Wessen Supervision ist das eigentlich

Jun 02 2018

Natürlich könnte ich auch fragen, wem sie gehört, aber ich ziehe den Genitiv vor, weil der Dativ sich auch überall dort breit macht, wo er eigentlich gar nichts verloren hat, oder inhaltlich betrachtet eignet sich Jemand etwas an, von dem zumindest nicht sicher ist, ob es ihr oder ihm tatsächlich gehört. So ließe sich die titelgebende Frage verwerfen oder leicht beantworten, gehört doch die Supervision keinem oder allen Beteiligten.

Das Konkrete wird in einem Kontraktgespräch vor Beginn einer Supervision geklärt. Aber stimmt dies tatsächlich? Möglicherweise sind die Vorbedingungen so festgelegt, dass es sich beim Kontrakt oder Vertrag nur noch um eine Art Ritus handelt, der (formaldemokratisch) suggeriert, es ginge um Mitbestimmung oder Teilhabe. Ist es somit also die Supervision der Institution? Dies läge im Trend und bestätigte auch, dass es in dieser kapitalisierten Gesellschaft wie ein Gesetz anmutet, dass bestimmt, wer bezahlt, sich somit das Recht der Beauftragung und Zielorientierung nimmt. Für die Arbeitnehmer*innen, mittlerweile auch im sozialen Bereich, bleibt die Nische, den von der konkreten Tätigkeit weitgehend abgekoppelten Auftrag in fachliches, professionelles Handeln, also den Anliegen und Bedürfnissen des Klienten, das selber nicht Vertragspartner bezüglich der Supervision ist und deshalb von diesen mit vertreten werden muss, umzugestalten.

Damit die Schere zwischen Geschäft/Auftragsvorgabe einerseits und Klientenorientierung/Fachlichkeit andererseits nicht zu weit auseinander triftet, besteht die Möglichkeit, direkte Vorgesetzte in die Supervision einzubeziehen. Leider sind diese ebenfalls zunehmend von der Geschäftsführung abgekoppelt, beziehungsweise, die Kompatibilität von Geschäft und fachlicher Arbeit triftet durch eine neoliberal ausgerichtete Politik immer weiter auseinander. Die Supervision gestaltet sich bestenfalls in einer reflektierten Kompromissbildung zwischen fachlichem Anspruch, der sich am So-Sein des Klienten orientiert, und den Vorgaben des Managements. Gäbe es selbstorganisierte Supervisionen für berufstätige Mütter mit kleinen Kindern, könnten diese ihren Einfluss hinsichtlich der Ziele und Inhalte im Prozess optimal geltend machen. Aber möglicherweise ist der Preis, dieses hochkomplexe Rollenprofil und diese Menge an Arbeit möglichst optimal handhaben zu können und dabei noch Zeit für persönliche Bedürfnisse zu finden, verdammt hoch. Oder, etwas zynisch betrachtet, machen nicht mehr Supervisor*innen das Geschäft, sondern Coaches und Burnout-Spezialisten.

Sollte es also die Supervision der Supervisorin, des Supervisors sein, die/der sich ein diagnostisches Bild macht, um dann zu entscheiden, welches Setting das Passende ist? Die Kompromissbildung bestünde darin, dass immer noch ein Rest an Ressourcen bei den Beteiligten gefunden wird, der für die Durchführung des Auftrags mobilisiert werden kann, beziehungsweise, es gerade darum ginge, verbrauchte Ressourcen neu zu bilden. Dies braucht natürlich Zeit, die weder vorhanden, noch eingeplant ist. Die Möglichkeiten der Bewahrung oder Prävention haben sich leider aus Sicht der Arbeitnehmer*innen nach wenigen Jahren Berufstätigkeit aus den oben genannten Gründen erledigt, beziehungsweise werden kranke oder grundsätzlich erschöpfte Arbeitnehmer*innen staatlicher Fürsorge übergeben.

So könnten wir zu dem Schluss gelangen, dass sich ab einem bestimmten Punkt Supervision mit Neoliberalismus nicht mehr verträgt. Alternativen können sein, sich einseitig Bedingungen anzupassen, oder sich in einer der oben geschilderten Nischen einzurichten. Formal betrachtet bleibt also Alles beim Alten. Der Kunde bleibt König und weiterhin der ständig Betrogene oder Geprellte. Der Supervisor ist vom Meister des Settings zu dessen dienstleistenden Handlanger mutiert, der seinen Werkzeugkasten (Computer) ständig neu bestücken muss. Aber wir können uns glücklich schätzen – und dies meine ich ernst –, dass wir in einer Demokratie leben, obwohl unvollständig und empfindlich, und eine Supervision prozesshaft ausgerichtet bleibt. Einseitige Besitzverhältnisse laufen dagegen auf einen finalistischen Schluss hinaus, der die Menschheit weiterhin spaltet, in Arme und Reiche, Friedliebende und Kriegführende, Umweltschützende und Umweltausbeutende, Flüchtende und Sesshafte. Bezogen auf die oben gestellte Frage geht es um nichts weniger als die Infragestellung der Besitzstandswahrung und der Schieflage von Machtkonstellationen, und die Wiedereinführung von Rollen- und Auftragsdifferenzierung auf der Basis von humaner Wertarbeit. (RoMa)

