Das Prä-Manipulative und das Post-Faktische

Aug 15 2017

Als Supervisorinnen und Supervisorin fühlen wir uns der Aufklärung verpflichtet, falls wir nicht das Manipulative dem Verstehenden vorziehen. Um verstehen zu können, bedarf es einer Motivation, das Faktische in seiner objektiven Gestalt und seiner subjektiven Auffassung – das Zweitgenannte schon einen Übergang zum Bewertenden – zu erfassen. Was bedeutet in diesem Zusammenhang das Post-Faktische? Gemeint ist, einen Fakt im Nachhinein in einen anderen um zu erklären. Dies ist natürlich nicht möglich, denn indem es so geschehen ist, bleibt es Fakt. Ein neues Faktum entsteht durch die Person, welche das entstandene Faktum umzudeuten sucht. Der Begriff „post-faktisch“ suggeriert, allein schon, indem er dafür erfunden wurde, dass sich an den Tatsachen selber etwas verändert hätte. Verändert haben sich aktuelle Tendenzen bezüglich Manipulation, zum Beispiel die Grundhaltung eines US-amerikanischen Präsidenten, dem Faktischen gegenüber, die Berichterstattung in den Medien oder vorschnelle Bewertungen.

Die Zeit vor der Aufklärung war von der Leugnung und Umdeutung von Tatsachen geprägt, und Diktatoren jeglicher Couleur wissen, dies zu nutzen. Eigentlich erhoffen sie sich, so manipulieren zu können, dass sie damit die gewünschten Fakten herbeiführen. So arbeitet auch die Werbung, wenngleich etwas sanfter. Ein Beispiel aus der Politik sind Handelsabkommen wie CETA und TTIP. Nachweislich schaffen sie kaum neue Arbeitsplätze, geben aber Firmen wie beispielsweise Monsanto, welche Produkte für die Landwirtschaft herstellt, die nachweislich krebserzeugend sind, die Möglichkeit, zu klagen, falls ihr Giftmittel Glyphosat verboten würde. Denn nicht Monsanto muss nachweisen, dass seine Produkte nicht krebserzeugend sind, sondern kann auf Geschäftsschädigung klagen, wenn der Nachweis nicht erbracht wurde, dass sie es sind, und zwar in lebensbedrohendem Maß. Dies schafft ein paralleles Rechtssystem für Konzerne gegen BürgerInnen. Das sog. Post-Faktische ist also der Versuch, neue Fakten zu schaffen, wenn das Prä-Manipulative nicht gelungen ist.

Weder Diktatoren, noch dem Faschistoiden zugeneigte Machthaber in einer Demokratie fallen vom Himmel. Sie kommen aus der Mitte einer Gesellschaft, welche die Aufklärung vernachlässigt und die Manipulation gewähren lässt. Der Positivismus bereitet den Weg für Manipulation und Suggestion. Mit Auf- oder Abwertungen von Fakten, welche bewusst ausgewählt, verniedlicht, aufgebläht, falsch wieder gegeben, verdreht, verschwiegen, verleumdet, verharmlost, unterdrückt unvollständig wiedergegeben werden, von denen abgelenkt wird, lassen sich gewünschte Ergebnisse herbei führen. Die Fülle von nicht zu verarbeitenden Informationen in ihrer Multikausalität tragen zur Krise der Aufklärung weiter bei. Die diffizile Möglichkeit der Deutung ist zur primitiven Deutungshoheit verkommen.

Die Möglichkeiten, uns zu entziehen und in eine Wüste zu flüchten oder zu Menschen weitab der Zivilisation, wo das Leben sich noch in seiner natürlichen Ordnung abspiele, gibt es nicht mehr, hat es so wohl nie gegeben. Nahezu überall auf der Welt können wir auf Touristen oder Terroristen treffen. Die Alternativen zu diesem manipulierten Leben werden zunehmend auf primitive oder brutale Weise agiert, oder sie gedeihen in den Köpfen als Fantasie einer besseren Welt. Als billigen Ersatz gibt es immer noch das Fernsehen und zunehmend das Internet. Möglicherweise wird diese virtuelle, schöne, ´neue` Welt die faktische oder reale bald weitgehendst ersetzen. Wir entwickeln uns allmählich zurück in ein Zeitalter der Antiaufklärung, nicht etwa finster, sondern bunt, schrill, maßlos und im Rausch.  (Roma)

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Am Strand

Mai 18 2017

Während einer Kurzreise ans Meer lernte Herr K am Strand einen Mann kennen, der sich auch über Farbe und Form der Wolken wunderte. Sie kamen miteinander ins Gespräch, und wie das so ist, ein Thema folgte dem anderen, und der Mann erzählte Herrn K von seinem Beruf, er schreibe Reden. Dies interessierte Herrn K, und er wollte wissen, um welcher Art Reden es sich handele. Es ginge um politische Reden, gab ihm der Mann bereitwillig Auskunft. Herr K folgerte daraus, der Mann arbeite für eine Partei, aber dieser widersprach und erklärte, er nehme Aufträge von Menschen aller Parteien an, die im Bundestag vertreten seien. Darüber dachte Herr K eine Zeit lang nach, während die Wolken am Abendhimmel neue Formationen bildeten.

Ob er denn für eine bestimmte Politik stünde? fragte er dann den Mann. Das sei nicht so, antwortete dieser sofort. Die Menschen, für die er arbeitete, teilten ihm ihre Wünsche und Erwartungen mit, und er schreibe für sie die entsprechenden Reden. Er mache dies schon seit einigen Jahren, ergänzte er noch. Er habe einen guten Ruf und deshalb wendeten sich Leute aus allen Parteien an ihn.

