Ich auch

Okt 08 2018

Ich gehe regelmäßig im Park joggen. Fast immer begegnen mir dieselben Frauen und Männer. Früher winkte ich ihnen kurz zu oder sie mir, wenn sie mich zuerst erkannten. Zumeist erntete ich dazu noch ein Hallo, verbunden mit einem freundlichen Lächeln des Wiedererkennens. Heute winke ich nur noch den Männern. Frauen winken nicht mehr und schauen dazu oft verlegen in eine andere Richtung. Bei Wanderungen verhält es sich ähnlich, wenn mir alleinstehende Frauen begegnen. Ich habe begonnen, selbst in eine andere Richtung zu schauen, um mich keines möglichen Verdachts auszusetzen. Frauen in Gruppen agieren im Gegensatz dazu freundlich. An Rastplätzen kommt es nicht selten zu Gesprächen über die Landschaft und das Wetter.

Vor einigen Tagen bemerkte ich auf dem Weg zum Einkaufen zwei Polizisten, die auf einen älteren Mann in abgerissener Kleidung einredeten. Ich fragte mich, warum sie so unfreundlich zu ihm waren und ihn duzten. Also blieb ich stehen. Sofort blaffte mich einer der Polizisten an, ich sollte hier nicht den Betrieb aufhalten und weiter gehen.

Vor einigen Wochen fuhr ich mit der Bahn von Italien über die österreichische Grenze. In meinem Abteil befand sich eine Gruppe junger Leute, die in ein reges Gespräch über ihr Studium vertieft waren, unter ihnen ein dunkelhäutiger Altersgenosse. Am Brenner hielt der Zug für einige Minuten. Zwei Grenzbeamte kamen in unser Abteil. Sie forderten nur von dem dunkelhäutigen Mann den Pass. Er zeigte seine Papiere vor. Danach führten sie ihn ab.

In einer Kita, in der ich als Supervisor arbeitete, berichtete die Leiterin, dass ein älterer Mann öfter am Zaun gestanden habe, wenn die Kinder bei schönem Wetter im Freigelände spielten. Dies sei ihr nach einiger Zeit unheimlich geworden, und sie habe die Polizei gerufen. „Und was geschah?“ fragte ich. Die Polizei sei gekommen und habe seinen Ausweis kontrolliert. Danach habe sie ihn nie wieder gesehen.

Vor einigen Jahren, bei einem Besuch in den USA, entdeckte ich auf einem Golfplatz solitär stehende, alte Bäume. Am nächsten Tag fuhr ich noch einmal zu der Stelle und brachte meine Kamera mit, denn ich arbeite ich schon seit vielen Jahren an einem Fotoprojekt über Bäume. Ich parkte in einer Nebenstraße und suchte nach günstigen Stellen außerhalb des Geländes, um meine Fotos zu machen. Keine fünf Minuten später hielt ein Polizeiwagen neben mir. Ich musste meinen Ausweis vorzeigen. Danach wurde ich ohne Begründung des Feldes verwiesen.

Mehrere Eltern forderten von der Leitung einer Kita, der dort tätige Erzieher sollte in einer anderen Gruppe eingesetzt werden, denn sie wollten nur weibliche Betreungskräfte. Darauf wollte sie nicht eingehen. Einige Wochen später beschwerte sich ein Elternpaar, der Erzieher habe ihre Tochter unsittlich angefasst. Dies konnte nicht nachgewiesen werden, aber der Erzieher wurde in einer anderen Gruppe eingesetzt.

Im Anzeigenteil meiner Tageszeitung werden regelmäßig Selbstverteidigungskurse angeboten. Vor kurzen wurde im Lokalteil über ein Flirtseminar berichtet. (Roma)

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Immer mehr Tote im Mittelmeer

Aug 21 2018

In den letzten beiden Monaten verloren 721 Menschen auf der Flucht ihr Leben im Mittelmeer. Diese Menschen könnten noch leben, wenn ihnen rechtzeitig geholfen worden wäre. Sie alle hatten ein individuelles Schicksal, eine Biographie, die sich zurückverfolgen ließe. Damit bliebe ihr Schicksal für uns einfühlbar. Wir könnten mit- oder nachfühlen, und sie wären nicht bloß noch eine Zahl, wenn auch eine erschreckende. Wir könnten an die Menschen denken, die leben und auf der Flucht sind, und wir könnten versuchen, ihnen zu helfen.

