Wohlstand

Jun 06 2019

Er soll gesichert werden – immer wieder neu. Er sei untrennbar verbunden mit den Bürgern einer Nation wie das Ei mit dem Huhn. Dass es diesem genommen wird, (das Ei dem Huhn,) tut dem Glauben an den Wohlstand keinen Abbruch. Verleugnung ist neben Verdrängung der Deutschen liebster Abwehrmechanismus. Angeblich hat Wohlstand etwas mit Besitz und Geld zu tun. Wohlstand, Bürger und Nation sollen somit eine Formel abgeben, das abgewertete Pendant sei Nicht-Bürger und so in die Schublade gepackte Wirtschaftsflüchtlinge.

Gesundes Essen sollte selbstverständlich sein, für jede und jeden von uns, weshalb es in Zusammenhang mit Wohlstand nicht erwähnt wird, denn es darf keinen Wohlstand für diejenigen geben, die ihn sich nicht verdient haben. Aber gesundes Essen ist schon lange nicht mehr selbstverständlich, im Gegenteil enthalten Nahrungsmittel oft krebserzeugende Stoffe. Also gehört gesundes Essen zum Wohlstand, beziehungsweise ist Luxus, den wir uns immer weniger leisten, weil wir oft gar nicht wissen, woraus unser Essen besteht. Oft geben Nahrungsmittelhersteller wissenschaftliche Gutachten in Auftrag, die beweisen sollen, dass nicht bewiesen werden kann, dass bestimmte Nahrungsmittel krebserzeugend sind. Von daher gehört zum neu zu definierenden Wohlstand, die Beweislast umzukehren, damit wir nicht essen müssen, was eventuell oder wahrscheinlich krebserzeugend ist.

Die Luft ist, besonders in verkehrsreichen Ballungszentren, nicht sauber. Folglich ist saubere Luft inzwischen ebenfalls Zeichen von Wohlstand.

Die Arten in ihrer ganzen Vielfalt gehören sich selber. Jede kleinste ökologische Nische ist besetzt. Die Evolution arbeitet gründlich und kontinuierlich, nicht etwa gewissenhaft. Als nachhaltig muss man diesen Vorgang auch nicht bezeichnen, denn die Natur benötigt keine menschliche Sinngebung. Das Gewissen lässt sich ohnehin betrügen. Man kann es glauben machen, Wohlstand sei ein riesiges Getreidefeld, das mit Glyphosat behandelt wurde. Vögel, Fische, Wildbienen, Käfer oder Schmetterlinge sind Zeichen eines Wohlstands, obwohl wir diesen nicht besitzen oder gerade deshalb.

Eine lebendige Demokratie sorgt für Wohlstand, immer wieder neu, zum Beispiel durch Zugang zu Informationen und wegen freier Meinungsäußerung. Aber sie ist pflegebedürftig. Man kann sie aber deshalb nicht wegwerfen und eine neue bestellen, wenn sie erkrankt ist. Man muss sie geduldig gesund pflegen. Praktizierte Demokratie sorgt nicht nur für Wohlstand, sie ist es dadurch.

Bemerkung am Rande: Wenn die Linke Wohlstand für alle fordert, wird sie als verlogen beschimpft, weil in einem kapitalistischen System der Reichtum der Reichen die Armut der Armen bewirkt. Wenn die CDU Wohlstand für alle erhalten will, bedeutet dies, dass, wenn die Reichen reich genug sind, auch für die Anderen genug abfällt.

Ein gesunder Wald ist Wohlstand pur. All diese Prozesse, die den Wohlstand eines intakten Waldes ausmachen, die Entstehung von Chlorophyll, das Bestäuben, Besamen, sich vermehren, haben wir im Biounterricht gelernt. Es gibt auch interessante, lehrreiche Sendungen auf ARTE, 3Sat oder den dritten Programmen. Aber leider macht Information noch keine Aufklärung, vom Handeln, beziehungsweise Nicht-Agieren ganz zu schweigen. Leider, auch hier wenig Wohlstand, der Wald ist krank, leidet unter der Klimakatastrophe. Jede Stunde werden auf der Erde Fußballfeld große Waldstücke mit ihrer ganzen Artenvielfalt zunichte gemacht.

Mit dem Wohlstand unseres Geistes ist es auch nicht mehr weit her. Wir lassen denken, erheben, erfassen, analysieren. Wir denken kaum noch selber. Wir entwickeln keine Gedanken. Allenfalls wägen wir ab, folgen Meinungshoheiten, skurrilen Ab- und Aufwertungen, die wir nicht selber entwickelt haben. Manchmal lehnen wir sie auch ab und folgen Meinungsminderheiten oder Standpunkten, die sich auf Fakten beziehen, welche gar keine sind.

Unser Wohlstand bestand darin, dass wir alles Mögliche tun, sprich konsumieren konnten. Nun können wir uns kaum noch bewegen, ohne zugleich durch Konsum zu zerstören. Deshalb sind wir Verbraucher, das heißt, wir haben verbraucht, zerschlissen, ausgebeutet, ausgefressen. Der Zusammenhang zwischen verbrauchen und zerstören wird immer deutlicher, weshalb wir an Erneuerung, Renaturierung, Entschädigung, Versteuerung glauben sollen.

Unser Wohlstand bestand bisher darin, ihn nicht mit den Armen dieser Welt teilen zu müssen. Der Wohlstand der Reichen besteht darin, sich das Beste von allem zu nehmen. Dies kann nicht mehr lange so gehen, denn die Ressourcen dieser Erde werden in errechenbarer Zeit erschöpft sein. Dann sitzen alle zusammen mit den Flüchtenden in einem Boot.

Unser so definierter Wohlstand hat uns in die Armut getrieben. Anders gesagt handelte es sich nicht um einen (Wohl-)Stand, etwas das gleich bleibt, sondern um einen permanenten Verbrauch. Wir standen eben nicht, waren zu häufig unterwegs, vor allem in der Luft.