Für Herrn K war eine solche Haltung nicht verständlich. Aber brauche er denn nicht selbst eine klare politische Einstellung, um überzeugende Reden schreiben zu können, wandte er ein. Ganz im Gegenteil! antwortete ihm der Mann. Um eine Rede zu schreiben, welche die Zuhörer auch erreicht, brauche er einen klaren Kopf, um heraus zu finden, was zu ergänzen oder wegzulassen sei, welche Schlagworte wichtig, welche besser wegzulassen seien, um zum Ziel zu gelangen. Dazu sei die eigene Einstellung nur hinderlich.

Aber könne er denn gegen seine eigene Überzeugung handeln? fragte Herr K rundheraus. (Er war etwas empört.)

Das möge jetzt verwunderlich klingen, meinte der Mann, denn offen gesagt, er habe selbst gar keine politische Überzeugung, oder er bilde sie sich, je nach Situation, immer wieder neu. Im Prinzip sei es doch so, dass alle Parteien, zumindest die etablierten, mehr oder weniger dieselbe Politik vertreten würden, erklärte der Mann selbstsicher. Herr K wollte Einspruch erheben, wartete aber, was dieser weiter auszuführen gedachte. Der Mann wählte ein Beispiel, um zu erklären, was er meinte: Die CDU und auch die FDP würden es aus der Sicht ihrer Wählerklientel sehen. Deshalb wollten sie, dass die Reichen immer reicher würden. Dadurch könnten sie den weniger Begüterten etwas mehr abgeben. Die SPD würde es auch aus der Sicht ihrer Wählerklientel sehen. Sie wollten, dass die Armen etwas mehr hätten, weshalb sie die Reichen reicher werden ließen, damit diese etwas mehr abgeben könnten. Das wolle auch die Linke, nur etwas extremer. Dafür muss die Wirtschaft wachsen. Das wollten alle, auch die Grünen, welche inzwischen Wirtschaftspolitik mit Umweltprojekten zu fördern versuche.

Herr K wollte etwas einwenden, das mit Visionen und Weiterentwicklung der Demokratie zu tun hatte, aber stattdessen fragte er, ob er seinem Gesprächspartner zu nahe treten würde, wenn er ihn fragte, ob er selber wählen ginge.

Selbstverständlich, das sei doch erste Bürgerpflicht, sagte der Mann lachend, und Herr K war sich nicht sicher, ob er es ironisch meinte. Er sei ein typischer Wechselwähler, erklärte der Mann, entscheide immer erst kurz vor der Wahl, welcher Partei er seine Stimme gäbe. Dabei sei entscheidend, welche Vorteile er für sich und seine Lebens- und Berufssituation sähe.

Aber dann würde er doch immer dieselbe Partei wählen, entfuhr es Herrn K spontan.

Dies verhalte sich durchaus nicht so, meinte der Mann, noch immer überlegen lächelnd. Es gäbe immer wieder andere Aspekte, denen er den Vorzug gäbe, zum Beispiel, wer in seinen Augen die bessere Familienpolitik mache, sei wichtig für ihn, weil seine Kinder noch klein seien. Und wenn eine Politik, zum Beispiel Unternehmerpolitik, für die sei dies typisch, zu einflussreich würde, sodass sie den sozialen Frieden stören könnte, würde er eine Partei des Ausgleichs wählen. Klassenkampf verbiete sich, auch von oben nach unten. Diese Zeiten sollten vorbei sein.

Aber so würden die Armen weiterhin ärmer und die Reichen reicher, wandte Herr K nun doch skeptisch ein.

Das stimme in der Tat, pflichtete ihm der Redenschreiber sofort bei. Aber dies gehöre quasi zur politischen Landschaft und sei nicht zu verhindern. Aber man müsse selbstverständlich mögliche Folgeprobleme erkennen und vorsorgen.

Und wie solle das gehen? fragte Herr K.

Brot und Spiele! meinte der Angesprochene. Aber so dürfe man es natürlich niemals nennen. Mit den entsprechenden Ideen und hauptsächlich Formulierungen habe er als Redenschreiber sich zu befassen. Dies sei eine seiner wichtigsten Aufgaben. Herr K erkannte, dass sein Gegenüber es keinen Deut ironisch meinte.

Eine Traurigkeit überkam Herrn K, denn seine politischen Vorstellungen waren offenbar von gestern.

Inzwischen war es dämmrig geworden, und die beiden Männer beobachteten, wie der Mond über dem Meer aufging. (RoMa)

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Vertrauen

Mrz 21 2017

Einen Großteil meiner Einkäufe erledige ich im Fachhandel. Den Rest besorge ich im nahen Supermarkt. Diese Kette wirbt wie die anderen auch bei allen möglichen Gelegenheiten um mein Vertrauen. Sie informieren nicht, sie preisen mir nur an, wie gut sie angeblich sind. Dies soll mir, dem Kunden, genügen, beziehungsweise mein Vertrauen wecken oder gar festigen. Lebensmittelskandale verursachen andere Firmen, deren Waren zwar in dieser Supermarktkette angeboten werden, die diese aber nicht zu verantworten hat. Umgekehrt wird mir als langjährigem Kunden nie vertraut. Jeder Schein, mit dem ich an der Kasse bezahlen will, wird erst unter Zuhilfenahme einer kleinen Maschine auf seine Echtheit hin überprüft. Dafür soll ich dem Nahkauf dankbar sein, erfahre ich doch, ob ich ein Betrüger bin oder nicht, bzw. bisher habe ich immer die Bestätigung erfahren, dass ich keiner bin. Die Angestellten an der Kasse werben um mein Verständnis, wenn ich nachfrage, denn sie sind von der Firmenleitung dazu verdonnert, meinen Schein zu prüfen. Sollte ich ein getarnter Kontrolleur des Konzerns sein, droht ihnen Rauswurf, wenn sie meinen Schein nicht geprüft haben. Aber mehr als ein- oder zwei Mal mögen sie meine freundlich angekündigte Versicherung, der Schein sei echt, nicht hören und wirken genervt oder drohen mir, ich solle mich an das halten, was üblich sei.

