Archive for Februar, 2013

Der Einfluss der Institutionen und die Zähmung des Individuums

Feb 27 2013 Published by under Robert Maxeiner

Der Mensch in den Industrienationen des 21. Jahrhunderts verbringt sein Leben fast ausschließlich in oder mit Institutionen. Institutionen sind notwendig. Sie helfen, schützen, strukturieren und organisieren. Anlässlich der Ausstellung Gesichter der Renaissance im Berliner Bode-Museum titelte die taz (30.08.11): Die Erfindung des Individuums! Der Papst sprach in Zusammenhang mit seinem Rücktritt von der Überwindung des Individualismus. In anderen Beiträgen ist die Rede davon, das Individuum in der heutigen Zeit erfinde sich immer wieder selbst. Besonders Schlaue behaupten, die Zeit des Individuums sei vorbei; es sei untergegangen wie eine Erfindung, die nicht mehr gebraucht und wieder entsorgt wird.

All diese Beiträge haben die Vorstellung gemeinsam, der Mensch könne selber entscheiden, ob er Individuum sei oder nicht. Der Mensch der Renaissance mag sich zwar als Individuum erkannt haben, indem er die Kultur Griechenlands wieder entdeckt hat, die bezeichnenderweise durch die Herrschaftspolitik der Römer und die Wirren des Mittelalters verloren gegangen war, aber erfunden, wie man Technik oder unter Verwendung von Technik erfindet, hat er sich nicht.

Der Mensch wird nur noch selten als Individuum angesprochen, es sei denn, es geht um sein Versagen oder seine Schuld. Ein Zugführer, der ein Signal übersehen und dadurch einen Unfall verursacht hat, ist persönlich haftbar. Ein Trainer, dessen Mannschaft mehrmals hintereinander verliert, wird persönlich verantwortlich gemacht und entlassen. Eine Erzieherin, die ihre Aufsichtspflicht verletzt, indem sie nicht alle Kinder im Freigelände kontinuierlich im Auge behält, ist persönlich verantwortlich, wenn etwas passiert.

Ansonsten hat das Individuum in einer Demokratie ein Recht auf Wahl: Wir wählen eine Partei, das Gericht aus einer Speisekarte, ein Fernsehprogramm, die Krippe, den Kindergarten, die Schule für unsere Kinder, einen Beruf (falls wir den entsprechenden Studien- oder Ausbildungsplatz finden), einen Arbeitsplatz (falls wir ihn bekommen), möglicherweise einen Sportverein, ein Urlaubsziel, Kleidung und Auto. Hinter den Marken befinden sich Institutionen, dahinter Konzerne, denen die Institutionen gehören und die sie dirigieren. Natürlich können wir nur das wählen, was im Angebot ist. Und was im Angebot ist, bestimmen nicht wir.

Institutionen sind Sozialisationsinstanzen. Sie erziehen, empfehlen, beraten, werben, sammeln Daten, manipulieren, verkaufen, stellen ein, entlassen, nehmen größtmöglichen Einfluss auf unser Leben. Sie werden von Anderen gefressen und fressen Andere, blähen sich zu Konzernen auf. Die Legitimation ihres Handelns kontrollieren wiederum Institutionen (wenn sie es tun), welche dafür legitimiert sind. Vier Steuerfahnder in Hessen, offenbar auf einer heißen Spur innerhalb der Konzernokratie, wurden kurzerhand von einem windigen Gutachter für verrückt erklärt und in den Ruhestand geschickt.

Notgedrungen bezeichnen wir das, was wir wählen, oder das, was wir haben, als das, was wir sind. Oder wir glauben ganz genau zu wissen, was wir nicht sind, um aus dem, was dann noch bleibt, auszuwählen. Oder wir verhalten uns (in der Regel konform) und glauben, wir seien das, und es genüge, sich zu verhalten, und wer wir sind, ist uns egal. Die Möglichkeit, für die sich Stiller in Max Frischs gleichnamigem Buch entschied, ein Anderer zu sein, ist schon damals nicht gelungen, bei dem Stand heutiger Datenüberwachung ein noch unmöglicheres Unterfangen. Und wenn es Jemandem nicht gelingt mit sich und den Anderen, bezeichnen wir dies als kafkaesk, und finden unseren Kommentar individuell und originell. Und wenn sich Jemand mit einer Institution anlegt, bezeichnen wie ihn als naiv, widerständig oder nennen ihn, von unserem individuellen Standpunkt aus betrachtet, einen Michael Kohlhaas. Und Jeanne D‘Arc stellte sich an die Spitze der Institution, wurde für ihren Erfolg gefeiert, für ihren Misserfolg auf dem Scheiterhaufen verbrannt und durch eine andere mächtige Institution zur Heiligen erklärt.

Auf die bewährte Technik, das Individuum erfinde sich selbst (immer wieder neu) oder werde als solches erfunden, möchte ich noch einmal eingehen: Es kann sich nur um einen Widerspruch im Subjekt handeln, denn wer uns erfindet oder erfunden hat, muss eine Vorstellung davon gehabt haben, wie wir sein müssen. Wir werden also nicht als Individuum ständig neu erfunden, sondern als Kunde, Konsument und Verbraucher. Darüber sollen wir zum Produkt gemacht werden, das schnell aus der Mode kommt und sich deshalb immer wieder neu erfinden muss, bis es sich womöglich selbst nicht mehr erkennt.

Vermutlich haben die Portraitierten auf den Gemälden im Bode-Museum die Maler für ihre Arbeit bezahlt oder sie hatten Sponsoren, die für sie bezahlten. Die Erfindung des Individuums ließe sich demnach auch so verstehen, dass die Maler eine Auftragsarbeit abgeliefert haben, die oder den Portraitierten zumindest in gutem Licht erscheinen zu lassen.