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Supervision im Zeitalter des Deals

Mai 13 2018

Als Supervisor gehe ich davon aus, dass in Arbeitsprozessen Menschen miteinander kooperieren, die unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse, Werte und Ziele verfolgen. Das ist auch gut so, weil die Differenzen produktiv genutzt werden können und die Organisation wach halten. Unterschiede sind gleichzeitig aber auch mögliche Auslöser für soziale Konflikte.

Insofern geht es nicht nur in Arbeitsprozessen sondern auch bei gesellschaftlichen Fragen immer auch darum, eine Konfliktkultur zu entwickeln und zu gestalten, die Differenzen benennt und akzeptiert, zu verstehen sucht und verhandelt. Diskussion, Verhandlung und Konsensbildung sind nicht zu ersetzende Bestandteile von demokratischen Entscheidungsprozesses.

Eine Verhandlung ist etwas anderes als ein „Deal“ – zumindest in unserem Sprachgebrauch. Der Duden schreibt: Deal, der

  1. /umgangssprachlich/ (zweifelhafte) Abmachung
  2. (a) /umgangssprachlich/ (zweifelhaftes) Geschäft (b) /Jargon/ Geschäft, bei dem mit (kleinen Mengen) Rauschgift gehandelt wird.

Bei dem, was man aktuell auf der internationalen politischen Bühne beobachten kann, denkt man häufiger an Druck und Erpressung als an Verhandlung. Es geht darum einen guten „Deal“ zu machen – auch und gerade dann, wenn man bereits verbindlich gemachte Absprachen aufkündigt.

Wenn dies Schule macht, wird es für supervisorische Interventionen schwer. Bleibt die Hoffnung, dass sich Konflikte dauerhaft nicht durch Unterwerfung bewältigen lassen. (j.k.)

 

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Noch einmal: Supervision in unruhigen Zeiten

Mrz 13 2018

Was genau meinen wir, wenn wir von unruhigen Zeiten sprechen?

Unsere Kanzlerin spricht angesichts fallender Börsenkurse von Koalitionsverhandlungen in unruhigen Zeiten und die Daimler AG wappnet sich mit glänzender Bilanz gegen unruhige Zeiten. Wenn die Kinder unruhig sind oder wir auf unruhigen Meeren segeln, befinden wir uns in einem Zustand ständiger unsere Ruhe störender Bewegung. Der unruhige Schlaf und der unruhig laufende Motor verweisen auf Störungen und Unterbrechungen.

Was stört und unterbricht unsere Ruhe in der Arbeitswelt? Da ist zum Einen der extreme Veränderungsschub durch die Digitalisierung, der Arbeitsplätze vernichtet, viele gewachsene berufliche Routinen radikal verändert, Arbeitszeiten räumlich und zeitlich flexibilisiert und nicht zuletzt gesellschaftliche Folgen initiiert, die kaum abzuschätzen sind. Das Smartphone in der Hand bestimmt unser Leben und verbindet uns über die virtuelle Nabelschnur des World Wide Net und mit allem und jedem.

Was ist es, was unser gesellschaftliches Leben so nervös und lärmend gemacht hat? Anscheinen sind wir uns nicht mehr sicher, ob wir unsere Grenzen für Handel, Ideen und Menschen offen halten sollen oder ob nationale Gemeinschaften das Recht haben, sich abzuschotten. Zunehmend verständnislos stehen sich kosmopolitische und national denkende oder libertär und traditionell denkende Bevölkerungsgruppen gegenüber.  Welchen Menschen müssen wir uns moralisch verpflichtet fühlen: allen oder nur jenen, die sich innerhalb der engen Grenzen des Nationalstaates bewegen? Die alte Konfliktlinie zwischen „links“ und „rechts“ scheint zu verwischen.

Liberale Demokratien scheinen sich in einer Autoritätskrise zu befinden. Institutionen werden nicht mehr als bindend anerkannt und Expertise wird ignoriert. Viele Bürger haben genug von Experten und stellen sich gegen deren Urteil. In der Brexit-Entscheidung der Briten aus dem Jahre 2016 zeigt sich auf exemplarische Weise, wie die Einschätzungen von Experten kein Gehör mehr finden. Alles nur fake news? Unsere Tätigkeit als Beraterinnen und Berater trifft dies direkt.

