einen Beitrag zu ihrer Förderung leisten. Gruppendynamik wurde in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts eigens zu diesem Zweck in Deutschland eingeführt, und die Supervision ist ihr einige Zeit später auf diesem Weg gefolgt. Wie diese Demokratisierung im Alltag und in den jeweiligen Prozessen erreicht wird, überlasse ich an dieser Stelle unserer Reflexion. (RoMa)

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