Sigmund Freud sagte einmal, es gäbe keine Zufälle. Er bezog sich dabei auf das Individuum, das sein Schicksal, bewusst oder unbewusst, gestaltet. Der Zufall oder die Laune der Natur kann mit dem Eintritt in das menschliche Leben nicht mehr alleine herrschen. Das Schicksal der Menschen auf der Flucht besteht auch darin, dass sie eben zufälligerweise in diese oder jene Nation hinein geboren wurden, als Syrer, als Deutsche, als Chinesen, Eritreer oder Afghanen.

Ursprünglich diente die Nation dem Schutz ihrer Bürger. Mittlerweile mutiert sie immer mehr zur Abwehr nach außen. Dieses Verständnis einer Nation ist nicht nur unmenschlich und unchristlich, es zeugt auch von einem primitiven Aberglauben, als stünden den Bürgern der eigenen Nation Privilegien zu, selbst solche, die, jedenfalls indirekt oder billigend in Kauf nehmend, über Leben und Tod entscheiden, an denen die anderen nicht teilhaben dürfen. So haben sich primitive Religionsgemeinschaften, Clans oder Stämme in alten Zeiten definiert. Der Rechtsstaat wird in eben jenem primitiven Mechanismus missbraucht, indem er für die Eigenen und gegen die Anderen genutzt wird. Bis zum institutionalisierten oder strukturellen Rassismus ist es dann nur noch ein kleiner Schritt, bzw. der Rassismus geht im Nationalismus auf. Kapitalismus und Neoliberalismus reihen sich in diesen Kontext insofern ein, indem sie die Menschen nicht als gleich betrachten, wie es Menschenrechte und Grundgesetze vorsehen, oder wie es in einer Demokratie selbstverständlich sein sollte, sondern der Mensch wird nach Leistungsvermögen und Kaufkraft auf- oder abgewertet, eine Art moderner Feudalismus. Selbstverständlich wird dies anders genannt. Nicht mehr das Menschliche oder ethisch-moralische Kriterien sind für eine Entscheidung ausschlaggebend, sondern die Legitimation des Handelns. Zynisch ist von illegitimer Migration die Rede, und es handelt sich nicht um ein Unrecht aus deutscher und europäischer Sicht, Menschen auf der Flucht ertrinken zu lassen. Auf Grund ihrer Nationalität seien gar die Flüchtenden selber im Unrecht, indem sie europäischen Boden betreten. So verwandelt sich Recht in eine archaische Formel, einem primitiven Schamanismus ähnlich. Aufklärung verwandelt sich in Remythologisierung. Wenn Rassisten und Nationalisten das Staatsruder in die Hand nehmen, wird nicht mehr nur unterschieden zwischen Bürgern unterschiedlicher Nationen, oder zwischen Einheimischen und Fremden, denn sie nehmen sich, wenn sie die Macht haben, das Recht, für Unrecht zu erklären, was in ihren Augen anders ist. Deshalb handeln wir nicht nur zwischenmenschlich, wenn wir die Flüchtenden retten oder sie aufnehmen, denn es geht auch um unser eigenes Schicksal. (RoMa)

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Noch einmal*: “postfaktisch”

Jul 08 2018

Es ist schon eine geraume Weile her, da  kürte die Deutsche Gesellschaft für deutsche Sprache das Adjektiv „postfaktisch“ zum Wort des Jahres – und man konnte die Hoffnung haben, dass man es damit irgendwie unbenutzbar gemacht hätte. Dem ist aber nicht so.

Weder das Adjektiv ist verschwunden noch das Phänomen, das es zu beschreiben versucht. Aber auch über Letzteres gibt es keine konsensfähige Sichtweise. Jenseits von „anything goes“ oder „alle Wahrnehmung ist subjektiv“ geht es für mich um eine Haltung, die Fakten einfach nicht zur Kenntnis nehmen will, und sich und andere damit betrügt. Dies kennen wir auch aus unserer supervisorischen Arbeit.