Mit Blick auf die unruhigen Zeiten wollen die Supervisionstage 2018 Impulse geben, den eigenen professionellen  Kompass im Gespräch mit anderen vielleicht neu zu justieren. (j.k.)

Informationen zur Tagung http://fis-supervision.de/wp-content/uploads/2017/11/FiS-Supervisionstage_2018.pdf

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Ritus und Spiel

Feb 03 2018

Der Ethnologe Claude Levi-Strauss (1908 – 2009) hat den wechselvollen Zusammenhang von Spiel und Ritus erforscht. Demnach entwickeln sich Riten häufig aus einem spielerischen Zusammenhang, zum Bespiel Festspiele, die zu Ehren einer höheren Macht aufgeführt werden. In vielen Fällen löst der Ritus das Spiel vollends ab, beziehungsweise wird aus ethisch-moralischen Gründen streng von diesem getrennt (Heilige Messe). In modernen Zeiten haben Riten an Attraktivität verloren, während Spiele einen hohen Unterhaltungswert besitzen. Zum Beispiel besuchen wesentlich mehr Menschen regelmäßig ein Fußballstadion als einen Gottesdienst.

In der Marktwirtschaft spricht man gern vom freien Spiel der Kräfte oder von spielerisch ausgetragenen Wettbewerben. Tatsächlich handelt es sich bei der ständig wiederholten Forderung nach Wachstum jedoch mehr um ein Mantra (Ritus), denn um eine wissenschaftlich belegte Erkenntnis. Die Parallelität zum Ritus zeigt sich auch darin, dass sie vom Ergebnis aus auf das Mittel schlussfolgert. Wenn der Schamane oder der Priester unter Zuhilfenahme eines erprobten Rituals den Regen herbei fleht, wird er es dann auf dieses zurückführen, wenn der Regen schließlich fällt. Ähnlich denken und handeln Wirtschaftsweisen, die ein Wachstum auf ihr ritualisiertes Handeln zurückführen. Im ersten Fall werden die Gläubigen auf Grund ihres Gebets, im zweiten die Arbeitnehmer auf Grund ihres Schaffens um ihren Beitrag am Erfolg geprellt.

Unmerklich wird das Spielerische selbst in postmodernen Zeiten (wieder) von der Macht des Ritus beherrscht. Die Regeln und ihre Anwendung bei einem Fußballspiel sind ein aktueller Beleg dafür. Selbst die Priester, Pardon Schiedsrichter, wissen nicht genau, wie die Regel anzuwenden oder zu interpretieren, das Ritual zu vollziehen ist. Zunehmend wird das ganze Procedere durch geschickte Auswahlverfahren so gestaltet, dass diejenigen Mannschaften, die über das meiste Kapital verfügen, auch den entsprechenden Erfolg haben. Dadurch fließt wieder mehr Geld in die Kassen, sodass entsprechend gute Spieler gekauft werden können usw. Die sog. Underdogs, welche diese Regel durch ihren gelegentlichen Erfolg vermeintlich widerlegen, wahren zum einen den Schein des fairen, spielerischen Wettbewerbs, zum anderen schaffen sie Heroen (oder gar Fußballgötter), die als Identifikationsfiguren für die Massen den Ritus als solchen stabilisieren.

Daraus ließe sich folgern, dass wir in einer Zeit leben, die sowohl von der Aufklärung, als auch von Mythen geprägt ist, oder beide Faktoren in ihrer Dominanz einander abwechseln. Nicht nur Mythos wird zu Aufklärung, umgekehrt wird auch Aufklärung wieder zu Mythos. Wenn wir die Aufklärung nicht als geschichtlich determinierten Prozess, sondern als ein permanentes Ringen um Wissen und Erkenntnis verstehen, ist sie wie die Wiederkehr des Mythos, durch Riten vollzogen, Teil unseres menschlichen Schicksals, deren Wechselwirkungen ständiger Reflexion bedürfen. (RoMa)

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Supervision in unruhigen Zeiten – FiS-Supervisionstage vom 14.-15. April 2018 in Münster

Jan 03 2018

Die Zeiten sind unruhig geworden, unser Lebenstempo wird durch neue technische Möglichkeiten erheblich beschleunigt, die Formen von Arbeit und auch von Kommunikation verändern sich, sie destabilisieren Institutionen und Traditionen. Immer mehr  Lebensbezüge werden durch Markmechanismen reguliert.  Kulturelle Vielfalt erweitert sich.