Szenenwechsel: Die Student*innen eines Masterstudiengangs ,Supervision, Coaching…‘ (ich weiß nicht mehr, was noch alles) wollten ein Bewerbungsgespräch mit mir führen, um zu prüfen, ob ich als Lehrsupervisor für ihre Gruppe in Frage käme. Ich erklärte, ich führe keine Bewerbungs-, sondern nur Kontraktgespräche und erläuterte auch, was ich darunter verstehe. Daraufhin hat mich die Uni ohne Angabe von Gründen von ihrer Liste gestrichen. Nach meiner Erfahrung ist es für Teams selbstverständlich, Kontraktgespräche zu führen. Die sie beschäftigenden Institutionen tun sich oft schwerer damit, weil sie es gewohnt sind, den größten oder gar einzigen Einfluss auf das Ziel zu haben.

Ein namhaftes Fortbildungsinstitut bot mir eine Supervision in einem Kurs „Strategisches Management“ an. Nach kurzer Überlegung habe ich abgelehnt, denn ich habe kein Vertrauen, dass strategisches Management Leiter*innen sozialer Einrichtungen gut für ihre Aufgabe qualifiziert. Außerdem haben Manager, die überwiegend strategisch operieren, in der Vergangenheit zu oft versagt. Sicher, es kommt immer auch darauf an, wie es verstanden und angewandt wird. Aber ich finde, es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel, was Managementaufgaben und -haltungen angeht. Leider musste ich erst so alt und unabhängig werden und so viel Selbstvertrauen entwickeln, um mir eine solche Haltung zu gestatten. Vom Saulus zum Paulus musste ich zu meinem Glück nicht werden. (Ein Schriftgelehrter und womöglich ein Pharisäer bleibe ich wohl.) Die Jungen haben es da wesentlich schwerer. Sie sind schon mit strategischem Management, Selbstoptimierung und einseitigen Abhängigkeiten berufssozialisiert. (RoMa)

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Was ist normal und wer ist es nicht?

Feb 26 2017

Was den Intelligenzquotienten angeht, gilt als normal, wer genau bei 100 liegt, wer also bei 99, ist drunter, wer bei 101 drüber. Folglich wären nur wenige Menschen normal intelligent.

Dass Rechtsextreme und Neofaschisten das 1. Amt in einem Staat ausüben, wird immer normaler. Die Personen selbst, zum Beispiel der amerikanische Präsident, sind häufig nicht normal. Die Quote des Gebrauchs von Abwehrmechanismen, wie von Anna Freud erforscht und beschrieben, dürfte bei ihm extrem hoch sein.

Dass die Grundhaltungen bezüglich Supervision und Coaching immer weiter auseinander gehen, ist inzwischen normal. Normal, bzw. beschlossen ist mittlerweile auch, dass es einen Bundesverband für Supervision und Coaching gibt. Dass der Markt die Qualität sichere, halte ich zwar für Blödsinn, gilt aber vielen Fachleuten längst als normal. Aber es gibt inzwischen bestimmt neuere Verfahren, um das eine ruhigen Gewissens zu tun, ohne das andere lassen zu müssen. Kommt darauf an, welchem Herrn gerade gedient, pardon, welche Dienstleistung gerade erbracht wird. Ich bin mir noch nicht sicher, welchem Abwehrmechanismus dabei der Vorrang gegeben wird, der Verleugnung oder der Kompromissbildung. Denen, die vorwiegend Andere etwas lehren, was zumeist den neuesten Gepflogenheiten des Zeitgeistes entspricht, halten es womöglich mehr mit der Rationalisierung. Das ist normal.

Dass Abschiebegefängnisse jetzt Ausreisezentren heißen sollen, als würden die Menschen in die Folterkammer in den Urlaub fahren, ist zum Glück noch nicht eingenormt. Die Tendenz, Sprache als Kampfmunition zu benutzen, hingegen schon. Selbst das offensichtlich nicht Existierende erhält einen Namen, als sei es faktisch.

Dass ein Vorstandsmitglied eines Unternehmens 57-mal so viel „verdient“ wie ein durchschnittlicher Beschäftigter, ist normal, bei VW bekommt ein Spitzenmanager 141-mal so viel. Dass die SPD mehr Gerechtigkeit will, wird zunehmend als normal angesehen. (Ich erinnere an meinen Beitrag von Sept. 2016.)

Den Mittelfinger zu zeigen, gilt als nicht normal, Waffen nach Saudi Arabien zu schicken schon.

Wir reden von einem Deutschen Volk, obwohl es keines gibt. Gemeint sind die Menschen, welche Staatsbürger dieser Nation sind. Das steht so (ganz normal) im Grundgesetz. Trotzdem meinen einige Mitbürger-innen, es sei normal, das Volk wieder völkisch zu interpretieren und so zu tun, als gäbe es eine deutsche Ethnie. Ja, wo sind wir, bzw. in welchem Jahrhundert leben wir denn?

Argumentiere ich polemisch? Aber ja, das ist doch normal.