Während in distanzierter Betrachtung – und diese versuchen wir als Supervisor*innen immer wieder einzunehmen – die Fakten deutlich aufscheinen, hindert ein Widerstand unsere Supervisand*innen, dies wahrzunehmen. Die Überzeugung, mit den eigenen Sichtweisen im Recht zu sein oder es selbst besser zu wissen, schützt das Selbstwertgefühl und trübt die Wahrnehmung. Im gesellschaftlichen Bereich erleben wir ähnliches bei Politikern mit größenwahnsinnigen Einstellungen.

Es ist immer eine ziemliche Herausforderung – sowohl in individueller wie gesellschaftlicher Perspektive – sich um Wahrheit zu bemühen und sich ihr anzunähern. (j.k.)

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*RoMa, August 2017

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Wessen Supervision ist das eigentlich

Jun 02 2018

Natürlich könnte ich auch fragen, wem sie gehört, aber ich ziehe den Genitiv vor, weil der Dativ sich auch überall dort breit macht, wo er eigentlich gar nichts verloren hat, oder inhaltlich betrachtet eignet sich Jemand etwas an, von dem zumindest nicht sicher ist, ob es ihr oder ihm tatsächlich gehört. So ließe sich die titelgebende Frage verwerfen oder leicht beantworten, gehört doch die Supervision keinem oder allen Beteiligten.

Das Konkrete wird in einem Kontraktgespräch vor Beginn einer Supervision geklärt. Aber stimmt dies tatsächlich? Möglicherweise sind die Vorbedingungen so festgelegt, dass es sich beim Kontrakt oder Vertrag nur noch um eine Art Ritus handelt, der (formaldemokratisch) suggeriert, es ginge um Mitbestimmung oder Teilhabe. Ist es somit also die Supervision der Institution? Dies läge im Trend und bestätigte auch, dass es in dieser kapitalisierten Gesellschaft wie ein Gesetz anmutet, dass bestimmt, wer bezahlt, sich somit das Recht der Beauftragung und Zielorientierung nimmt. Für die Arbeitnehmer*innen, mittlerweile auch im sozialen Bereich, bleibt die Nische, den von der konkreten Tätigkeit weitgehend abgekoppelten Auftrag in fachliches, professionelles Handeln, also den Anliegen und Bedürfnissen des Klienten, das selber nicht Vertragspartner bezüglich der Supervision ist und deshalb von diesen mit vertreten werden muss, umzugestalten.

Damit die Schere zwischen Geschäft/Auftragsvorgabe einerseits und Klientenorientierung/Fachlichkeit andererseits nicht zu weit auseinander triftet, besteht die Möglichkeit, direkte Vorgesetzte in die Supervision einzubeziehen. Leider sind diese ebenfalls zunehmend von der Geschäftsführung abgekoppelt, beziehungsweise, die Kompatibilität von Geschäft und fachlicher Arbeit triftet durch eine neoliberal ausgerichtete Politik immer weiter auseinander. Die Supervision gestaltet sich bestenfalls in einer reflektierten Kompromissbildung zwischen fachlichem Anspruch, der sich am So-Sein des Klienten orientiert, und den Vorgaben des Managements. Gäbe es selbstorganisierte Supervisionen für berufstätige Mütter mit kleinen Kindern, könnten diese ihren Einfluss hinsichtlich der Ziele und Inhalte im Prozess optimal geltend machen. Aber möglicherweise ist der Preis, dieses hochkomplexe Rollenprofil und diese Menge an Arbeit möglichst optimal handhaben zu können und dabei noch Zeit für persönliche Bedürfnisse zu finden, verdammt hoch. Oder, etwas zynisch betrachtet, machen nicht mehr Supervisor*innen das Geschäft, sondern Coaches und Burnout-Spezialisten.

Sollte es also die Supervision der Supervisorin, des Supervisors sein, die/der sich ein diagnostisches Bild macht, um dann zu entscheiden, welches Setting das Passende ist? Die Kompromissbildung bestünde darin, dass immer noch ein Rest an Ressourcen bei den Beteiligten gefunden wird, der für die Durchführung des Auftrags mobilisiert werden kann, beziehungsweise, es gerade darum ginge, verbrauchte Ressourcen neu zu bilden. Dies braucht natürlich Zeit, die weder vorhanden, noch eingeplant ist. Die Möglichkeiten der Bewahrung oder Prävention haben sich leider aus Sicht der Arbeitnehmer*innen nach wenigen Jahren Berufstätigkeit aus den oben genannten Gründen erledigt, beziehungsweise werden kranke oder grundsätzlich erschöpfte Arbeitnehmer*innen staatlicher Fürsorge übergeben.