Während sich das „Außen“ rasant verändert und die Gesellschaft komplexer wird, erleben die meisten Menschen ihr „Innen“ als eigentümlich langsam oder zögerlich.   Ängste angesichts von Modernisierungsprozessen  führen ganz offensichtlich zur Beharrung oder zu rückwärtsgewandten Vereinfachungsstrategien, von denen Menschen sich eine psychische Stabilisierung erhoffen. Angesichts von Abstiegsängsten und schwierigen sozialen Konflikten steht  die klassische soziologische Frage danach, was die Gesellschaft  denn zusammenhält, offenbar wieder auf der Agenda.

Unsere supervisorische Praxis wird von diesen Veränderungen alltäglich erfasst und nicht selten sind wir als Supervisoren und Supervisorinnen in ähnlicher Weise verunsichert wie diejenigen, die auf der Suche nach Begleitung und Unterstützung zu uns kommen. Sozialwirtschaftliche Organisationen stehen unter starkem Wettbewerbsdruck, das Funktionieren rückt  in den Vordergrund und  den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fehlt  die Zeit für eine innere Verarbeitung. Vor diesem Hintergrund  stellen sich Fragen an das supervisorische Konzept  möglicherweise schärfer und eindringlicher.

Die Supervisionstage 2018  wollen Impulse geben,  den eigenen professionellen  Kompass im Gespräch mit anderen vielleicht neu zu justieren und auf neue Herausforderungen einzustellen. Drei zentrale Vorträge sollen dazu Anstöße geben:

  • Gesellschaft und Psyche – eine schwierige Beziehung Prof. Dr. Johann August Schülein (Wien)
  • Selbstreflexion – Überlegungen zum Blick der Supervisandinnen und Supervisanden auf sich selbst Prof. Dr. Bernadette Grawe (Warburg)
  • Mit und ohne Couch – zur klinischen und außerklinischen Bedeutung der Psychoanalyse Prof. Dr. Zwiebel (Kassel)

Informationen zur Tagung finden sich auf der Website www. fis-supervision.de (j.k.)

 

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Von der gar nicht so merkwürdigen Begebenheit des Konsumverzichts

Dez 01 2017

Konsumverzicht: Herr K kannte das Wort zwar, aber er benutzte es niemals. Er erlebte sich als sparsam, andere hielten ihn womöglich für etwas geizig, aber nicht in der Weise, die häufig als geil bezeichnet wird. Also leistete Herr K schon Konsumverzicht, bevor das Wort noch mehr als die Tatsache in aller Munde war. Nachhaltigkeit und die Senkung des Cholesterinspiegels als Produkt hatten wir bereits hinter uns.

Zuerst sprachen antikapitalistische Aussteiger und einige Gesellschaftswissenschaftler darüber. Dann entdeckte die alternative Politik das Phänomen, mehr als Kampfbegriff, denn als wirklicher Alternative. Erst als größere Teile der Bevölkerung sich ernstlich und faktisch mit Konsumverzicht beschäftigten, wurden die Politik, die Boulevardpresse und vor allem die Nahrungsmittelindustrie aufmerksam. Ähnlich der vormaligen Neiddebatte starteten Arbeitgeberverbände und ein großes Boulevardblatt, das sich für eine Zeitung hielt, eine Diffamierungskampagne gegen die als Hungerleider bezeichneten Alternativen. Das Gegenteil wurde erreicht, bei den Betroffenen jagte ein Adrenalinschub den nächsten – offenbar im Stammhirn durch häufigeren Konsumverzicht ausgelöst – und der Begriff wurde prall mit Energie und Ideologie aufgeladen. Jetzt sprang auch die große Politik auf den Zug auf, der schon gewaltig Fahrt aufgenommen hatte, denn es musste der Verlust von Wählerstimmen befürchtet werden. Die CDU und ihre Schwesterpartei CSU legten einen Streit über die konkrete Umsetzung bei. Einzig die FDP als typische Klientelpartei hielt sich lange zurück, weil sie die Konsumverzichter nicht als ihre Klientel betrachtete. Aber das Blatt sollte sich schnell wenden. Ähnlich wie bei der Nachhaltigkeit musste nun das Wort Konsumverzicht bei jedem zweiten Satz in den Mund genommen werden. Nach der nächsten Bundestagswahl wurde eigens ein Ministerialbeamter des Wirtschaftsministeriums für das neue Ressort bereitgestellt. Herr K wunderte sich.

