Archive for Januar, 2013

Planwirtschaft und Kinderkrippen

Jan 16 2013 Published by under Robert Maxeiner

Vor einiger Zeit legte mir der Leiter eines mittelständischen Unternehmens die Zielvereinbarung vor, die sein Arbeitgeber mit ihm, eher noch für ihn, geschlossen hatte, und nachdem ich sie gelesen hatte, gab er mir ein weiteres Papier, diesmal aus DDR-Zeiten, das er sich aufgehoben hatte und welches sich mit der dort üblichen Planwirtschaft beschäftigte. Bald merkte ich, worauf er hinaus wollte: Abgesehen von systemtypischen Bezeichnungen wie Kollektiv und Kombinat auf der einen, Zukunftsorientierung und Nachhaltigkeit auf der anderen Seite, zeigten die beiden Papiere erstaunliche inhaltliche Parallelen.

Ich erinnere mich, wie kurz nach dem Mauerfall ein junger Mann für die Tagesschau befragt wurde, warum er für die Wiedervereinigung sei, und er prompt antwortete: Weil er sich einen Golf kaufen kann. Als sich der Reporter nicht ganz einverstanden mit der Antwort zeigte, verbesserte er sich: Damit er die Freiheit habe, sich einen Golf zu kaufen. Möglicherweise würde ihm heute die Freiheit nicht mehr genügen, sich einen gebrauchten Golf kaufen zu können, und wenn es für einen neuen nicht reicht, nehmen die Neonazis den zu kurz Gekommenen bereitwillig in ihre Reihen auf.

Vor nicht allzu langer Zeit wurde der Chefarzt einer Klinik für die Tagesthemen befragt, wie es um die Spendenbereitschaft der Bevölkerung nach dem Organspendenskandal stünde. Er antwortete, die Bereitschaft sei durch die Berichterstattung der Medien gesunken. Dieses Mal zeigte sich der Reporter mit der Antwort einverstanden. Nun ja, es handelt sich ja auch angeblich um einen Spendenskandal und nicht um einen Betrugsskandal – und eigentlich, da Menschenleben von bereit gestellten Organen abhängen, um Verbrechen. Offenbar hat der Chefarzt ja auch in der Sache recht: Wären die Menschen nicht über den Skandal aufgeklärt worden, würden sie weiterhin spenden.

Ich erinnere mich auch, wie die Krippenerziehung der DDR mit der Wende massiv kritisiert wurde. Fernsehbilder zeigten, wie Kinder in einer Reihe auf Töpfchen saßen und ihr Geschäft verrichteten. Heute sind sie dieser Massenabfertigung zum Glück nicht mehr ausgeliefert. Sie dürfen individuell, stehen aber mit der Erledigung ihres Geschäfts unter Zeitdruck, weil die Erzieherinnen überlastet sind. Aus dem selben Grund erfahren sie eine mangelhafte individuelle Zuwendung, und sie brauchen eine Menge davon in diesem Alter, und zwar von einer festen Bezugsperson, sind überfordernder Konkurrenz um diese durch die Anderen ausgesetzt und leiden unter fast ständiger Lärmbelästigung. Missbrauchsskandale, die wiederum durch die überwiegende Berichterstattung suggerieren, es handele sich ausschließlich um das Versagen einzelner Personen, kommen immer häufiger vor.

Der schnelle Reflex beim Lesen und Denken, ich sei, wie es Wutbürger, Populisten oder eine Neiddebatte gibt, ein DDR-Nostalgiker, weise ich von mir, denn ich teile die meisten Kritiken an diesem untergegangenen Staat. Wenn Sie aber meinen, ich argumentiere populistisch, polemisch und parteiisch, so beabsichtige ich genau das.

Der Arbeitgeberpräsident Hundt gießt ohne Not Öl ins Feuer, indem er eine Verkürzung der Elternzeit fordert. Er glaubt, noch nicht einmal eine Begründung nötig zu haben. Nach meiner Meinung ist er politisch mit verantwortlich für die gegenwärtige und zukünftige Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten, Lernstörungen, Aufmerksamkeitsdefizitsymptomen, psychiatrischen Erkrankungen und Burnoutsymptomen, unter denen Kinder leiden. Über Diejenigen, die Alles still in sich hinein fressen und massive narzisstische Störungen entwickeln, muss auch gesprochen werden, auch wenn nur Einer unter Millionen zur Waffe greift.

Auch wenn das, was ich schreibe, juristisch betrachtet, keinerlei Bedeutung haben mag, halte ich es für nötig, seine Meinung zu sagen. Statt Forschung im Dienst des Kapitals brauchen wir die diskursive Haltung von Fachleuten. Supervisorinnen und Supervisoren haben in ihrer Arbeit täglich diverse Gelegenheiten dazu.

Falls ich Ihrer Meinung nach den sprichwörtlichen Teufel an die Wand gemalt haben sollte, tut es mir nicht leid, und ich werde ihn auch nicht weg wischen. (RoMa)

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