So könnten wir zu dem Schluss gelangen, dass sich ab einem bestimmten Punkt Supervision mit Neoliberalismus nicht mehr verträgt. Alternativen können sein, sich einseitig Bedingungen anzupassen, oder sich in einer der oben geschilderten Nischen einzurichten. Formal betrachtet bleibt also Alles beim Alten. Der Kunde bleibt König und weiterhin der ständig Betrogene oder Geprellte. Der Supervisor ist vom Meister des Settings zu dessen dienstleistenden Handlanger mutiert, der seinen Werkzeugkasten (Computer) ständig neu bestücken muss. Aber wir können uns glücklich schätzen – und dies meine ich ernst –, dass wir in einer Demokratie leben, obwohl unvollständig und empfindlich, und eine Supervision prozesshaft ausgerichtet bleibt. Einseitige Besitzverhältnisse laufen dagegen auf einen finalistischen Schluss hinaus, der die Menschheit weiterhin spaltet, in Arme und Reiche, Friedliebende und Kriegführende, Umweltschützende und Umweltausbeutende, Flüchtende und Sesshafte. Bezogen auf die oben gestellte Frage geht es um nichts weniger als die Infragestellung der Besitzstandswahrung und der Schieflage von Machtkonstellationen, und die Wiedereinführung von Rollen- und Auftragsdifferenzierung auf der Basis von humaner Wertarbeit. (RoMa)

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Supervision im Zeitalter des Deals

Mai 13 2018

Als Supervisor gehe ich davon aus, dass in Arbeitsprozessen Menschen miteinander kooperieren, die unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse, Werte und Ziele verfolgen. Das ist auch gut so, weil die Differenzen produktiv genutzt werden können und die Organisation wach halten. Unterschiede sind gleichzeitig aber auch mögliche Auslöser für soziale Konflikte.

Insofern geht es nicht nur in Arbeitsprozessen sondern auch bei gesellschaftlichen Fragen immer auch darum, eine Konfliktkultur zu entwickeln und zu gestalten, die Differenzen benennt und akzeptiert, zu verstehen sucht und verhandelt. Diskussion, Verhandlung und Konsensbildung sind nicht zu ersetzende Bestandteile von demokratischen Entscheidungsprozesses.

Eine Verhandlung ist etwas anderes als ein „Deal“ – zumindest in unserem Sprachgebrauch. Der Duden schreibt: Deal, der

  1. /umgangssprachlich/ (zweifelhafte) Abmachung
  2. (a) /umgangssprachlich/ (zweifelhaftes) Geschäft (b) /Jargon/ Geschäft, bei dem mit (kleinen Mengen) Rauschgift gehandelt wird.

Bei dem, was man aktuell auf der internationalen politischen Bühne beobachten kann, denkt man häufiger an Druck und Erpressung als an Verhandlung. Es geht darum einen guten „Deal“ zu machen – auch und gerade dann, wenn man bereits verbindlich gemachte Absprachen aufkündigt.

Wenn dies Schule macht, wird es für supervisorische Interventionen schwer. Bleibt die Hoffnung, dass sich Konflikte dauerhaft nicht durch Unterwerfung bewältigen lassen. (j.k.)

 

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Noch einmal: Supervision in unruhigen Zeiten

Mrz 13 2018

Was genau meinen wir, wenn wir von unruhigen Zeiten sprechen?

Unsere Kanzlerin spricht angesichts fallender Börsenkurse von Koalitionsverhandlungen in unruhigen Zeiten und die Daimler AG wappnet sich mit glänzender Bilanz gegen unruhige Zeiten. Wenn die Kinder unruhig sind oder wir auf unruhigen Meeren segeln, befinden wir uns in einem Zustand ständiger unsere Ruhe störender Bewegung. Der unruhige Schlaf und der unruhig laufende Motor verweisen auf Störungen und Unterbrechungen.