Der Konsumverzicht sorgte bei großen Teilen der Bevölkerung für ein gutes Bauchgefühl. Ähnlich dem Black Friday wurde ein Sweet Thursday eingerichtet. Der gleichnamige Roman von John Steinbeck schoss in den Bestsellerlisten kometenhaft nach oben, obwohl sich die Bezeichnung ein Werbefachmann ausgedacht hatte, der weder von dem Schriftsteller, noch von dem Buch je gehört hatte. Und nicht nur der Donnerstag wurde versüßt. Es entstand eine völlig neue Produktpalette, bestehend aus alternativen Nahrungsmitteln, alternativer Kleidung, Dragees, Konsumverzichtswellnessoasen, Sportgeräten und vielem mehr. In diesem Zusammenhang wurde auch das Faulenzen wieder entdeckt. Sogar ein eigenes Logo wurde für Produkte des Konsumverzichts entwickelt, damit sie leichter erkannt und konsumiert werden konnten. Es wurden Ratgeber geschrieben, Vorträge gehalten, und das Thema fand Eingang in den Lehrplan der gymnasialen Mittelstufe. Ganze Betriebszweige befassten sich mit Produkten des Konsumverzichts, und Siemens stellte die eben erst entlassenen Arbeiter wieder ein, stattete sie allerdings nur mit Zeitarbeitsverträgen aus. Selbst die Deutsche Gesellschaft für Supervision und Coaching forderte die Ausbildungsinstitute auf, den Konsumverzicht neben kreativem Faulenzen in die Ausbildung zu integrieren. Einige Schlauberger, zu denen auch Herr K gehörte, behaupteten nun, der Konsumverzicht würde zu mehr Konsum als vorher führen. Deshalb wurde der Begriff erweitert, er hieß nun richtiger Konsumverzicht, wie ein Hattrick beim Fußball immer lupenrein und eine gute Satire immer bitterböse ist. (Roma)

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Handlungsdruck und Reflexion

Nov 06 2017

In den letzten Jahren erlebe ich es zunehmend, dass SupervisandInnen aus der Sozial- und Pflegearbeit häufig gestresst und in Zeitnot zur Supervision kommen und diese ebenso verlassen, weil der nächste Termin bereits wartet. Die Supervision auf einen anderen Zeitraum zu verschieben, kostet noch mehr Ressourcen, die insgesamt so knapp bemessen sind, dass sie an anderer Stelle umso mehr fehlen, oder das Klientel darunter leidet, was nicht selten zur Folge hat, dass sich Bedürftigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten, die eigentlich bearbeitet werden sollen eher verstärken und mehr Zeit und Energie in Anspruch nehmen. Von daher leidet die Konzentration der Teilnehmenden in der Supervision oder ist mit Unlustgefühlen verbunden. Der Handlungsdruck spiegelt sich insofern wider, indem es viel Unverarbeitetes zuerst einmal abzuladen, weniger zu reflektieren gilt. Zum Anderen werde ich als Supervisor aufgefordert, auf den Handlungsdruck mit Handlungsalternativen und Lösungsangeboten zu reagieren.

Die Fragen „Wie verstehe ich etwas?“ – nie gestellt – und „Was mache ich jetzt?“ werden dabei häufig synonym verstanden. In Teams mit jüngeren Leuten wird Reflexion oft vage als Nachdenken über, vielmehr aber als flexibles Handeln verstanden, weil schon bei Studium und Ausbildung ausschließlich Handlungs- als Lösungsansätze favorisiert werden. Ein Innehalten wird allenfalls als meditativer Appell oder als Ressourcenmodell verkauft. Natürlich wird nicht reflektiert, woher die dafür verwendeten Ressourcen genommen werden. Bei Managementtechniken wird ähnlich verfahren. Und zum Reflektieren ist schlicht keine Zeit, weil diese zum Handeln gebraucht wird.

Damit ist die Supervision ihres eigentlichen Sinns beraubt, weshalb der Markt sich mit ständig wechselnden, alternativen Handlungsmodellen aufbläht, beziehungsweise das Coaching als Handlungslenkungsmethode immer mehr an Bedeutung gewinnt. Tatsächlich passt es auch besser zu einem agierenden, auf Ergebnis und Gewinn hin polarisierten Markt, in den soziale Arbeit zunehmend einbezogen wird. Der Sinn einer Arbeit definiert sich über dessen finanziellen Gewinn und wird auf diese Weise wieder als Wert in den Markt eingespeist. Deshalb darf es nicht verwundern, dass zum Beispiel AltenpflegerInnen noch schlechter bezahlt werden als KrankenpflegerInnen und beide Berufsgruppen unter schlechten Bedingungen hart arbeiten müssen, denn ihr Klientel bringt keine Leistung (mehr), das schlimmste Vergehen in einer Leistungsgesellschaft.

Zudem wird die Notsituation des Klientels und der unmittelbar mit ihnen Arbeitenden gar nicht mehr erfasst, geschweige denn verstanden, sondern angebliche Verbesserungen am grünen Tisch nach falschen Kriterien ausgedacht und von oben nach unten weiter gegeben. Der Supervisionsmarkt versucht, möglichst an diese Einflussstellen zu gelangen, um beim Input und dem Raubbau letzter ungenutzter Ressourcen mitzumischen und überlässt die weniger gut honorierte Arbeit an der Basis den Anfängern. Denn auch im Supervisions- und Coachingmarkt gilt: Je weiter weg von der Basisarbeit, je höher hinauf, umso unbefriedigender die Konzepte in ihrer praktischen Anwendung und umso besser die Honorare.