Vielleicht können wir umdenken, bevor es ganz zu spät ist und in der Folge dann auch umhandeln. Denken wir in vielseitigen Prozessen statt in einseitigen Ergebnissen, denn es ist weder 5 vor, noch 5 nach 12. Wir sollten etwas anderes tun, aber noch besser sollten wir Vieles nicht (mehr) tun. Denken wir Wohlstand anders, statt zukunftsfähig etwas bescheidener zukunftsorientiert, damit unsere Nachfahren die Zukunft noch als Gegenwart erleben. (Roma)

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Wertschätzung – Die Popularisierung eines Begriffes

Mai 03 2019

Warum oder wozu brauchen wir das Wort „Wertschätzung“, und was bedeutet es? Es ist anzunehmen, dass die Wörter „Schatz“ und „Schätzung“ denselben Ursprung haben. Etwas wird geschätzt, was oder wieviel der Schatz Wert es ist oder welchen Wert es hat. Ein zusammengesetztes Wort stellt in der Regel eine Verbindung zwischen zwei unterschiedlichen Begriffen her. Hier handelt es sich um Gegenstände, Meinungen, Haltungen, Handlungen von Menschen, ihre Arbeiten, Berufe, gar sie selber als Personen, deren Wert vorgeblich geschätzt wird. Aus welchen Gründen dies geschieht und nach welchen Kriterien bleibt offen.

Seit einigen Jahrzehnten genießt diese Bezeichnung auf Grund permanenter Verwendung bei diversen Gelegenheiten offenbar eine hohe Popularität. Agenturen spielen sich auf, indem sie Rankings nach zweifelhaften Kriterien erstellen, um den Wert von was auch immer ab- oder einschätzen zu können. Die Gewerkschaft Verdi fordert mit dem Spruch „Wir sind es Wert.“ die Rückkehr in die Tarifgemeinschaft der Länder. Menschen geben in Smalltalks vor, ihr Gegenüber oder dessen Standpunkt wertzuschätzen. Das Wort bezeichnet nicht nur ein Produkt, es bewertet oder beurteilt es auch, wird in seiner Anwendung selbst zum Produkt, sei es auch nur als griffige Worthülse. Der Mensch wird nach Leistung eingestuft und beurteilt, deren Wert jedoch in der Flatterhaftigkeit des Zeitgeistes selber flattert und schwankt und wird somit ebenfalls als Produktträger seiner Arbeit selbst zum Produkt.

Offenbar verlernen wir es zunehmend, uns umfassend oder detailliert zu informieren, uns aufzuklären oder aufklären zu lassen, um uns selbst einen Standpunkt zu bilden. Dies ist auch damit begründet, dass Zusammenhänge, Abhängigkeiten und Gegenabhängigkeiten immer komplexer werden und dadurch immer schwerer zu durchschauen. Diese Tatsache rechtfertigt jedoch nicht, die Bildung eines Standpunktes zu delegieren, zumal wir statt eines detailliert begründeten Meinungsbildes oft nur nach zweifelhaften Kriterien ausgewertete Daten erhalten. Können wir uns als Demokraten nicht davon entbinden, auf unsere Möglichkeit zu setzen und auf unserer Fähigkeit zu vertrauen, welche Achtung, welchen Respekt wir haben (wollen), und was wir uns für eine Meinung bilden können? Vergleichsportale, Rankings, Hitlisten oder Likes können diese nicht ersetzen, sowie künstliche Intelligenz zwar so genannt wird, aber gar keine Intelligenz ist, weil einer Maschine die Fähigkeit des Fühlens und Bildens einer persönlichen Meinung abgeht. Grundsätzlich macht eine Wertschätzung Lebendigem gegenüber keinen Sinn, weil Dasein als solches diese nicht nötig hat.

Wert klingt nach Markt. Bei der Schätzung eines Wertes geht es also um den Marktwert. Offenbar spielt auch Ethik eine (nicht ausgesprochene) Rolle, sonst könne man sich mit der ursprünglichen Bezeichnung begnügen, also welchen ethischen oder moralischen Wert wir Dingen oder Handlungen beimessen. Der Markt kennt aber keine Ethik. Dies mag der Grund sein, warum diese verschwiegen wird, beziehungsweise herrscht ein Glauben vor, der Markt würde sich selber (also auch ethisch) regulieren. Sollte es dennoch eine Ethik des Marktes geben, ist sie nachgetragen, gebastelt nach opportunen Kriterien, Marktkriterien eben, die am Mehrwert orientiert sind. Die Definition von Wertschätzung, beziehungsweise deren Favorisierungen ändern sich, falls und indem es recht und billig ist. Tauschen wir die Silben des Begriffs, wird aus Wertschätzung „Schätzwert“. Der Wert einer Arbeit wird weder an der Qualität noch am Ergebnis bemessen, sondern nach virtuellen Gesichtspunkten, ähnlich einem aktuellen Kurswert, der dadurch wiederum eine vermeintliche Qualität erhält und ein Ergebnis produziert (oder provoziert). Karl Marx hat sich ausgiebig mit diesem Phänomen befasst. Nun passiert es aber ständig, dass Markt- und Ethik-Wert nicht kompatibel sind, einander gar widersprechen. Nehmen wir als Beispiel bestimmte Berufsgruppen: Bei Ärztinnen und Ärzten stimmen die beiden Werte nicht gerade überein, aber es gibt zumindest Schnittstellen. Sie leisten Menschliches und Soziales, darüber gibt es kaum einen Zweifel. Das Produkt ihrer Arbeit wird recht gut bezahlt, und sie selber werden dafür passabel honoriert. Bei Managern ist dies weitaus schwieriger einzuschätzen. Ihr Marktwert, sprich ihre Entlohnung scheint wesentlich höher zu sein als der ethische oder soziale Nutzen, für den sie und ihre Arbeit stehen. Bei Bänkern verhält es sich womöglich ähnlich inkompatibel. Wieviel ist zum Beispiel die Arbeit eines Investmentbänkers wert? Wenn er am Rande der Legalität agiert oder gar außerhalb von ihr, was nicht so selten vorkommt, dürfte seine Arbeit nicht viel wert sein. Indem er dann noch mit hohem Risiko agiert und verliert, sinkt der Wert seiner Arbeit gar ins Minus. Dann arbeitet er mehr zum Schaden als zum Nutzen einer Gesellschaft, selbst im merkantilen Sinn. Trotzdem streicht er weiterhin ein immens hohes Gehalt ein und erhält womöglich diverse Bonuszahlungen. Wird seine Arbeit somit trotzdem wertgeschätzt, oder erhält er das viele Geld trotz mangelnder Wertschätzung? Oder womöglich als Ersatz? Also: Wer unseriöse Arbeiten verrichtet, soll wenigstens gut bezahlt werden. Oder umgekehrt: Wer Sinnvolles tut, zieht seine Zufriedenheit daraus und wird deshalb schlecht bezahlt. Unter einem „schmutzigen Deal“ versteht man nicht etwa Arbeit in Dreck und Schlamm, sondern illegale und unmoralische Absprachen. Diese wiederum sollen angeblich einen hohen Wert haben, jedenfalls fürs Geschäft. Es besteht also offenbar ein Zusammenhang zwischen Wertschätzung, Entlohnung und Kapitalgewinn, nur steckt dieser voller Widersprüche und Verschleierungen. Man könnte auch zu dem Schluss gelangen, dass der ursprünglich, wenn auch nur suggerierte Schulterschluss zwischen Ökonomie und Geldvermehrung aufgekündigt wurde.