Was stört und unterbricht unsere Ruhe in der Arbeitswelt? Da ist zum Einen der extreme Veränderungsschub durch die Digitalisierung, der Arbeitsplätze vernichtet, viele gewachsene berufliche Routinen radikal verändert, Arbeitszeiten räumlich und zeitlich flexibilisiert und nicht zuletzt gesellschaftliche Folgen initiiert, die kaum abzuschätzen sind. Das Smartphone in der Hand bestimmt unser Leben und verbindet uns über die virtuelle Nabelschnur des World Wide Net und mit allem und jedem.

Was ist es, was unser gesellschaftliches Leben so nervös und lärmend gemacht hat? Anscheinen sind wir uns nicht mehr sicher, ob wir unsere Grenzen für Handel, Ideen und Menschen offen halten sollen oder ob nationale Gemeinschaften das Recht haben, sich abzuschotten. Zunehmend verständnislos stehen sich kosmopolitische und national denkende oder libertär und traditionell denkende Bevölkerungsgruppen gegenüber.  Welchen Menschen müssen wir uns moralisch verpflichtet fühlen: allen oder nur jenen, die sich innerhalb der engen Grenzen des Nationalstaates bewegen? Die alte Konfliktlinie zwischen „links“ und „rechts“ scheint zu verwischen.

Liberale Demokratien scheinen sich in einer Autoritätskrise zu befinden. Institutionen werden nicht mehr als bindend anerkannt und Expertise wird ignoriert. Viele Bürger haben genug von Experten und stellen sich gegen deren Urteil. In der Brexit-Entscheidung der Briten aus dem Jahre 2016 zeigt sich auf exemplarische Weise, wie die Einschätzungen von Experten kein Gehör mehr finden. Alles nur fake news? Unsere Tätigkeit als Beraterinnen und Berater trifft dies direkt.

Mit Blick auf die unruhigen Zeiten wollen die Supervisionstage 2018 Impulse geben, den eigenen professionellen  Kompass im Gespräch mit anderen vielleicht neu zu justieren. (j.k.)

Informationen zur Tagung http://fis-supervision.de/wp-content/uploads/2017/11/FiS-Supervisionstage_2018.pdf

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Ritus und Spiel

Feb 03 2018

Der Ethnologe Claude Levi-Strauss (1908 – 2009) hat den wechselvollen Zusammenhang von Spiel und Ritus erforscht. Demnach entwickeln sich Riten häufig aus einem spielerischen Zusammenhang, zum Bespiel Festspiele, die zu Ehren einer höheren Macht aufgeführt werden. In vielen Fällen löst der Ritus das Spiel vollends ab, beziehungsweise wird aus ethisch-moralischen Gründen streng von diesem getrennt (Heilige Messe). In modernen Zeiten haben Riten an Attraktivität verloren, während Spiele einen hohen Unterhaltungswert besitzen. Zum Beispiel besuchen wesentlich mehr Menschen regelmäßig ein Fußballstadion als einen Gottesdienst.

In der Marktwirtschaft spricht man gern vom freien Spiel der Kräfte oder von spielerisch ausgetragenen Wettbewerben. Tatsächlich handelt es sich bei der ständig wiederholten Forderung nach Wachstum jedoch mehr um ein Mantra (Ritus), denn um eine wissenschaftlich belegte Erkenntnis. Die Parallelität zum Ritus zeigt sich auch darin, dass sie vom Ergebnis aus auf das Mittel schlussfolgert. Wenn der Schamane oder der Priester unter Zuhilfenahme eines erprobten Rituals den Regen herbei fleht, wird er es dann auf dieses zurückführen, wenn der Regen schließlich fällt. Ähnlich denken und handeln Wirtschaftsweisen, die ein Wachstum auf ihr ritualisiertes Handeln zurückführen. Im ersten Fall werden die Gläubigen auf Grund ihres Gebets, im zweiten die Arbeitnehmer auf Grund ihres Schaffens um ihren Beitrag am Erfolg geprellt.