Vorgestern besuchte ich eine Ausstellung, die sich mit dem Lebenswerk Rene Magritte‘s beschäftigt. Ein Bild sieht ganz offensichtlich so aus, als sei dort eine Pfeife abgebildet. Darunter steht in französischer Sprache geschrieben: Dies ist keine Pfeife. (RoMa)

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Populismus

Jan 30 2017

Sagt der eine Junge zum anderen Jungen auf dem Schulhof: „Blödmann!“ Ruft der andere Junge zurück: „Selber Blödmann!“

Diese rüde Metapher halte ich durchaus für populistisch.

Populismus wird definiert als opportunistische Politik, die Gunst der Massen zu gewinnen. (Wikipedia) Diese spärliche Definition fasse ich so auf, als ob wenig von der Bezeichnung als solcher ausgeht, während sie im Alltag ständig in wertender, gar beschimpfender Weise gebraucht, jede Menge in sie hinein gelegt wird. Diese Tendenz, wenig bis nichts ausdrückende Begrifflichkeiten aufzublähen, begegnet mir ständig in den Medien, und sie offenbaren sich auch als Kennzeichen des Neoliberalismus (konkurrenzfähig, zukunftsfähig). Dies hängt auch damit zusammen, dass wir zwar von Informationen überflutet werden, diese aber nur verkürzt, unvollständig, aus- oder umgewertet vermittelt werden. (Das Wort Vermittlung suggeriert ja schon eine wertende Verkürzung.) Unter Politikern und anderen populären Personen oder solchen, die dafür gehalten werden, ist seit längerem eine Neigung zu beobachten, hauptsächlich, wenn sie vor Mikrophone treten, zuerst einen Sachverhalt zu bewerten – das ist gut oder richtig –, bevor sie ihn beschreiben. (Wenn sie dies denn tun.) In den letzten Tagen geht wie selbstverständlich die Bezeichnung „Gefährder“ durch die Medien, ohne zu erklären, wer dies denn sei. (Der Begriff stammt wohl aus der Geheimdienstsprache und ist juristisch nicht zu definieren.)

Offensichtlich wird eine Bezeichnung wie Populismus nicht gebraucht, um etwas differenzierter oder genauer zu bezeichnen, sondern eher, um etwas zu verkürzen, womöglich auch, zu verschleiern oder zu verzerren, um das eigene Ziel, oft nicht benannt, zu erreichen oder den politischen Gegner daran zu hindern, seines zu erreichen. Damit erweist sich das Tun selber als nicht nur trivial, sondern auch niederträchtig.

Bei Frau Petry von der AfD gipfelte diese Tendenz darin, den historisch aufgeladenen Begriff „völkisch“ neu definieren zu wollen. Darin zeigt sich ein gefährlicher Hang, auch beim neuen US-Präsidenten zu beobachten, Sachverhalte einfach zu leugnen und die eigene, als Wahrheit bezeichnete Bewertung darüber zu legen. (Viktor Klemperer hat seinerzeit in seinem Buch LTI die Sprache der Nazis beschrieben.)

Dieser Missbrauch von Sprache führt zu einer Spaltung der Gesellschaft, also, wer angeblich die Wahrheit sage, also wer sie in Besitz genommen hat, und wer eben nicht. Sog. Parteien wie der AfD schaden diese Spaltungen weniger, wie an den jüngsten Verbalattacken von Herrn Höcke und deren Folgen zu erkennen ist, im Gegenteil, sie gehören zu deren Selbstbild und binden ihre unterschiedliche Anhängerschaft (Neonazis und solche, die es nicht wahrhaben wohl, dass es sich um welche handelt.)

Es ist also dringend geboten, umfassender zu informieren, differenzierter den eigenen Standpunkt zu begründen und Fairness wieder als eine Tugend zu begreifen. Der neue SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidat Martin Schulz hat den Populisten den Kampf angesagt. Ich wünschte, er würde es nicht bei der Ansage belassen und damit beginnen, diesen Begriff zukünftig aus seinem Vokabular zu streichen. (Roma)

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Gut oder nicht gut?

Dez 23 2016

Finden Sie Supervision gut oder nicht gut? Nein, nein, irgendwas dazwischen gilt nicht, Sie müssen sich schon entscheiden. Wenn Sie Supervision nicht gut finden, entgeht Ihnen möglicherweise etwas, zum Beispiel, Ihre Berufspraxis zu reflektieren. Oder Ihre Motivation leidet, wenn Ihr Arbeitgeber darauf besteht, dass Sie an einer Supervision teilnehmen. Meist kommt dann auch tatsächlich nichts von Erkenntnis dabei heraus. Finden Sie Supervision hingegen gut, erfahren Sie meist Bestätigung, es sei denn, Ihr Arbeitgeber möchte (an der Supervision) sparen. Es kann Ihnen auch passieren, dass Sie, statt zur Praxisreflexion, zu Verhaltensänderungen oder -korrekturen aufgefordert werden oder sich mit zweifelhaften Managementverfahren oder Ressourcenmodellen abmühen müssen, die das letzte Quäntchen Arbeitskraft aus Ihnen heraus pressen sollen.