Betrachten wir dagegen den Beruf der Altenpflegerin/des Altenpflegers erscheint die Divergenz genau umgekehrt. Sie verrichten eine ethisch und sozial wichtige Arbeit, für welche sie im Vergleich schlecht bezahlt werden. Dazu kommen in der Regel miserable Arbeitsbedingungen und ungünstige Arbeitszeiten, die zu Überlastungen und Stress führen. An den schlechten Bedingungen will niemand etwas verbessern, weil die Kranken- und Pflegekassen mit dieser billigen Arbeit gute Geschäfte machen, und die Ursachen für schlechte Pflege immer auf Einrichtungen, bzw. die Pfleger*innen abgeschoben werden können. Die Pflegenden selber klagen häufig über mangelnde Wertschätzung ihrer Arbeit (durch ihren Arbeitgeber und/oder die Öffentlichkeit), vor allem, was den sozialen und mitmenschlichen Aspekt angeht, denn häufig werden sie kritisiert, indem sie diesen berücksichtigen, indem sie eine Beziehung zu ihrem Klientel herstellen und sich Zeit für diese nehmen, aber dadurch weniger schnell und effektiv agieren. Zeit ist Geld. Trauriger Weise sind sie selber oft die Einzigen, die diese Qualität ihrer Arbeit, vor allem die erwähnte zwischenmenschliche, realistisch einschätzen können. Diese Arbeit geschieht zwar mitten in der Gesellschaft, aber kaum jemand will sie im Detail kennenlernen und die Dimensionen ihrer Qualität verstehen. Selbst die Kontrollinstanz der Krankenkassen, der medizinische Dienst (MDK) kontrolliert lieber Dokumentationen und Zahlenwerke statt die konkrete Arbeit auch nur zu erfassen. Auch auf Grund dieser isolierten Situation ist der Zusammenhalt im Team so enorm wichtig, denn oft messen schon ihre nächsten Vorgesetzten ihrer Arbeit einen anderen Wert bei, weil sie Geschäfte führen, statt die pflegerische Qualität der Arbeit zu sehen.

Nun kommt die Wertschätzung ins Spiel, hat gar einen großen Auftritt: Da der Profit weiterhin an erster Stelle stehen soll, somit an dem verkommenen Pflegesystem nichts geändert wird, soll die Berufsgruppe aufgewertet, also mehr wertgeschätzt werden. Davon können sich die Pflegekräfte zwar nichts kaufen, aber wenigstens sollen sie sich besser fühlen. Falls sie dieser Forderung nicht nachkommen oder selbst mehr einfordern, zum Beispiel eine bessere Entlohnung oder familienverträglichere Arbeitsbedingungen, wird ihnen die verordnete Wertschätzung wieder durch einflussreiche Lobbyarbeit entzogen, und sie werden als notorische Jammerer dargestellt. Hilft dies auch nicht, wird die immer wieder neu aufgelegte Neiddebatte aus der Mottenkiste erfundener Ursachen hervor geholt. Sollte die Wertschätzungskalkulation nicht aufgehen, eröffnen Lobbyisten der Kranken- und Pflegekassen ein neues Wertschätzungsangebot, indem sie zum Bespiel die Anwerbung neuer Pflegekräfte im Ausland in die Diskussion werfen. Vorher muss natürlich die Mangelsituation bis zur Schmerzgrenze austariert werden. Falls diese Anzuwerbenden nicht ausgebildet sind und über keine Sprachkenntnisse verfügen, soll möglichst die öffentliche Hand für die nötige Aus- und Weiterbildung aufkommen. Natürlich lassen sich nur Leute aus Ländern anwerben, wo es ihnen existenziell nicht so gut geht, und sie folglich mit den Arbeitsbedingungen und der Bezahlung hier sehr zufrieden sind. So lässt sich der Status Quo einer qualitativ schlechten Pflege mit optimalen Ausbeutungsmöglichkeiten erhalten. Dieses unwürdige System sollen wir Bürgerinnen und Bürger auch zukünftig wertschätzen, weil eine Änderung desselben uns teuer zu stehen käme.