Unmerklich wird das Spielerische selbst in postmodernen Zeiten (wieder) von der Macht des Ritus beherrscht. Die Regeln und ihre Anwendung bei einem Fußballspiel sind ein aktueller Beleg dafür. Selbst die Priester, Pardon Schiedsrichter, wissen nicht genau, wie die Regel anzuwenden oder zu interpretieren, das Ritual zu vollziehen ist. Zunehmend wird das ganze Procedere durch geschickte Auswahlverfahren so gestaltet, dass diejenigen Mannschaften, die über das meiste Kapital verfügen, auch den entsprechenden Erfolg haben. Dadurch fließt wieder mehr Geld in die Kassen, sodass entsprechend gute Spieler gekauft werden können usw. Die sog. Underdogs, welche diese Regel durch ihren gelegentlichen Erfolg vermeintlich widerlegen, wahren zum einen den Schein des fairen, spielerischen Wettbewerbs, zum anderen schaffen sie Heroen (oder gar Fußballgötter), die als Identifikationsfiguren für die Massen den Ritus als solchen stabilisieren.

Daraus ließe sich folgern, dass wir in einer Zeit leben, die sowohl von der Aufklärung, als auch von Mythen geprägt ist, oder beide Faktoren in ihrer Dominanz einander abwechseln. Nicht nur Mythos wird zu Aufklärung, umgekehrt wird auch Aufklärung wieder zu Mythos. Wenn wir die Aufklärung nicht als geschichtlich determinierten Prozess, sondern als ein permanentes Ringen um Wissen und Erkenntnis verstehen, ist sie wie die Wiederkehr des Mythos, durch Riten vollzogen, Teil unseres menschlichen Schicksals, deren Wechselwirkungen ständiger Reflexion bedürfen. (RoMa)

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Supervision in unruhigen Zeiten – FiS-Supervisionstage vom 14.-15. April 2018 in Münster

Jan 03 2018

Die Zeiten sind unruhig geworden, unser Lebenstempo wird durch neue technische Möglichkeiten erheblich beschleunigt, die Formen von Arbeit und auch von Kommunikation verändern sich, sie destabilisieren Institutionen und Traditionen. Immer mehr  Lebensbezüge werden durch Markmechanismen reguliert.  Kulturelle Vielfalt erweitert sich.

Während sich das „Außen“ rasant verändert und die Gesellschaft komplexer wird, erleben die meisten Menschen ihr „Innen“ als eigentümlich langsam oder zögerlich.   Ängste angesichts von Modernisierungsprozessen  führen ganz offensichtlich zur Beharrung oder zu rückwärtsgewandten Vereinfachungsstrategien, von denen Menschen sich eine psychische Stabilisierung erhoffen. Angesichts von Abstiegsängsten und schwierigen sozialen Konflikten steht  die klassische soziologische Frage danach, was die Gesellschaft  denn zusammenhält, offenbar wieder auf der Agenda.

Unsere supervisorische Praxis wird von diesen Veränderungen alltäglich erfasst und nicht selten sind wir als Supervisoren und Supervisorinnen in ähnlicher Weise verunsichert wie diejenigen, die auf der Suche nach Begleitung und Unterstützung zu uns kommen. Sozialwirtschaftliche Organisationen stehen unter starkem Wettbewerbsdruck, das Funktionieren rückt  in den Vordergrund und  den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fehlt  die Zeit für eine innere Verarbeitung. Vor diesem Hintergrund  stellen sich Fragen an das supervisorische Konzept  möglicherweise schärfer und eindringlicher.

Die Supervisionstage 2018  wollen Impulse geben,  den eigenen professionellen  Kompass im Gespräch mit anderen vielleicht neu zu justieren und auf neue Herausforderungen einzustellen. Drei zentrale Vorträge sollen dazu Anstöße geben:

  • Gesellschaft und Psyche – eine schwierige Beziehung Prof. Dr. Johann August Schülein (Wien)
  • Selbstreflexion – Überlegungen zum Blick der Supervisandinnen und Supervisanden auf sich selbst Prof. Dr. Bernadette Grawe (Warburg)
  • Mit und ohne Couch – zur klinischen und außerklinischen Bedeutung der Psychoanalyse Prof. Dr. Zwiebel (Kassel)

Informationen zur Tagung finden sich auf der Website www. fis-supervision.de (j.k.)

