Archive for Dezember, 2012

Resonanzen (1)

Dez 29 2012 Published by under Jürgen Kreft

Mal ehrlich: wann hatten Sie das letzte Mal während der Arbeit das Gefühl, dass Ihr Denken und Fühlen für andere wichtig war und Veränderungen angestoßen hat? Bestimmt kennen Sie auch das Gefühl, zu investieren und sich zu verausgaben, ohne dass etwas zurück kommt. Oder drehen wir es um: erinnern Sie sich noch, wer und was Sie im vergangenen Jahr tief bewegt hat? In beiden Fällen geht es um Resonanz – ein Begriff, der im Mittelpunkt eines Projektes von Hartmut Rosa zur „Soziologie der Weltbeziehungen“ steht. Die Grundthese könnte man folgendermaßen zuspitzen: Der moderne Mensch erfährt sein Leben dann als gelungen und sinnvoll, wenn die Beziehungen zur Welt Resonanzerfahrungen ermöglichen.

Hartmut Rosa, der mich schon mit seinen Untersuchung zur Beschleunigung fasziniert hat, formuliert in einer aktuellen Aufsatzsammlung – „Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung. Umrisse einer neuen Gesellschaftskritik“ (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2012) – eine Fragerichtung, die auch für SupervisorInnen von großer Bedeutung sein könnte. Seine Vermutung ist, dass Menschen dann glücklich sind, wenn sie in einer resonanten Austauschbeziehung zur subjektiven Welt, Dingwelt und Sozialwelt stehen. Das Konzept der Resonanz bezeichnet dann jene gelingenden Weltbeziehungen, „in denen die Welt den handelnden Subjekten als ein antwortendes, atmendes, tragendes, in manchen Momenten sogar wohlwollendes, entgegenkommendes oder ´gütiges` ´Resonanzsystem` erscheint.“ (Weltbeziehungen, S. 9) Oder anders formuliert: menschliches Leben gelingt – zumindest momenthaft – dort, „wo Subjekte konstitutive Resonanzerfahrungen machen“ und es misslingt, „wo Resonanzsphären systematisch durch ´stumme`, das heißt rein kausale oder instrumentelle Beziehungsmuster verdrängt werden.“ (S. 10)

Zwei Dinge finde ich in diesem Zusammenhang für unsere Profession interessant: Erstens werden wir vorrangig mit den Menschen in Kontakt kommen, denen im Beruf Resonanzerfahrungen in ihren Arbeitsumwelten fehlen, zweitens werden unsere supervisorischen Prozesse vermutlich nur gelingen, wenn wir für unsere Supervisanden Resonanzerfahrungen ermöglichen.

Für mich sind außerhalb der Arbeit Resonanzerfahrungen in Musik und Tanztheater immer wichtiger geworden. Anfang Dezember tanzten und spielten die Tänzer/innen von ROSAS und Musiker/innen von ICTUS  auf der Bühne im Expo 1, dem Ausweichquartier des Schauspiel Köln. Das von Steve Reich in den 70er Jahren komponierte und an afrikanische und balinesische Musik erinnernde „Drumming“ basiert auf einem einfachen Grundbeat, der endlos wiederholt, verschoben und überlagert eine hypnotische Energie entfaltet. Die 1998 entstandene Choreografie von Anne Teresa De Keersmaeker spielt mit gleichzeitig abstrakten und kleinmädchenhaften Bewegungen. Die Tänzerinnen und Tänzer laufen mit und gegeneinander, bilden Gruppen und Reihen, aus denen dann einzelne wieder zu einem Solo ausbrechen. Wenn die Trommeln nach 60 Minuten abrupt schweigen und die Körper zum Stillstand kommen, spürt man im Nachhall, dass man als Zuschauer Teil und Beobachter purer Lebensenergie geworden ist.

 „Wer von Musik zutiefst ergriffen, berührt und erschüttert wird, wer auf diese Weise einen Moment des   ´Einklangs` , der ´Tiefenresonanz` zwischen sich und einer (wie immer gearteten) akustischen Welt ´da draußen` erfährt, macht eine Resonanzerfahrung - ebenso wie der- oder  diejenige, die unter den Sternen am Meeresstrand oder bei Sonnenaufgang auf einem Berggipfel die Welt  ´atmen` hören“ (S. 10) (j.k.)