Das Beispiel der Pflege mag ein besonders krasses sein, funktioniert aber in anderen Branchen ähnlich. Früher stiegen die Löhne, wenn der Bedarf einer Berufsgruppe stieg. Heute bleibt die Bezahlung gleich oder die Entlohnung vermindert sich gar (siehe Paketzusteller). Wertschätzung in einer asozialen Marktwirtschaft, verbunden mit einem rigiden Kapitalismus tritt immer dann auf, wenn es mit den ethischen und sozialen Werten, landläufig auch Ungerechtigkeit genannt, nicht stimmt oder massiv abwärts geht. Sie wird wie eine Art sozialer Kitt in einer von zunehmender Spaltung begriffenen Gesellschaft verwendet. Das scheinbar Paradoxe daran: Wertgeschätzt werden soll das, was durch den Markt gerade nicht wertgeschätzt, also nicht entsprechend honoriert wird. Daraus könnte ich schließen, dass meine Definition des Begriffs Wertschätzung eine falsche ist, denn es geht offenbar gar nicht darum, den Wert einer Arbeit ein- oder abzuschätzen, sondern die Wertschätzung ist, wie oben beschrieben, selber das Produkt, ein Ersatzobjekt nach dem Motto: Wer diese (soziale) Arbeit macht, wird zwar schlecht bezahlt und dazu noch häufig für die Folgen schlechter Bedingungen kritisiert, aber dafür wird seine Arbeit wenigstens wertgeschätzt. Die Investmentbänker können also auf die Wertschätzung ihrer Arbeit gut verzichten, denn sie werden ja fürstlich bezahlt. Und dies soll auch so bleiben, hier wie da. (RoMa)

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Die Politik der Nicht-Politik und ihre fatalen Folgen

Mrz 06 2019

Vor einiger Zeit stellte die Bundesernährungsministerin ihren Ernährungsreport 2019 vor. Sie ist mit Hilfe einer Umfrage zu der weisen Erkenntnis gelangt, dass Menschen beim Essen auf den Geschmack achten. Von Kontrollen der Nahrungsmittelindustrie, die weiterhin ungesund produziert, hält sie nichts. Stattdessen baut sie auf freiwillige Selbstkontrolle. Am Beispiel der Autoindustrie können wir uns lebhaft vorstellen, wozu dies führt. Die Ministerin beschränkt sich auf Moderation und Appelle an die Verbraucher. Der Geschäftsführer von Foodwatch, Martin Rücker, kommt zu dem Schluss, Frau Klöckner habe vor allem das Ziel, die Unternehmen vor ihren Kunden zu schützen. Dies ist nur eines von vielen Beispielen, die belegen, dass die bedeutendsten politischen Weichen zunehmend in den Vorstandsetagen der Konzerne gestellt werden – ich könnte auch über Waffenexporte, Handelsbilanzen oder die zunehmende Erderwärmung schreiben – und dies ist einer von vielen Gründen, warum Politiker*innen nicht ernst genommen und/oder verachtet werden. Populisten am rechten Rand verkünden großmäulig, diesen Zustand ändern und den sogenannten Eliten das Handwerk legen zu wollen. Kommen sie an die Macht, passiert das Gegenteil: Durch ihre autoritäre Politik müssen sie sich noch mehr dem Einfluss der Konzerne unterwerfen, oder es droht bald ein Staatsbankrott. Die daraus resultierenden Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühle schreien nach Rache, und wer wäre besser geeignet die Mütchen zu kühlen als Arme, Flüchtlinge, Arbeitslose, Alte und Kranke. Wenn sich diese nicht dem Diktat dieser Markt- und Leistungsgesellschaft unterwerfen, und oft können sie dies gar nicht, werden sie bestraft, abgeschoben, in Billigjobs ausgebeutet, schlecht gepflegt. Mittlerweile holt uns diese Unmenschlichkeit nicht mehr nur schleichend, sondern zunehmend digitalisiert ein.

Als Supervisor*innen stehen wir nicht zuerst vor der Aufgabe, Menschen zu coachen, um Zustände, die als zukunftsorientiert gelten, handelbar zu machen, sondern nach Ursachen zu fragen, die Missstände erzeugen, statt sie, wie es Jürgen Malyssek in einem Leserbrief in der Frankfurter Rundschau (14.01.) treffend ausdrückte, mit denselben Mitteln, die sie erzeugt haben, bekämpfen zu wollen. Die Technisierung der Supervision durch immer wieder neu aufgelegte Formate oder Performance verschleiert den Blick darauf, dass es um die Supervisand*innen und deren möglichste Autonomie am Arbeitsplatz geht und um ein menschenwürdiges Leben, deren Klientel betreffend.

Leider geht die Schere zwischen einer profitorientierten Ernährungsindustrie und gesunder Ernährung immer weiter auseinander. Eine Lösung kann auch nicht sein, dass sich Reiche gesund ernähren, während sich Arme solche Lebensmittel zunehmend weniger leisten können. Das Thema nur zu individualisieren bedeutet, die Betrüger weiter machen zu lassen, als wäre das Gegenüber des aufgeklärten Verbrauchers der gewiefte, betrügerische Unternehmer. Demokratie und Rechtsstaat können in diesem Zusammenhang nicht Mittel zum Zweck sein – was nicht ausdrücklich verboten, ist erlaubt – aber auch nicht Entschuldigung für Nicht-Politik und Missmanagement. (RoMa)

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Liebe und Hass

Jan 23 2019

Was fällt uns zu Liebe ein, oder welche Bilder produziert unser geistiges Auge? Möglicherweise fallen uns zuerst Paare ein, vielleicht denken wir auch an Sex oder – ganz aktuell – beschäftigen uns mit Nächstenliebe, da es in Anbetracht der schrecklichen Ereignisse, die auf der Welt passieren, an ihr mangelt. An ein so praktiziertes Wirtschaftssystem, an Kapitalismus oder das Internet denken wir in diesem Zusammenhang wohl kaum, es sei denn, in der negativen Form, also Lieblosigkeit. Aber eigentlich wäre es geradezu logisch – ich meine nicht nur rationalistische, sondern auch gefühlsmäßige Logik – eine Marktwirtschaft zu konzeptualisieren, die von Liebe zu Menschen, Tieren und Umwelt geprägt ist. Dies ist natürlich eine naive Denkweise, aber möglicherweise mangelt es uns gerade an Naivität, denn diese Art von Geld- und Marktwirtschaft hat auch unser Denken in einem einschränkenden Sinn beeinflusst, indem Naivität, oder eher bestimmte Inhalte als negativ eingestuft werden. (Mit der Bezeichnung Gutmensch wurde dies auch versucht.) Ich befürchte, sogenannte künstliche Intelligenz und Digitalisierung tragen weiter zu dieser Denkeinschränkung bei, allein schon, indem diese Begriffe derart mit Bedeutung aufgeladen werden.