 

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Von der gar nicht so merkwürdigen Begebenheit des Konsumverzichts

Dez 01 2017

Konsumverzicht: Herr K kannte das Wort zwar, aber er benutzte es niemals. Er erlebte sich als sparsam, andere hielten ihn womöglich für etwas geizig, aber nicht in der Weise, die häufig als geil bezeichnet wird. Also leistete Herr K schon Konsumverzicht, bevor das Wort noch mehr als die Tatsache in aller Munde war. Nachhaltigkeit und die Senkung des Cholesterinspiegels als Produkt hatten wir bereits hinter uns.

Zuerst sprachen antikapitalistische Aussteiger und einige Gesellschaftswissenschaftler darüber. Dann entdeckte die alternative Politik das Phänomen, mehr als Kampfbegriff, denn als wirklicher Alternative. Erst als größere Teile der Bevölkerung sich ernstlich und faktisch mit Konsumverzicht beschäftigten, wurden die Politik, die Boulevardpresse und vor allem die Nahrungsmittelindustrie aufmerksam. Ähnlich der vormaligen Neiddebatte starteten Arbeitgeberverbände und ein großes Boulevardblatt, das sich für eine Zeitung hielt, eine Diffamierungskampagne gegen die als Hungerleider bezeichneten Alternativen. Das Gegenteil wurde erreicht, bei den Betroffenen jagte ein Adrenalinschub den nächsten – offenbar im Stammhirn durch häufigeren Konsumverzicht ausgelöst – und der Begriff wurde prall mit Energie und Ideologie aufgeladen. Jetzt sprang auch die große Politik auf den Zug auf, der schon gewaltig Fahrt aufgenommen hatte, denn es musste der Verlust von Wählerstimmen befürchtet werden. Die CDU und ihre Schwesterpartei CSU legten einen Streit über die konkrete Umsetzung bei. Einzig die FDP als typische Klientelpartei hielt sich lange zurück, weil sie die Konsumverzichter nicht als ihre Klientel betrachtete. Aber das Blatt sollte sich schnell wenden. Ähnlich wie bei der Nachhaltigkeit musste nun das Wort Konsumverzicht bei jedem zweiten Satz in den Mund genommen werden. Nach der nächsten Bundestagswahl wurde eigens ein Ministerialbeamter des Wirtschaftsministeriums für das neue Ressort bereitgestellt. Herr K wunderte sich.

Der Konsumverzicht sorgte bei großen Teilen der Bevölkerung für ein gutes Bauchgefühl. Ähnlich dem Black Friday wurde ein Sweet Thursday eingerichtet. Der gleichnamige Roman von John Steinbeck schoss in den Bestsellerlisten kometenhaft nach oben, obwohl sich die Bezeichnung ein Werbefachmann ausgedacht hatte, der weder von dem Schriftsteller, noch von dem Buch je gehört hatte. Und nicht nur der Donnerstag wurde versüßt. Es entstand eine völlig neue Produktpalette, bestehend aus alternativen Nahrungsmitteln, alternativer Kleidung, Dragees, Konsumverzichtswellnessoasen, Sportgeräten und vielem mehr. In diesem Zusammenhang wurde auch das Faulenzen wieder entdeckt. Sogar ein eigenes Logo wurde für Produkte des Konsumverzichts entwickelt, damit sie leichter erkannt und konsumiert werden konnten. Es wurden Ratgeber geschrieben, Vorträge gehalten, und das Thema fand Eingang in den Lehrplan der gymnasialen Mittelstufe. Ganze Betriebszweige befassten sich mit Produkten des Konsumverzichts, und Siemens stellte die eben erst entlassenen Arbeiter wieder ein, stattete sie allerdings nur mit Zeitarbeitsverträgen aus. Selbst die Deutsche Gesellschaft für Supervision und Coaching forderte die Ausbildungsinstitute auf, den Konsumverzicht neben kreativem Faulenzen in die Ausbildung zu integrieren. Einige Schlauberger, zu denen auch Herr K gehörte, behaupteten nun, der Konsumverzicht würde zu mehr Konsum als vorher führen. Deshalb wurde der Begriff erweitert, er hieß nun richtiger Konsumverzicht, wie ein Hattrick beim Fußball immer lupenrein und eine gute Satire immer bitterböse ist. (Roma)