Eigentlich beinhaltet Supervision das Gegenteil dessen, was heute üblich geworden ist, nämlich eine differenzierte Betrachtungsweise. Sind Sie zum Beispiel für Europa, wird Ihnen die ganze menschenverachtende Politik, welche die EU zurzeit betreibt, mit untergeschoben. Äußern Sie Kritik gegenüber der EU-Politik, werden Sie schnell in eine extremistische Ecke gestellt. Für Alles gibt es Bezeichnungen, die kategorisch bewerten, aber so gut wie nichts beschreiben, meist enden sie mit -ist. Menschen verlernen es zunehmend, oder haben es nie gelernt, ihre Gefühle zu erkennen und zu beschreiben, sich eine Meinung zu bilden und diese zu vertreten, sich aufzuklären, bevor sie etwas bewerten (posten genannt). Sie orientieren sich lieber an einem Ranking. Eine aggressiv verbreitete Quantität ersetzt die Qualität des eigenen Denkens. Das Faktische steht auf dem Kopf, indem eine Realität propagiert oder hergestellt wird, deren Zusammenhänge (noch) gar nicht erfasst sind.

Die Chance von Supervision kann darin bestehen, eine bescheidene Alternative zu Facebook, App und sonstigem Gezwitscher anzubieten. Selbst denken und reflektieren, statt sich vorschreiben zu lassen, wie wir etwas finden sollen. Dazu müssten sich Supervisor*innen allerdings darauf besinnen, Reflexion statt manipulativer Verfahren anzubieten. (Roma)

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Wohlstand – Sei ohne Sorge

Dez 02 2016

Wohlstand ist offensichtlich aus zwei Wörtern zusammengesetzt: Es geht um das Wohl und das Stehen. Sich wohl zu fühlen ist ein eindeutig angenehmes Gefühl, und ich assoziiere damit etwas Weiches und Flauschiges. Früher wurde häufig das poetisch klingende Gegensatzpaar „Wohl und Wehe“ verwendet, um die Extreme zu verdeutlichen. Der Stand dagegen fühlt sich fest an, gleichsam die ideale Grundlage, womöglich sogar Bedingung für das Wohl. Zugleich klingt dieser Begriff althergebracht und nebulös, will gar nicht in die heutige politische und gesellschaftliche Landschaft passen. Mit einiger Fantasie könnte man es so verstehen, dass Geld oder Besitz eine gute Basis seien, um sich wohl zu fühlen, aber es ist nicht alles, oder wir müssen selbst noch etwas mehr oder anderes tun, um uns wohl zu fühlen.

Dieses Wechselseitige oder Doppeldeutige in diesem zusammen gesetzten Begriff löst eine Spannung aus. Könnten wir uns zum Beispiel auch wohl fühlen, wenn wir keinen Stand hätten? Müssten wir hungern, hätten kein Dach über dem Kopf, litten an Krankheiten, die wir aus Mangel an Geld nicht heilen könnten, wäre es mit dem Wohlfühlen vorbei. Andererseits, wenn wir nur Geld scheffeln und keine menschlichen Beziehungen pflegten, würden wir seelisch verkümmern. Womöglich könnten wir die Waage einigermaßen ins Gleichgewicht bringen, indem wir genug haben, um unsere existenziellen Bedürfnisse zu befriedigen, um damit genügend Zeit zum Wohlfühlen zu haben. Um über das passende Maß entscheiden zu können, bräuchten wir ein starkes und autonomes Selbstbewusstsein, denn wir können nicht hoffen, dass sich dieser Zustand von selbst ergibt oder von außen einnormen lässt. Wir müssten auch ertragen, dass andere Menschen völlig anderer Ansicht über dieses Maß sind oder uns das unsere nicht gönnen. Zudem werden wir von unserer Außenwelt zumeist nicht als Individuen, sondern als Kunden und Konsumenten betrachtet. Deshalb wird uns in der Werbung, aber auch versteckt und mit subtileren Mitteln selbst in den Fernsehnachrichten suggeriert, diese Waage komme niemals ins Gleichgewicht, oder dies sei schlicht ein himmlisches Vergnügen, womit wir erst belohnt werden, wenn wir auf Erden genügend geleistet haben. Wir sollen also einerseits mehr konsumieren und uns nicht durch bescheidene Mittel und eine ebensolche Lebensweise wohlfühlen, weil dies als asozial gilt, indem es dem Wirtschaftswachstum nicht förderlich ist, andererseits, meist bezogen auf Erwartungen, die nicht dem unmittelbaren Konsum dienen, sollen wir bei Bedarf den sprichwörtlichen Gürtel enger schnallen. (Solche Vorschläge werden nicht selten von Menschen mit breitem Gürtel propagiert.)

Eine Partei hat einmal auf einem Plakat zu einer Wahl mit „Wohlstand für Alle“ geworben. Sie wurde dafür sofort heftig angegriffen. Dies sei unanständig weil unrealistisch, denn es könnten gar nicht Alle zu Wohlstand kommen. Es wurde nicht so offen gesagt, gemeint war aber, dass der Wohlstand, sprich Reichtum der Einen, die Armut der Anderen begründet. Die Vertreter dieser Partei hatten offenbar vergessen, dass einer der ihren, Ludwig Erhard, ein Buch mit eben diesem Titel verfasst hatte. Dasselbe in einem Werbeslogan zu behaupten, gilt nicht als unanständig, im Gegenteil, fördert es doch den Konsum und damit den Geldfluss, der nötig ist, um dieses System am Laufen zu halten. Aus diesem Grund galt es auch lange als chic, Schulden zu machen. Aber irgendwann wird dies gefährlich, denn die Zinsen und Zinseszinsen werden immer höher. Also sollen Staaten jetzt möglichst keine Schulden mehr machen. Oder sie sollen dann bremsen, wenn das Geld an Bedürftige gehen soll, die es einfach verbrauchen, ohne dass Nennenswertes auf den Markt zurück fließt.