Denken wir an Hass, fallen uns wahrscheinlich, ganz aktuell, Hassmails ein. Nicht erst das neue Testament, der Koran, Sigmund Freund oder Erich Fromm haben sich differenziert mit dem Zusammenhang von Liebe und Hass beschäftigt, haben erforscht, dass es sich um Grundgefühle handelt, die quasi auf demselben Stamm wachsen. In Bezug auf Hassmailschreiber kann man zu dem logischen Schluss gelangen, es ermangelt ihnen, oder sie sehnen sich nach Liebe. Ich habe mich gefragt, ob ich Herrn Gauland ob seiner menschenverachtenden Aussagen hasse; bin zu dem Schluss gelangt, dass ich es nicht tue, denn ich stehe ihm persönlich nicht nah. Da ich ihn für einen denkenden Menschen halte, verachte ich ihn eher wegen seiner Aussagen, zum Beispiel zu Flüchtlingen. Hassmails lassen sich verbieten, aber damit ist das eigentliche Problem nicht gelöst, denn der Hass, nicht als Gefühl, sondern als agierte, häufig auf andere projizierte Handlung bleibt bestehen, solange die Ursachen, die ihn erzeugen, nicht beseitigt werden.

So komme ich in meiner naiven Analyse zu dem Schluss, dass unser Denken und Handeln mehr von Liebe, statt von rationalistischer Logik und Vorurteilen geprägt sein sollte, eine Art Leitkultur, ob ich sie nun christlich, islamisch, atheistisch oder vegan begründe. Und wenn wir nicht ohne den deppernden Begriff der Zukunftsfähigkeit auskommen wollen, behaupte ich, dass Liebe zukunftsfähig ist und macht. (Roma)

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Der Kreis schließt sich

Nov 08 2018

Das Paradies war von zwei entscheidenden Fakten geprägt: Der Löwe lag beim Lamm, und die Menschen durften nicht vom Baum der Erkenntnis essen.

Als ich vor vielen Jahren einmal an einem frühen Morgen durch die Savanne Namibias fuhr, entdeckten wir Löwen. Sie hatten in der Nacht gejagt, ihre Mäuler waren noch blutig. Jetzt kamen sie gerade von der nahen Tränke. Sie gähnten einige Male, trotteten dann zu einer Schirmakazie, die ihre Äste weit ausbreitete, legten sich müde in deren Schatten und dösten vor sich hin. Nach einiger Zeit kam ihnen eine Herde Zebras recht nahe. Diese spürten, dass sie von den satten Löwen nichts zu befürchten hatten. Ich empfand die Szene als einen paradiesischen Zustand.

Der alttestamentarische Gott erwartete selbstverständlich, dass die Menschen ihm gehorchten. Heute ist nicht nur der Fakt, sondern das Wort aus der Mode gekommen. Zugleich wählen überall auf der Welt Menschen Egomanen und Diktatoren an die Macht, denen sie freiwillig gehorchen, oder die sie zum Gehorsam zwingen.

In vorgeschichtlichen Zeiten, lange vor der Entstehung von Religionen, glaubten die Menschen an eine beseelte Natur. Jede Pflanze, jedes Tier waren beseelt, und wenn der Mensch sich etwas nahm, musste er Abbitte leisten, den Geist des Baumes, den er gefällt, den des Tieres, das er gejagt hatte, besänftigen, denn er selbst, war ein Teil dessen, dem keine besonderen Rechte zustanden, und der nicht mehr wert war als eine Blume oder eine Ameise. Obwohl Menschen hart arbeiten mussten, um zu überleben, kannten sie weder den Begriff Arbeit, noch diese selbst. So könnte man das Leben im Einklang mit der Natur oder als einen Teil dessen als paradiesischen Zustand beschreiben.

Hätten also Eva und Adam nicht vom Baum der Erkenntnis essen sollen? Und worin bestand die Erkenntnis? Sie würden sein wie Gott, und weil dieser die Erde nach seinem Willen erschaffen habe, würden sie unabhängig sein von deren Gesetzen. Dies erwies sich auf etwas längere Sicht als Trugschluss.

Hat die Erkenntnis uns also geschadet? Die Antwort auf diese Frage nützt uns kaum, denn früher oder später wären wir, ob unserer geistigen Fähigkeiten nicht um die Erkenntnis herum gekommen. Das ist das eine, das andere ist, dass wir in dieser Art der Erkenntnis ungeübt waren und entweder das Erkannte falsch deuteten oder die falschen Schlüsse daraus zogen.

Sigmund Freud beschrieb in Totem und Tabu beispielhaft die Entwicklung des Über-Ich. Wenn wir in der Evolution noch einige Schritte weiter zurück gehen, brauchte der Mensch nicht erst zum Kannibalen oder Vatermörder zu werden, denn da er im paradiesischen Zustand Teil der Natur selber war, konnte er es gar nicht vermeiden, keine Schuld auf sich zu laden, er beging Frevel an ihr, indem er sich täglich von ihr ernährte. Von da ab waren die Pforten des Paradieses verschlossen. Ich bin sicher, dass der Mensch von Anfang an an die Wiedergeburt glaubte, sodass ihn der Tod nicht schrecken konnte, weil nichts in der Natur wirklich stirbt, indem alles immer wieder neu entsteht. Diese Erkenntnis wird durch moderne Wissenschaft bestätigt. Der frühe Mensch musste ein genauer Beobachter sein, um zu überleben. Nichts verging wirklich oder vollständig, solange es nicht aus dem natürlichen Gleichgewicht geriet. Sich selbst mutete er niemals zu, die Natur aus dem Gleichgewicht zu bringen. Diese Fähigkeit ging ihm im paradiesischen Zustand ab.