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Handlungsdruck und Reflexion

Nov 06 2017

In den letzten Jahren erlebe ich es zunehmend, dass SupervisandInnen aus der Sozial- und Pflegearbeit häufig gestresst und in Zeitnot zur Supervision kommen und diese ebenso verlassen, weil der nächste Termin bereits wartet. Die Supervision auf einen anderen Zeitraum zu verschieben, kostet noch mehr Ressourcen, die insgesamt so knapp bemessen sind, dass sie an anderer Stelle umso mehr fehlen, oder das Klientel darunter leidet, was nicht selten zur Folge hat, dass sich Bedürftigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten, die eigentlich bearbeitet werden sollen eher verstärken und mehr Zeit und Energie in Anspruch nehmen. Von daher leidet die Konzentration der Teilnehmenden in der Supervision oder ist mit Unlustgefühlen verbunden. Der Handlungsdruck spiegelt sich insofern wider, indem es viel Unverarbeitetes zuerst einmal abzuladen, weniger zu reflektieren gilt. Zum Anderen werde ich als Supervisor aufgefordert, auf den Handlungsdruck mit Handlungsalternativen und Lösungsangeboten zu reagieren.

Die Fragen „Wie verstehe ich etwas?“ – nie gestellt – und „Was mache ich jetzt?“ werden dabei häufig synonym verstanden. In Teams mit jüngeren Leuten wird Reflexion oft vage als Nachdenken über, vielmehr aber als flexibles Handeln verstanden, weil schon bei Studium und Ausbildung ausschließlich Handlungs- als Lösungsansätze favorisiert werden. Ein Innehalten wird allenfalls als meditativer Appell oder als Ressourcenmodell verkauft. Natürlich wird nicht reflektiert, woher die dafür verwendeten Ressourcen genommen werden. Bei Managementtechniken wird ähnlich verfahren. Und zum Reflektieren ist schlicht keine Zeit, weil diese zum Handeln gebraucht wird.

Damit ist die Supervision ihres eigentlichen Sinns beraubt, weshalb der Markt sich mit ständig wechselnden, alternativen Handlungsmodellen aufbläht, beziehungsweise das Coaching als Handlungslenkungsmethode immer mehr an Bedeutung gewinnt. Tatsächlich passt es auch besser zu einem agierenden, auf Ergebnis und Gewinn hin polarisierten Markt, in den soziale Arbeit zunehmend einbezogen wird. Der Sinn einer Arbeit definiert sich über dessen finanziellen Gewinn und wird auf diese Weise wieder als Wert in den Markt eingespeist. Deshalb darf es nicht verwundern, dass zum Beispiel AltenpflegerInnen noch schlechter bezahlt werden als KrankenpflegerInnen und beide Berufsgruppen unter schlechten Bedingungen hart arbeiten müssen, denn ihr Klientel bringt keine Leistung (mehr), das schlimmste Vergehen in einer Leistungsgesellschaft.

Zudem wird die Notsituation des Klientels und der unmittelbar mit ihnen Arbeitenden gar nicht mehr erfasst, geschweige denn verstanden, sondern angebliche Verbesserungen am grünen Tisch nach falschen Kriterien ausgedacht und von oben nach unten weiter gegeben. Der Supervisionsmarkt versucht, möglichst an diese Einflussstellen zu gelangen, um beim Input und dem Raubbau letzter ungenutzter Ressourcen mitzumischen und überlässt die weniger gut honorierte Arbeit an der Basis den Anfängern. Denn auch im Supervisions- und Coachingmarkt gilt: Je weiter weg von der Basisarbeit, je höher hinauf, umso unbefriedigender die Konzepte in ihrer praktischen Anwendung und umso besser die Honorare.

Was also tun? (Diese Frage stelle ich jetzt auch.) Weiter dem Markt hinterher hecheln? Den Reflexionsansatz auf Hochglanzpapier drucken und coachen? Darauf warten, dass wieder der Mensch und nicht mehr die Ware zählt? Sich eine fachliche Nische suchen? In den Ruhestand gehen?

Ich werde auch mit Anderen darüber reflektieren und eine Entscheidung treffen. (Roma)

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