Wir sollen uns also immer wohl fühlen, indem wir konsumieren, aber gleichzeitig niemals richtig, damit wir nicht aus diesem Kreislauf ausbrechen oder zumindest autonomer werden. Aus diesem Grund gilt der Individualismus als überholt (postmodern), wird gar als egoistisch verschrien.

Erinnern Sie sich noch an das Gedicht „Reklame“ von Ingeborg Bachmann (1956)?

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille

eintritt

(Roma)

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Die Qualität des Marktes oder: Die Liberalisierung des Marktes ist ihr Gegenteil

Okt 07 2016

Die Frage scheint banal, aber was ist dies eigentlich nach heutiger Definition, ein Markt? Global betrachtet ist auch nicht von einem, sondern von dem Markt die Rede, als sei nur noch einer übrig geblieben. Lassen sich die Produkte, welche auf diesem Markt verkauft werden, und die wir als Konsumenten oder Verbraucher erstehen, vergleichen? Die Waren, die wir erwerben, waren, bevor wir sie käuflich erstehen können, bereits einem Konkurrenz- und Verteilungskampf ausgesetzt. Möglicherweise sind sie gar nicht angefertigt worden, weil sich ihre Herstellung, auch auf Grund ihrer (guten) Qualität, gar nicht lohnte, denn Qualität ist bekanntlich teuer in der Herstellung. Oder eine größere Firma mit minderwertigen Produkten hat eine kleinere Firma mit hochwertigen Produkten aufgekauft, um ihre minderwertigen Produkte besser verkaufen zu können. Wenn Neoliberale also davon sprechen, dass sich der Markt durchsetzen wird, soll sich dies so anhören, als handelte es sich um die Qualität des Produktes, das sich durchsetzen würde. Man könnte aber auch zu dem Schluss gelangen, dass dieser Markt schon vorher so manipuliert wurde, dass es gar keiner mehr ist. Der Wettbewerb bezieht sich, wenn es denn einer sei, nicht wie auf einem herkömmlichen Markt oder einem Bazar auf die Qualität des Produktes, sondern auf die Finanzstärke des Unternehmens. Folglich ist der Markt gar keiner, sondern es handelt sich um ein Finanzgeschäft. Die Vielfalt bezieht sich auf die Produktnamen und deren Marktwert, weniger auf die Produkte selbst, während die tatsächliche Differenzierung bei den Käuferschichten stattfindet. Kennen Sie einen Arbeitslosen, der sich einen neuen Porsche oder Mercedes leisten kann? Die Vertreter dieses Marktes suggerieren, es ginge darum, die Wirtschaft, den Markt zu stärken und frei fließen zu lassen. Stattdessen höhlen sie ihn systematisch aus und schwächen ihn damit nachhaltig, indem er denkbar kontrolliert und unfrei fließt. Den Schaden haben wir Verbraucher, indem wir auf dem Markt nur die Produkte erstehen können, welche der Finanzbranche Gewinne verspricht, immer häufiger manipulierte, gesundheitsschädigende und von minderer Qualität. Deshalb bevorzuge ich, was Lebensmittel angeht, Wochenmärkte mit Produkten vom Erzeuger.

Der Supervisionsmarkt erweitert sich auch durch neue Produkte, Formate genannt. Wenn in anderen Branchen bereits der rein technische und methodische Charakter vertuscht werden soll, brüsten sich die Vertreter dieser gern mit Technikbezeichnungen und Anglizismen. Konzept oder Theorie, das klingt doch trocken und nach Schule. Wann versteht sich Supervision nur noch als Mittel zum Zweck? Und was ist der Zweck? Womöglich die weitere Liberalisierung des Marktes? (RoMa)

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Gerechtigkeit – ein Mythos

Sep 05 2016

In Gerechtigkeit steckt das Wort Recht. Möglicherweise bezog sich die Bezeichnung ursprünglich weder auf soziale, noch auf politische Zusammenhänge, sondern allein auf die Anwendung des Rechts, beziehungsweise es wurde zwischen den unterschiedlichen Bedeutungen nicht differenziert. Gerecht konnte sein, allein in dem das Recht angewendet, also Jemand angeklagt, eine Sache als justiziabel angesehen wurde. Schon zu diesem Zeitpunkt kann die Machtfrage konfrontierend gestellt werden, indem Mittel eingesetzt werden können, die sich nicht Jede-r leisten kann, um einen Sachverhalt zu verbergen oder zu vertuschen, um eine Rechtsprechung von vorn herein zu verhindern, oder, indem bestimmte Personen oder Gruppen als immun erklärt werden. Auch dürfte es bestimmten Personen oder Gruppen leichter gefallen sein, andere anzuklagen, weil sie die Macht oder Mittel dazu hatten. Kommt es zu einer Anklage und im Folgenden zu einem Urteil, wird als gerecht angesehen, dass der wahre Täter oder die Täterin verurteilt wird. Über das Maß der Strafe kann es schon kein gerechtes Urteil geben, allenfalls ein als angemessen empfundenes, es sei denn, der vorher festgelegte Rahmen für die Strafe für ein diesbezügliches Vergehen wird als Gerechtigkeit akzeptiert.

Je weiter wir uns von der juristischen Situation entfernen, umso eher wird die Gerechtigkeit zu einer Empfindung, zu einem Ideal oder zu einem Mythos. Wir sprechen von einer ausgleichenden Gerechtigkeit, wenn es sich im eigentlichen Sinn gerade nicht um eine handelt, beziehungsweise wir sie längst aufgegeben haben. Ein Schiedsrichter pfeift zum Beispiel einen Elfmeter, der, wie die Fernsehbilder, die, nebenbei gesagt, auch trügen können, also zu zeigen vorgeben, dass es keiner war. Das ist natürlich ungerecht. Später pfeift er gegen die andere Mannschaft auch einen unrechtmäßigen Elfmeter, und dies empfinden wir als ausgleichende Gerechtigkeit, obwohl er eigentlich zweimal Unrecht gesprochen hat. Also können selbst Unrechtsprechung und Gerechtigkeit bezüglich ein und desselben Sachverhalts gleich bewertet werden.