Mit der Erkenntnis kam die des eigenen Schicksals, der Verantwortung und damit auch des Schuldbewusstseins. Götter und ihre Vertreter auf Erden versuchen, das Über-Ich auszulagern, beziehungsweise, die Erkenntnisse auszuwählen und zu steuern. Der Mensch könnte mit der Aufgabe der Steuerung überfordert sein. Heute haben diese Aufgabe Regierungen übernommen. Diese sind mittlerweile dabei, sie an einflussreiche Konzerne oder ihre diktatorischen Protagonisten abzutreten, welche suggerieren, die Verantwortung gelte nur dem Ego und die Schuldfrage, wenn es denn überhaupt eine gäbe, beziehe sich nur auf den eigenen Erfolg oder Misserfolg.

Die Natur rächt sich nicht für unsere Verantwortungslosigkeit ihr gegenüber, dies wäre eine schamanistische Vorstellung, auch alttestamentarische Phantasien, ein rächender Gott schickte uns eine neue Sintflut, zeugen von Aberglauben. Aber das Wissen, in Einklang mit der Natur zu leben, ist uns Menschen bis heute nicht verloren gegangen, oder wir nähern uns vorsichtig dieser Erkenntnis wieder an, wenn wir zum Beispiel von Nachhaltigkeit sprechen oder uns mit Recycling beschäftigen.

Lange Zeit bescherte uns die Aufklärung Erkenntnisse, die uns befreiten und als Individuen unabhängiger machten, im Denken und Handeln. Heutzutage sind die Erkenntnisse vorwiegend bitter, und dies wird auch noch lange so bleiben, selbst wenn wir grundsätzlich umdenken und anders handeln. Wir haben zu lange an der Natur gefrevelt. Von daher werden wir es selbst nicht mehr erleben, ob eine Abkehr aus der Sackgasse möglich ist, diesen Planeten kahl zu konsumieren. Aber es könnte ein Trost sein, ganz egoistisch gedacht, wenn der Mensch überlebte. (RoMa)

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Ich auch

Okt 08 2018

Ich gehe regelmäßig im Park joggen. Fast immer begegnen mir dieselben Frauen und Männer. Früher winkte ich ihnen kurz zu oder sie mir, wenn sie mich zuerst erkannten. Zumeist erntete ich dazu noch ein Hallo, verbunden mit einem freundlichen Lächeln des Wiedererkennens. Heute winke ich nur noch den Männern. Frauen winken nicht mehr und schauen dazu oft verlegen in eine andere Richtung. Bei Wanderungen verhält es sich ähnlich, wenn mir alleinstehende Frauen begegnen. Ich habe begonnen, selbst in eine andere Richtung zu schauen, um mich keines möglichen Verdachts auszusetzen. Frauen in Gruppen agieren im Gegensatz dazu freundlich. An Rastplätzen kommt es nicht selten zu Gesprächen über die Landschaft und das Wetter.

Vor einigen Tagen bemerkte ich auf dem Weg zum Einkaufen zwei Polizisten, die auf einen älteren Mann in abgerissener Kleidung einredeten. Ich fragte mich, warum sie so unfreundlich zu ihm waren und ihn duzten. Also blieb ich stehen. Sofort blaffte mich einer der Polizisten an, ich sollte hier nicht den Betrieb aufhalten und weiter gehen.

Vor einigen Wochen fuhr ich mit der Bahn von Italien über die österreichische Grenze. In meinem Abteil befand sich eine Gruppe junger Leute, die in ein reges Gespräch über ihr Studium vertieft waren, unter ihnen ein dunkelhäutiger Altersgenosse. Am Brenner hielt der Zug für einige Minuten. Zwei Grenzbeamte kamen in unser Abteil. Sie forderten nur von dem dunkelhäutigen Mann den Pass. Er zeigte seine Papiere vor. Danach führten sie ihn ab.

In einer Kita, in der ich als Supervisor arbeitete, berichtete die Leiterin, dass ein älterer Mann öfter am Zaun gestanden habe, wenn die Kinder bei schönem Wetter im Freigelände spielten. Dies sei ihr nach einiger Zeit unheimlich geworden, und sie habe die Polizei gerufen. „Und was geschah?“ fragte ich. Die Polizei sei gekommen und habe seinen Ausweis kontrolliert. Danach habe sie ihn nie wieder gesehen.

Vor einigen Jahren, bei einem Besuch in den USA, entdeckte ich auf einem Golfplatz solitär stehende, alte Bäume. Am nächsten Tag fuhr ich noch einmal zu der Stelle und brachte meine Kamera mit, denn ich arbeite ich schon seit vielen Jahren an einem Fotoprojekt über Bäume. Ich parkte in einer Nebenstraße und suchte nach günstigen Stellen außerhalb des Geländes, um meine Fotos zu machen. Keine fünf Minuten später hielt ein Polizeiwagen neben mir. Ich musste meinen Ausweis vorzeigen. Danach wurde ich ohne Begründung des Feldes verwiesen.

Mehrere Eltern forderten von der Leitung einer Kita, der dort tätige Erzieher sollte in einer anderen Gruppe eingesetzt werden, denn sie wollten nur weibliche Betreungskräfte. Darauf wollte sie nicht eingehen. Einige Wochen später beschwerte sich ein Elternpaar, der Erzieher habe ihre Tochter unsittlich angefasst. Dies konnte nicht nachgewiesen werden, aber der Erzieher wurde in einer anderen Gruppe eingesetzt.

Im Anzeigenteil meiner Tageszeitung werden regelmäßig Selbstverteidigungskurse angeboten. Vor kurzen wurde im Lokalteil über ein Flirtseminar berichtet. (Roma)

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Immer mehr Tote im Mittelmeer

Aug 21 2018

In den letzten beiden Monaten verloren 721 Menschen auf der Flucht ihr Leben im Mittelmeer. Diese Menschen könnten noch leben, wenn ihnen rechtzeitig geholfen worden wäre. Sie alle hatten ein individuelles Schicksal, eine Biographie, die sich zurückverfolgen ließe. Damit bliebe ihr Schicksal für uns einfühlbar. Wir könnten mit- oder nachfühlen, und sie wären nicht bloß noch eine Zahl, wenn auch eine erschreckende. Wir könnten an die Menschen denken, die leben und auf der Flucht sind, und wir könnten versuchen, ihnen zu helfen.