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Super Visionen …

Dez 04 2012 Published by under Robert Maxeiner

… haben wir offenbar, wenn wir die Berufsbezeichnung nur leicht verändern oder (zu) wörtlich nehmen, oder, je nachdem, welchen Standpunkt Sie dazu einnehmen, werden wir von diesen beherrscht. Altbundeskanzler Helmut Schmidt war der Meinung, wer Visionen hat, solle zum Arzt gehen.

Bewusst oder unbewusst müssen die Namensgeber in Deutschland zumindest einer leichten Hybris anheim gefallen sein, denn die Assoziation von Supervision zu super Vision(en) liegt einfach zu nahe. Schadet ja nichts, denn wie Konkurrenz das Geschäft belebt, kann eine leichte Hybris am Anfang eines Prozesses motivierend wirken.

Natürlich bedienen wir Supervisor/innen uns nicht dieser trivialen, unseriös klingenden Definition, sondern berufen uns auf das Lateinische, was unserem Beruf einen Hauch von Wissenschaftlichkeit verleihen soll, wonach supervidere etwa bedeutet: Überblicken / dazwischen sehen. Der Duden glaubt in seiner Übersetzung, die ich für eine Interpretation halte, zwischen ,beobachten‘ und ,kontrollieren‘ keinen Unterschied machen zu müssen, als wären wir in den USA, wo ein Supervisor ein Vorgesetzter ist, oder bei der Stasi, wo beobachten im Sinne von kontrollieren durch bespitzeln praktiziert wurde.

Wir Supervisor/innen schauen also dahin, wo die Betroffenen weniger oder gar nicht hin schauen, indem wir dazwischen sehen. Wollen oder können sie es nicht sehen? Da sich Supervision auf die Arbeit bezieht, sehen die Beschäftigten, abhängig von Rolle und Position etwas Unterschiedliches (nicht). Hier ist zu bemerken, dass wir uns an dieser Stelle noch an die Zielvereinbarung halten, denn wir haben – noch – nicht über das Gesehene gesprochen. Möglicherweise schließt sich auch eine Zielvereinbarung über bestimmte Themen oder Gesprächsgegenstände, die fokussiert oder bewusst ausgeschlossen werden sollen, in unserem Falle aus, weil das Dazwischenschauen, unabhängig davon, was wir sehen (werden), Teil unserer Berufsidentität ist (neudeutsch: Basics).

Darin verhalten wir uns ähnlich wie ein Medium oder eine Seherin / ein Seher: Wir können nicht darüber entscheiden, was wir zu sehen bekommen. Der Unterschied besteht natürlich darin, dass wir mit vollem Bewusstsein, also nicht in Trance handeln. Was wir sehen, ergibt sich einerseits aus den Fakten, andererseits aus den Visionen. Zum besseren Verständnis können wir von Fantasievermögen und Vorstellungsgabe sprechen. Diese wiederum hängt zusammen mit unserer Fähigkeit zur Selbstreflexion. Natürlich arbeiten wir in Supervisionen mit unserem Intellekt, aber ausschließlich auf diesen angewiesen zu sein, hieße doch, den Geist um wesentliche Fähigkeiten zu beschneiden.

Visionen weisen bekanntlich in die Zukunft. In unserer Zeit wird die Zukunftsorientierung in jedem zweiten Satz beschworen. Meiner Meinung nach hilft dies nichts, wenn wir nicht dazwischen sehen, um die Gegenwart zu verstehen.

Supervision bezeichnet eine Tätigkeit, beziehungsweise die Ausübung einer solchen. Wir entscheiden also, was von dem dazwischen Gesehenen wir – im Unterschied zum Medium – mitteilen (und was wir folgerichtig für uns behalten), und wie wir diese Mitteilung machen, wie wir intervenieren. Dazu müssen wir das Gesehene oder noch Sichtbare verstehen (die Personen, die Situationen, die Sachverhalte, die Institutionen u.a.) und deuten, so wie wir zum Bespiel die Aussagen der Bibel auch nicht nur wörtlich nehmen. Dies Alles entscheiden wir situativ und niemals endgültig oder alternativlos.

Sie sehen schon: Ohne ein wenig Hybris schaffen wir diese super Visionen nicht annähernd. Hybris nimmt bekanntlich kein gutes Ende, weil sie den Zorn der Götter, ob dieser Überheblichkeit wider ihre Gesetze herauf beschwört. Also sich doch besser an normative Vorgaben halten und nur das auswählen, was die Zielvereinbarung glaubt, verlangen zu können, was den persönlichen Frieden und die betriebliche Befriedung nicht stört?

(RoMa)

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