Nun fordert zum Beispiel die SPD in politischen und sozialen Zusammenhängen mehr Gerechtigkeit. Ich finde dies durchaus lobenswert, obwohl ich der Meinung bin, dass dies gar nicht möglich ist, aus dem einfachen Grund, indem Gerechtigkeit von seiner Definition her auf etwas Absolutes zielt. Andernfalls würde man womöglich von Fairness sprechen. Es kann also nicht mehr oder weniger Gerechtigkeit geben. Trotzdem finde ich, Die SPD liegt mit ihrer Forderung richtig, weil unser Wirtschaftssystem gar nicht gerecht funktionieren kann, allein schon, weil sich der Reichtum weniger, durch die Armut vieler begründet. Die Forderung nach Gerechtigkeit ist also eine Forderung nach mehr Ausgleich, mehr Ausgewogenheit oder mehr Umverteilung. Gerade das neoliberale Wirtschaftssystem lebt von der Umverteilung, obwohl diese natürlich anders bezeichnet wird, gleichwohl gilt sie als verpönt, oder soll in diesem Verständnis unter allen Umständen verhindert werden. Es Gerechtigkeit zu nennen, obwohl es keine ist, weshalb der Zusatz, mehr‘ unbedingt gebraucht wird, macht trotzdem Sinn, weil der Begriff unmissverständlich ideologisch aufgeladen ist. Wer sollte etwas gegen mehr Gerechtigkeit haben, und dies auch noch öffentlich behaupten? (Donald Trump vielleicht)

Zudem scheint die Dialektik der Gerechtigkeit zu widersprechen. Sie wäre quasi Synthese ohne These und Antithese oder Über-Ich ohne Ich und Es. Dies bedeutet, dass die Forderung nach mehr Gerechtigkeit, den eigenen Status Quo – also es gibt bereits Gerechtigkeit, aber nicht genug – zunächst in Frage stellt, um einen neuen auszuhandeln. Also formuliert die SPD mit ihrer Forderung eine Antithese. Dies mag ein Grund dafür sein, warum sie sich als Regierungspartei (also auf Seiten der Synthese) so schwer tut. Das Rechte leitet sich natürlich von derselben Begrifflichkeit ab. Auch hier begründet sich die Antithese, indem die SPD ursprünglich das Linke wollte. Dies war oder ist immer wieder eine schwierige Ausgangsposition, weil das Linke, gar das Linkische – man gibt immer das gute, das rechte Händchen – als verpönt, wenn nicht gar als schlecht oder böse galt.

Wenn dieses rechte Tun keiner Begründung mehr gebraucht, also zur Selbstverständlichkeit wird oder schon geworden ist, haben wir es zumindest mit dem Beginn einer Diktatur zu tun. Eine Folge oder eine Voraussetzung ist, die Dialektik der Aufklärung per (struktureller) Gewalt zu beenden. Im Alltag erleben wir oft, dass eine Meinung mit dem Argument begründet wird, etwas sei normal, was bedeutet, diese angebliche Mehrheit der angeblich Normalen handele rechtens, einfach, weil sie einer Mehrheit angehört, während die Anderen, vermeintlich Unnormalen im Unrecht seien. Ein Kennzeichen dieser Diktatur ist die Tatsache, dass Justiz, Medien, Behörden gleichgeschaltet werden, was heißt, die Machthaber bestimmen, was rechtens ist.

Aber ich wollte ja über Gerechtigkeit schreiben. Ich halte sie deshalb für einen Mythos, weil sie auf einen absoluten Zustand, quasi eine Art himmlisches Jerusalem im Diesseits hinzielt. Selbst zu Zeiten des edlen und überaus gerechten Harun al Raschid herrschte große Not und großes Unrecht in der Welt, immer wieder, und erst durch sein Handeln konnte Gerechtigkeit entstehen – natürlich nur vorübergehend. Dies mag als Indiz dafür gelten, warum der Mensch Glaube, Hoffnung und Liebe (nicht unbedingt religiös begründet) braucht, Ideale, womöglich auch, wenn die Zeiten hart sind, Visionen. Der Mythos, so sehr wir auch an längst Vergangenes denken mögen, scheint noch immer, oder immer wieder eine neue Kraft in uns zu schöpfen. Es ist wie nach einem Waldbrand, wenn unmittelbar danach aus der Asche neues Leben geboren wird. Als Willi Brandt forderte, mehr Demokratie zu wagen, begann ich gerade der Kindheit zu entwachsen, aber diese Forderung bewog mich, an den Fortschritt zu glauben, also, dass wir aus der Geschichte lernen und uns zu…, – nun fehlt mir der Ausdruck –, könnte ich sagen …besseren oder zivilisierteren Menschen entwickeln? Dieser Glaube ist mir tüchtig vergangen.

In postmodernen Zeiten geht es nicht mehr darum, das Rechte zu tun, sondern Alle streben zum Mainstream, übersetzt auf die Politik wollen alle Parteien in die Mitte. Es geht also weniger um Werte, sondern mehr um Ziele, zum Beispiel größeren Wohlstand, der durch immer mehr Einfluss erreicht werden soll. Wenn der Einfluss geltend gemacht werden kann, braucht die Macht nicht eingesetzt zu werden. Das Argument, was als rechtens oder gerecht erachtet wird, soll durch die Meinungshoheit ersetzt werden oder noch einfacher durch den Einfluss des Faktischen. Ein Gebäude, einmal angefangen, muss zu Ende gebaut werden, obwohl dies unverhältnismäßig teuer wird, damit es überhaupt einen Nutzen hat, vom Sinn wollen wir schon gar nicht mehr reden.