Sigmund Freud sagte einmal, es gäbe keine Zufälle. Er bezog sich dabei auf das Individuum, das sein Schicksal, bewusst oder unbewusst, gestaltet. Der Zufall oder die Laune der Natur kann mit dem Eintritt in das menschliche Leben nicht mehr alleine herrschen. Das Schicksal der Menschen auf der Flucht besteht auch darin, dass sie eben zufälligerweise in diese oder jene Nation hinein geboren wurden, als Syrer, als Deutsche, als Chinesen, Eritreer oder Afghanen.

Ursprünglich diente die Nation dem Schutz ihrer Bürger. Mittlerweile mutiert sie immer mehr zur Abwehr nach außen. Dieses Verständnis einer Nation ist nicht nur unmenschlich und unchristlich, es zeugt auch von einem primitiven Aberglauben, als stünden den Bürgern der eigenen Nation Privilegien zu, selbst solche, die, jedenfalls indirekt oder billigend in Kauf nehmend, über Leben und Tod entscheiden, an denen die anderen nicht teilhaben dürfen. So haben sich primitive Religionsgemeinschaften, Clans oder Stämme in alten Zeiten definiert. Der Rechtsstaat wird in eben jenem primitiven Mechanismus missbraucht, indem er für die Eigenen und gegen die Anderen genutzt wird. Bis zum institutionalisierten oder strukturellen Rassismus ist es dann nur noch ein kleiner Schritt, bzw. der Rassismus geht im Nationalismus auf. Kapitalismus und Neoliberalismus reihen sich in diesen Kontext insofern ein, indem sie die Menschen nicht als gleich betrachten, wie es Menschenrechte und Grundgesetze vorsehen, oder wie es in einer Demokratie selbstverständlich sein sollte, sondern der Mensch wird nach Leistungsvermögen und Kaufkraft auf- oder abgewertet, eine Art moderner Feudalismus. Selbstverständlich wird dies anders genannt. Nicht mehr das Menschliche oder ethisch-moralische Kriterien sind für eine Entscheidung ausschlaggebend, sondern die Legitimation des Handelns. Zynisch ist von illegitimer Migration die Rede, und es handelt sich nicht um ein Unrecht aus deutscher und europäischer Sicht, Menschen auf der Flucht ertrinken zu lassen. Auf Grund ihrer Nationalität seien gar die Flüchtenden selber im Unrecht, indem sie europäischen Boden betreten. So verwandelt sich Recht in eine archaische Formel, einem primitiven Schamanismus ähnlich. Aufklärung verwandelt sich in Remythologisierung. Wenn Rassisten und Nationalisten das Staatsruder in die Hand nehmen, wird nicht mehr nur unterschieden zwischen Bürgern unterschiedlicher Nationen, oder zwischen Einheimischen und Fremden, denn sie nehmen sich, wenn sie die Macht haben, das Recht, für Unrecht zu erklären, was in ihren Augen anders ist. Deshalb handeln wir nicht nur zwischenmenschlich, wenn wir die Flüchtenden retten oder sie aufnehmen, denn es geht auch um unser eigenes Schicksal. (RoMa)

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Noch einmal*: “postfaktisch”

Jul 08 2018

Es ist schon eine geraume Weile her, da  kürte die Deutsche Gesellschaft für deutsche Sprache das Adjektiv „postfaktisch“ zum Wort des Jahres – und man konnte die Hoffnung haben, dass man es damit irgendwie unbenutzbar gemacht hätte. Dem ist aber nicht so.

Weder das Adjektiv ist verschwunden noch das Phänomen, das es zu beschreiben versucht. Aber auch über Letzteres gibt es keine konsensfähige Sichtweise. Jenseits von „anything goes“ oder „alle Wahrnehmung ist subjektiv“ geht es für mich um eine Haltung, die Fakten einfach nicht zur Kenntnis nehmen will, und sich und andere damit betrügt. Dies kennen wir auch aus unserer supervisorischen Arbeit.

Während in distanzierter Betrachtung – und diese versuchen wir als Supervisor*innen immer wieder einzunehmen – die Fakten deutlich aufscheinen, hindert ein Widerstand unsere Supervisand*innen, dies wahrzunehmen. Die Überzeugung, mit den eigenen Sichtweisen im Recht zu sein oder es selbst besser zu wissen, schützt das Selbstwertgefühl und trübt die Wahrnehmung. Im gesellschaftlichen Bereich erleben wir ähnliches bei Politikern mit größenwahnsinnigen Einstellungen.

Es ist immer eine ziemliche Herausforderung – sowohl in individueller wie gesellschaftlicher Perspektive – sich um Wahrheit zu bemühen und sich ihr anzunähern. (j.k.)

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*RoMa, August 2017

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Wessen Supervision ist das eigentlich

Jun 02 2018

Natürlich könnte ich auch fragen, wem sie gehört, aber ich ziehe den Genitiv vor, weil der Dativ sich auch überall dort breit macht, wo er eigentlich gar nichts verloren hat, oder inhaltlich betrachtet eignet sich Jemand etwas an, von dem zumindest nicht sicher ist, ob es ihr oder ihm tatsächlich gehört. So ließe sich die titelgebende Frage verwerfen oder leicht beantworten, gehört doch die Supervision keinem oder allen Beteiligten.