Was also tun? (Diese Frage stelle ich jetzt auch.) Weiter dem Markt hinterher hecheln? Den Reflexionsansatz auf Hochglanzpapier drucken und coachen? Darauf warten, dass wieder der Mensch und nicht mehr die Ware zählt? Sich eine fachliche Nische suchen? In den Ruhestand gehen?

Ich werde auch mit Anderen darüber reflektieren und eine Entscheidung treffen. (Roma)

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Die Ambivalenz der Gefühle – oder: Der Ruf nach Eindeutigkeit

Okt 07 2017

Unsere nomadischen Vorfahren lebten über viele Jahrtausende als Jäger und Sammler. Wenn sie ein Wild erlegt hatten, freuten sie sich, dass ihr Clan nun für eine Zeit lang satt zu essen hatte. Zugleich waren sie traurig über den Tod des erlegten Tieres, denn als Menschen konnten sie das gleiche Schicksal erleiden, indem ein Raubtier sie oder ihresgleichen tötete.

Heute herrscht ein allgemeiner Ruf nach Eindeutigkeit. Ohne sich einen differenzierten Standpunkt gebildet zu haben, werden Gefühle ignoriert und trivialisiert, oder sie steigern sich zu groben und pauschalen Affekten. Gefühle und Worte, die diese benennen, sollen hinter einer Fassade von Correctness glatt gebügelt werden, und wenn dies nicht gelingt oder abgelehnt wird, kursieren Hassmails im Internet oder die Massen schreien ihre Wut auf der Straße heraus. Von dort ist es nicht selten nur noch ein Schritt, bis die Gewalt eskaliert.

Kaum etwas wurde weiter gedacht oder einer Lösung zugeführt, weil es schon vorher in Parteilichkeit zerfallen ist. Sog. Parteien wie die AfD nutzen diese Situation aus, indem sie durch affekthaschende Aussagen zu einer weiteren Spaltung beitragen.

Dieses gereizte Klima in der Gesellschaft spiegelt sich natürlich auch in Supervisionsszenen wider. Wie reagieren wir als SupervisorInnen darauf? Wir können uns auf bewährte Haltungen verlassen: Zuhören und Verstehen. Oft hilft dies schon, denn in einem auf Ergebnisse polarisierten Arbeitsalltag kann das Verstehen und Ertragen ambivalenter Gefühle eine enorme Erleichterung sein. Unsere Selbstreflexion unterstützt uns darin, unsere Suggestions- oder Manipulationstendenzen so gering wie möglich zu halten oder sie wenigstens so transparent wie möglich zu machen. Möglicherweise stoßen solche Haltungen zuerst auf Unverständnis, weil SupervisandInnen stärkere Dosen, sprich mehr Führung gewohnt sind.

Womöglich klingelt uns SupervisorInnen dieser Ruf nach Eindeutigkeit auch ständig in den Ohren. Immer wieder produzieren wir neue Verfahren, die oft nur neue Namen auf Aufklebern sind oder werden zunehmend zu Managern des Machens, indem wir neue Lösungsansätze propagieren, statt das vermeintlich oder tatsächlich Unvereinbare, Uneindeutige zu ertragen. Meist sind es die Letzten in der Kette, die ihrem Klientel oder den tatsächlichen Produktionsbedingungen nicht entfliehen können und entsprechende Situationen ertragen müssen (zu wenig oder erschöpftes Personal, Langzeitkranke, traumatisiertes Klientel). Demokratie und Kapitalismus passen konzeptionell auch nicht zusammen, und wir leben trotzdem damit. Die Frage ist viel mehr, wie wir dies tun. Dazu kann unser Berufsstand, betreffend Menschen in Arbeitsprozessen, einen reflektierten und reflektierenden Beitrag leisten. (Roma)

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Das Prä-Manipulative und das Post-Faktische

Aug 15 2017

Als Supervisorinnen und Supervisorin fühlen wir uns der Aufklärung verpflichtet, falls wir nicht das Manipulative dem Verstehenden vorziehen. Um verstehen zu können, bedarf es einer Motivation, das Faktische in seiner objektiven Gestalt und seiner subjektiven Auffassung – das Zweitgenannte schon einen Übergang zum Bewertenden – zu erfassen. Was bedeutet in diesem Zusammenhang das Post-Faktische? Gemeint ist, einen Fakt im Nachhinein in einen anderen um zu erklären. Dies ist natürlich nicht möglich, denn indem es so geschehen ist, bleibt es Fakt. Ein neues Faktum entsteht durch die Person, welche das entstandene Faktum umzudeuten sucht. Der Begriff „post-faktisch“ suggeriert, allein schon, indem er dafür erfunden wurde, dass sich an den Tatsachen selber etwas verändert hätte. Verändert haben sich aktuelle Tendenzen bezüglich Manipulation, zum Beispiel die Grundhaltung eines US-amerikanischen Präsidenten, dem Faktischen gegenüber, die Berichterstattung in den Medien oder vorschnelle Bewertungen.