Es bleibt also das Gefühl für Gerechtigkeit oder ein gefühlsmäßig begründeter Eindruck, zum Beispiel, dass ich oder andere ungerecht behandelt werden, oder dass grundsätzlich zu viel Ungerechtigkeit herrscht. Dies soll nicht bedeuten, da es sich nur um ein Gefühl handelt, es gäbe keine Begründung oder keine Argumente, ganz im Gegenteil, indem Ratio und Emotio miteinander kooperieren, finden sich umso überzeugendere Argumente. Die Gegner werden als Reaktion auf einen Status Quo hinweisen, und an diesem festhalten wollen, den sie selbst definiert haben. Die Herrschaftssprache hat dafür aufgeblasene Phrasen wie ,realitätsfern‘ oder ,nicht konkurrenzfähig‘.

Ungerechtigkeit wird als Zustand erlebt, Gerechtigkeit dagegen ist ein Gefühl oder die situative Erkenntnis eines Gefühls. Gerechtigkeit herrscht niemals auf Dauer. Die guten alten Zeiten, an die wir uns gerne erinnern, waren womöglich Situationen, in denen wir Gerechtigkeit erlebten. Womöglich gilt es, uns diese Situationen als Antriebskraft zu bewahren. Sie unterstützen das Ideal und beleben den Mythos wieder neu. Das alte Wort Quest idealisiert nicht das Ziel oder Ergebnis, sondern die Suche danach in ritterlicher Haltung. Das englische Wort Question – Frage – ließe sich so interpretieren, dass es Sinn macht, die richtigen Fragen zu stellen. Die Antworten darauf erweisen sich in einem dialektischen Sinn nach einiger Zeit als unzureichend, wenn nicht gar als falsch. Es geht also immer wieder um die Suche oder Forderung nach mehr Gerechtigkeit. Natürlich kann dieser widersprochen werden, indem die Natur weder Ethik noch Moral kennt. Demnach ginge es ihr nur ums Überleben. Dies spricht für ein Umweltbewusstsein und umweltfreundliches Handeln, aber nicht unbedingt für den Menschen. Möglicherweise kann der Mensch nur überleben, indem sich seine Zahl in Zukunft verringert. Wir müssten womöglich fähig sein, uns gegen unseren genetisch bedingten Evolutionsauftrag zu richten, um zu überleben. Die Art und Weise, wie wir dies tun, stellt die ethische Frage wieder neu. Auch wenn wir die einzige Spezies auf dieser Erde sein sollten, die ein ethisches Bewusstsein hat, ist es darum ein evolutionär entwickeltes. Indem der Mensch selber aber nicht, im ethischen Kontext betrachtet, besser werden kann oder seine evolutionäre Entwicklung nicht so schnell vonstatten geht, hilft es nur, die Instrumentarien, demokratische, strukturelle, intellektuelle zu differenzieren, um uns möglichst vor Ungerechtigkeiten zu schützen, also im Sinne Willi Brandts, mehr Demokratie zu wagen. (RoMa)

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Deutsche Gesellschaft für Supervision und marktkonforme Trends

Jul 28 2016

Die DGSv wirbt dafür, sich in Deutsche Gesellschaft für Supervision und Coaching umzubenennen. Ich halte es für ein gutes, demokratisches Prinzip, uns Mitglieder zu befragen, ob wir dies wollen oder nicht. Angeblich habe sie sich schon ab 1989 im Bereich der Entwicklung von Coaching eingebracht. Daran kann ich mich als Gründungsmitglied, der sich in den Anfangsjahren an der Entwicklung der DGSv beteiligt hat, nicht erinnern. Vielmehr etablierte sich Coaching hauptsächlich in Profit-Unternehmen, quasi als Gegenmodell zur DGSv, die zu diesem Zeitpunkt noch überwiegend im Sozialbereich engagiert war, wo weniger hohe Honorare bezahlt wurden. Später versuchte sie, bei diesem Geschäftsmodell aufzuspringen.

Ich habe Coaching immer als eine Form von Supervision verstanden und jeweils in den Kontrakten ausgehandelt, was denn genau die Unterschiede zur Supervision als einer Form von Praxisreflexion ausmachen sollten. Hatte ich den Eindruck, die Ziel- und/oder Verhaltensvorgaben behindern die Reflexion der aktuellen Arbeitspraxis der Supervisanden – ich nenne sie noch immer und weiterhin so – oder vermeiden diese, habe ich den Auftrag abgelehnt. So ist mir nicht nur manches lukrative Geschäft entgangen, ich brauchte mich auch nicht mit einigem neoliberalen Unsinn zu befassen.

Das Vorhaben einer Namensänderung treibt meines Erachtens das seit Jahren praktizierte Bauchladenprinzip der DGSv – wir machen bei jedem neuen Markttrend auf dem Beratungsmarkt mit – auf die Spitze. Der Qualität von Supervision wird dies schaden. Außerdem lässt sich an den Skandalen namhafter Großkonzerne ablesen, dass diese nicht an Praxisreflexion oder irgendeiner Form von Aufklärung interessiert sind.

Aus diesen Gründen plädiere ich dafür, beim alten Namen zu bleiben. (RoMa)

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