Ich komme noch einmal auf Stiller zurück. Er zweifelt und manchmal verzweifelt er an seiner Identität, er rackert, schafft sich ab, ringt um sie, immer wieder, immer wieder neu. Darin ist er Camus´ Sisyphos, dem glücklichen Menschen, verwandt. Er sieht ein, dass er ohne Institutionen und deren Manipulationen nicht leben kann. Aber er bleibt ihnen gegenüber vorsichtig, skeptisch, misstrauisch – weit davon entfernt, institutionsfeindlich zu sein. Und wenn uns der Papst empfiehlt, in einem religiösen Sinne den Individualismus zu überwinden, möglicherweise darin einem Buddhisten ähnlich, der ins Nirwana möchte, so muss er sich zumindest mit diesem kritisch auseinander setzen.

Als SupervisorInnen versuchen wir, das arbeitende, das um sich selbst ringende Individuum in der Institution mit all ihren Besonderheiten zu verstehen, zu beraten, Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten auszuloten. Auf Grund unserer Haltung möchten wir in den Spiegel schauen können, nicht etwa zur narzisstischen Bestätigung, sondern um uns selbst (wieder)zuerkennen. (RoMa)

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Den Fachdiskurs stärken

Feb 04 2013 Published by under Jürgen Kreft

Im Journal Supervision 4/2012 wird aus drei unterschiedlichen Perspektiven von einer Tagung berichtet, die das DGSv-Fachgremium im Auftrag des Vorstandes im Juni 2012 unter dem Thema „Wie viel Verantwortung hat Supervision heute und wofür?“ entwickelt und durchgeführt hat. Das Thema der parteilichen Positionierung der Supervision ist wichtig, das will ich gar nicht infrage stellen. Und natürlich kann man wie Monika Möller in ihrem Beitrag anzweifeln, ob die Ausrichtung des Vortrags von Ludger Heidbrink geeignet war, den Diskurs über das Politische in der Supervision zu befördern. Meine Anregung geht in eine andere Richtung.

Das Projekt „Fachgremium“ ist eingerichtet worden, um den fachlichen Diskurs innerhalb des Verbandes wieder zu beleben. Will man nun die Vernachlässigung der letzten Jahre nicht allein als Unaufmerksamkeit abtun, müsste man zunächst genauer hinschauen, wie es dazu kommen konnte. Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist in diesem Zusammenhang die bei Gründung der DGSv 1989 sinnvolle und notwendige Verknüpfung von Berufs- und Fachverband, die über die Jahre in eine zunehmende Spannung geraten ist. Während die Entwicklung der DGsv als Berufsverband erstaunlich erfolgreich verlaufen ist – auch wenn die Beantwortung der Frage, ob Supervision ein Beruf ist, immer noch nicht guten Gewissens mit „Ja“ beantwortet werden kann –, ist der fachliche Diskurs in der Phase der Expansion des Verbandes in den Hintergrund getreten bzw. fand an anderer Stelle – z.B. bei den Ausbildungsinstituten – statt.

In einer derartigen Situation kann es nicht allein darum gehen, ein DGSv-Fachgremium damit zu beauftragen, „ein Format (Fachtagung) mit konzeptionellen Inputs (Vorträge) und abwechselungsreichen, interaktiven Methoden des Austausches in verschiedenen Gruppen (World-Cafe´, moderierte Arbeitsgruppen)“ zu entwickeln (R. Heltzel: Journal Supervision 4/2012, S. 3), das den fachlichen Austausch wiederbeleben soll. Das gibt es ja bereits an anderer Stelle und mir scheint, die Anzahl der Fachtagungen eher zu- als abzunehmen. Oder will das Fachgremium andeuten, dass in der Community über die „Verantwortung der Supervision“ (Fachdiskurs 2012) oder „Supervision und Coaching“ (Fachdiskurs 2013) in den letzten Jahren nicht oder zu wenig nachgedacht wurde?

Es geht um die viel drängendere Frage nach den selbstreflexiven Prozessen des Verbandes selbst: Wie konnte es dazu kommen, dass die fachliche Selbstvergewisserung entweder einseitig vor dem Hintergrund der verbandspolitischen Notwendigkeiten geführt oder gleich „vergessen“ wurde? Welchen Anteil trägt daran die strukturelle Verknüpfung von Berufs- und Fachverband und ist sie angesichts der Entwicklungen sinnvoll oder hinderlich? Wie lassen sich die außerhalb der DGSv laufenden fachlichen Diskurse wieder integrieren? Gibt es für den Verband Möglichkeiten, diesen Diskurs nicht nur zu unterstützen sondern auch steuernd zu begleiten? Wie könnte ein Ort und die Art und Weise der fachlichen Vergewisserung aussehen?

Ich unterstelle einmal, dass sich Vorstand, Geschäftsführung und Gremien mit diesen oder ähnlichen Fragen auseinandersetzen. Notwendig aber wäre, die Auseinandersetzung in die Mitgliedschaft hineinzutragen. Der fachliche Diskurs wird folgenlos bleiben, wenn zuvor nicht die Möglichkeiten und Grenzen thematisiert werden. Zu befürchten ist, dass die berufspolitischen Interessen nach Expansion und Stabilität im Markt fachliche Fragen weiter entweder an den Rand drängen oder in den sprichwörtlichen „Elfenbeinturm“ verweisen. Wie können wir die fachliche Selbstvergewisserung und ihren Einfluss wirkungsvoll stärken? Unsere Profession ist auf die Beantwortung dieser Frage angewiesen. (j.k.)

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