Die Zeit vor der Aufklärung war von der Leugnung und Umdeutung von Tatsachen geprägt, und Diktatoren jeglicher Couleur wissen, dies zu nutzen. Eigentlich erhoffen sie sich, so manipulieren zu können, dass sie damit die gewünschten Fakten herbeiführen. So arbeitet auch die Werbung, wenngleich etwas sanfter. Ein Beispiel aus der Politik sind Handelsabkommen wie CETA und TTIP. Nachweislich schaffen sie kaum neue Arbeitsplätze, geben aber Firmen wie beispielsweise Monsanto, welche Produkte für die Landwirtschaft herstellt, die nachweislich krebserzeugend sind, die Möglichkeit, zu klagen, falls ihr Giftmittel Glyphosat verboten würde. Denn nicht Monsanto muss nachweisen, dass seine Produkte nicht krebserzeugend sind, sondern kann auf Geschäftsschädigung klagen, wenn der Nachweis nicht erbracht wurde, dass sie es sind, und zwar in lebensbedrohendem Maß. Dies schafft ein paralleles Rechtssystem für Konzerne gegen BürgerInnen. Das sog. Post-Faktische ist also der Versuch, neue Fakten zu schaffen, wenn das Prä-Manipulative nicht gelungen ist.

Weder Diktatoren, noch dem Faschistoiden zugeneigte Machthaber in einer Demokratie fallen vom Himmel. Sie kommen aus der Mitte einer Gesellschaft, welche die Aufklärung vernachlässigt und die Manipulation gewähren lässt. Der Positivismus bereitet den Weg für Manipulation und Suggestion. Mit Auf- oder Abwertungen von Fakten, welche bewusst ausgewählt, verniedlicht, aufgebläht, falsch wieder gegeben, verdreht, verschwiegen, verleumdet, verharmlost, unterdrückt unvollständig wiedergegeben werden, von denen abgelenkt wird, lassen sich gewünschte Ergebnisse herbei führen. Die Fülle von nicht zu verarbeitenden Informationen in ihrer Multikausalität tragen zur Krise der Aufklärung weiter bei. Die diffizile Möglichkeit der Deutung ist zur primitiven Deutungshoheit verkommen.

Die Möglichkeiten, uns zu entziehen und in eine Wüste zu flüchten oder zu Menschen weitab der Zivilisation, wo das Leben sich noch in seiner natürlichen Ordnung abspiele, gibt es nicht mehr, hat es so wohl nie gegeben. Nahezu überall auf der Welt können wir auf Touristen oder Terroristen treffen. Die Alternativen zu diesem manipulierten Leben werden zunehmend auf primitive oder brutale Weise agiert, oder sie gedeihen in den Köpfen als Fantasie einer besseren Welt. Als billigen Ersatz gibt es immer noch das Fernsehen und zunehmend das Internet. Möglicherweise wird diese virtuelle, schöne, ´neue` Welt die faktische oder reale bald weitgehendst ersetzen. Wir entwickeln uns allmählich zurück in ein Zeitalter der Antiaufklärung, nicht etwa finster, sondern bunt, schrill, maßlos und im Rausch.  (Roma)

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Am Strand

Mai 18 2017

Während einer Kurzreise ans Meer lernte Herr K am Strand einen Mann kennen, der sich auch über Farbe und Form der Wolken wunderte. Sie kamen miteinander ins Gespräch, und wie das so ist, ein Thema folgte dem anderen, und der Mann erzählte Herrn K von seinem Beruf, er schreibe Reden. Dies interessierte Herrn K, und er wollte wissen, um welcher Art Reden es sich handele. Es ginge um politische Reden, gab ihm der Mann bereitwillig Auskunft. Herr K folgerte daraus, der Mann arbeite für eine Partei, aber dieser widersprach und erklärte, er nehme Aufträge von Menschen aller Parteien an, die im Bundestag vertreten seien. Darüber dachte Herr K eine Zeit lang nach, während die Wolken am Abendhimmel neue Formationen bildeten.