Das Konkrete wird in einem Kontraktgespräch vor Beginn einer Supervision geklärt. Aber stimmt dies tatsächlich? Möglicherweise sind die Vorbedingungen so festgelegt, dass es sich beim Kontrakt oder Vertrag nur noch um eine Art Ritus handelt, der (formaldemokratisch) suggeriert, es ginge um Mitbestimmung oder Teilhabe. Ist es somit also die Supervision der Institution? Dies läge im Trend und bestätigte auch, dass es in dieser kapitalisierten Gesellschaft wie ein Gesetz anmutet, dass bestimmt, wer bezahlt, sich somit das Recht der Beauftragung und Zielorientierung nimmt. Für die Arbeitnehmer*innen, mittlerweile auch im sozialen Bereich, bleibt die Nische, den von der konkreten Tätigkeit weitgehend abgekoppelten Auftrag in fachliches, professionelles Handeln, also den Anliegen und Bedürfnissen des Klienten, das selber nicht Vertragspartner bezüglich der Supervision ist und deshalb von diesen mit vertreten werden muss, umzugestalten.

Damit die Schere zwischen Geschäft/Auftragsvorgabe einerseits und Klientenorientierung/Fachlichkeit andererseits nicht zu weit auseinander triftet, besteht die Möglichkeit, direkte Vorgesetzte in die Supervision einzubeziehen. Leider sind diese ebenfalls zunehmend von der Geschäftsführung abgekoppelt, beziehungsweise, die Kompatibilität von Geschäft und fachlicher Arbeit triftet durch eine neoliberal ausgerichtete Politik immer weiter auseinander. Die Supervision gestaltet sich bestenfalls in einer reflektierten Kompromissbildung zwischen fachlichem Anspruch, der sich am So-Sein des Klienten orientiert, und den Vorgaben des Managements. Gäbe es selbstorganisierte Supervisionen für berufstätige Mütter mit kleinen Kindern, könnten diese ihren Einfluss hinsichtlich der Ziele und Inhalte im Prozess optimal geltend machen. Aber möglicherweise ist der Preis, dieses hochkomplexe Rollenprofil und diese Menge an Arbeit möglichst optimal handhaben zu können und dabei noch Zeit für persönliche Bedürfnisse zu finden, verdammt hoch. Oder, etwas zynisch betrachtet, machen nicht mehr Supervisor*innen das Geschäft, sondern Coaches und Burnout-Spezialisten.

Sollte es also die Supervision der Supervisorin, des Supervisors sein, die/der sich ein diagnostisches Bild macht, um dann zu entscheiden, welches Setting das Passende ist? Die Kompromissbildung bestünde darin, dass immer noch ein Rest an Ressourcen bei den Beteiligten gefunden wird, der für die Durchführung des Auftrags mobilisiert werden kann, beziehungsweise, es gerade darum ginge, verbrauchte Ressourcen neu zu bilden. Dies braucht natürlich Zeit, die weder vorhanden, noch eingeplant ist. Die Möglichkeiten der Bewahrung oder Prävention haben sich leider aus Sicht der Arbeitnehmer*innen nach wenigen Jahren Berufstätigkeit aus den oben genannten Gründen erledigt, beziehungsweise werden kranke oder grundsätzlich erschöpfte Arbeitnehmer*innen staatlicher Fürsorge übergeben.

So könnten wir zu dem Schluss gelangen, dass sich ab einem bestimmten Punkt Supervision mit Neoliberalismus nicht mehr verträgt. Alternativen können sein, sich einseitig Bedingungen anzupassen, oder sich in einer der oben geschilderten Nischen einzurichten. Formal betrachtet bleibt also Alles beim Alten. Der Kunde bleibt König und weiterhin der ständig Betrogene oder Geprellte. Der Supervisor ist vom Meister des Settings zu dessen dienstleistenden Handlanger mutiert, der seinen Werkzeugkasten (Computer) ständig neu bestücken muss. Aber wir können uns glücklich schätzen – und dies meine ich ernst –, dass wir in einer Demokratie leben, obwohl unvollständig und empfindlich, und eine Supervision prozesshaft ausgerichtet bleibt. Einseitige Besitzverhältnisse laufen dagegen auf einen finalistischen Schluss hinaus, der die Menschheit weiterhin spaltet, in Arme und Reiche, Friedliebende und Kriegführende, Umweltschützende und Umweltausbeutende, Flüchtende und Sesshafte. Bezogen auf die oben gestellte Frage geht es um nichts weniger als die Infragestellung der Besitzstandswahrung und der Schieflage von Machtkonstellationen, und die Wiedereinführung von Rollen- und Auftragsdifferenzierung auf der Basis von humaner Wertarbeit. (RoMa)

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Supervision im Zeitalter des Deals

Mai 13 2018

Als Supervisor gehe ich davon aus, dass in Arbeitsprozessen Menschen miteinander kooperieren, die unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse, Werte und Ziele verfolgen. Das ist auch gut so, weil die Differenzen produktiv genutzt werden können und die Organisation wach halten. Unterschiede sind gleichzeitig aber auch mögliche Auslöser für soziale Konflikte.

Insofern geht es nicht nur in Arbeitsprozessen sondern auch bei gesellschaftlichen Fragen immer auch darum, eine Konfliktkultur zu entwickeln und zu gestalten, die Differenzen benennt und akzeptiert, zu verstehen sucht und verhandelt. Diskussion, Verhandlung und Konsensbildung sind nicht zu ersetzende Bestandteile von demokratischen Entscheidungsprozesses.

Eine Verhandlung ist etwas anderes als ein „Deal“ – zumindest in unserem Sprachgebrauch. Der Duden schreibt: Deal, der

  1. /umgangssprachlich/ (zweifelhafte) Abmachung
  2. (a) /umgangssprachlich/ (zweifelhaftes) Geschäft (b) /Jargon/ Geschäft, bei dem mit (kleinen Mengen) Rauschgift gehandelt wird.

Bei dem, was man aktuell auf der internationalen politischen Bühne beobachten kann, denkt man häufiger an Druck und Erpressung als an Verhandlung. Es geht darum einen guten „Deal“ zu machen – auch und gerade dann, wenn man bereits verbindlich gemachte Absprachen aufkündigt.

Wenn dies Schule macht, wird es für supervisorische Interventionen schwer. Bleibt die Hoffnung, dass sich Konflikte dauerhaft nicht durch Unterwerfung bewältigen lassen. (j.k.)

 

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