Ob er denn für eine bestimmte Politik stünde? fragte er dann den Mann. Das sei nicht so, antwortete dieser sofort. Die Menschen, für die er arbeitete, teilten ihm ihre Wünsche und Erwartungen mit, und er schreibe für sie die entsprechenden Reden. Er mache dies schon seit einigen Jahren, ergänzte er noch. Er habe einen guten Ruf und deshalb wendeten sich Leute aus allen Parteien an ihn.

Für Herrn K war eine solche Haltung nicht verständlich. Aber brauche er denn nicht selbst eine klare politische Einstellung, um überzeugende Reden schreiben zu können, wandte er ein. Ganz im Gegenteil! antwortete ihm der Mann. Um eine Rede zu schreiben, welche die Zuhörer auch erreicht, brauche er einen klaren Kopf, um heraus zu finden, was zu ergänzen oder wegzulassen sei, welche Schlagworte wichtig, welche besser wegzulassen seien, um zum Ziel zu gelangen. Dazu sei die eigene Einstellung nur hinderlich.

Aber könne er denn gegen seine eigene Überzeugung handeln? fragte Herr K rundheraus. (Er war etwas empört.)

Das möge jetzt verwunderlich klingen, meinte der Mann, denn offen gesagt, er habe selbst gar keine politische Überzeugung, oder er bilde sie sich, je nach Situation, immer wieder neu. Im Prinzip sei es doch so, dass alle Parteien, zumindest die etablierten, mehr oder weniger dieselbe Politik vertreten würden, erklärte der Mann selbstsicher. Herr K wollte Einspruch erheben, wartete aber, was dieser weiter auszuführen gedachte. Der Mann wählte ein Beispiel, um zu erklären, was er meinte: Die CDU und auch die FDP würden es aus der Sicht ihrer Wählerklientel sehen. Deshalb wollten sie, dass die Reichen immer reicher würden. Dadurch könnten sie den weniger Begüterten etwas mehr abgeben. Die SPD würde es auch aus der Sicht ihrer Wählerklientel sehen. Sie wollten, dass die Armen etwas mehr hätten, weshalb sie die Reichen reicher werden ließen, damit diese etwas mehr abgeben könnten. Das wolle auch die Linke, nur etwas extremer. Dafür muss die Wirtschaft wachsen. Das wollten alle, auch die Grünen, welche inzwischen Wirtschaftspolitik mit Umweltprojekten zu fördern versuche.

Herr K wollte etwas einwenden, das mit Visionen und Weiterentwicklung der Demokratie zu tun hatte, aber stattdessen fragte er, ob er seinem Gesprächspartner zu nahe treten würde, wenn er ihn fragte, ob er selber wählen ginge.

Selbstverständlich, das sei doch erste Bürgerpflicht, sagte der Mann lachend, und Herr K war sich nicht sicher, ob er es ironisch meinte. Er sei ein typischer Wechselwähler, erklärte der Mann, entscheide immer erst kurz vor der Wahl, welcher Partei er seine Stimme gäbe. Dabei sei entscheidend, welche Vorteile er für sich und seine Lebens- und Berufssituation sähe.

Aber dann würde er doch immer dieselbe Partei wählen, entfuhr es Herrn K spontan.

Dies verhalte sich durchaus nicht so, meinte der Mann, noch immer überlegen lächelnd. Es gäbe immer wieder andere Aspekte, denen er den Vorzug gäbe, zum Beispiel, wer in seinen Augen die bessere Familienpolitik mache, sei wichtig für ihn, weil seine Kinder noch klein seien. Und wenn eine Politik, zum Beispiel Unternehmerpolitik, für die sei dies typisch, zu einflussreich würde, sodass sie den sozialen Frieden stören könnte, würde er eine Partei des Ausgleichs wählen. Klassenkampf verbiete sich, auch von oben nach unten. Diese Zeiten sollten vorbei sein.

Aber so würden die Armen weiterhin ärmer und die Reichen reicher, wandte Herr K nun doch skeptisch ein.

Das stimme in der Tat, pflichtete ihm der Redenschreiber sofort bei. Aber dies gehöre quasi zur politischen Landschaft und sei nicht zu verhindern. Aber man müsse selbstverständlich mögliche Folgeprobleme erkennen und vorsorgen.

Und wie solle das gehen? fragte Herr K.

Brot und Spiele! meinte der Angesprochene. Aber so dürfe man es natürlich niemals nennen. Mit den entsprechenden Ideen und hauptsächlich Formulierungen habe er als Redenschreiber sich zu befassen. Dies sei eine seiner wichtigsten Aufgaben. Herr K erkannte, dass sein Gegenüber es keinen Deut ironisch meinte.

Eine Traurigkeit überkam Herrn K, denn seine politischen Vorstellungen waren offenbar von gestern.

Inzwischen war es dämmrig geworden, und die beiden Männer beobachteten, wie der Mond über dem Meer aufging. (RoMa)

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