Gerechtigkeit – ein Mythos

Sep 05 2016

In Gerechtigkeit steckt das Wort Recht. Möglicherweise bezog sich die Bezeichnung ursprünglich weder auf soziale, noch auf politische Zusammenhänge, sondern allein auf die Anwendung des Rechts, beziehungsweise es wurde zwischen den unterschiedlichen Bedeutungen nicht differenziert. Gerecht konnte sein, allein in dem das Recht angewendet, also Jemand angeklagt, eine Sache als justiziabel angesehen wurde. Schon zu diesem Zeitpunkt kann die Machtfrage konfrontierend gestellt werden, indem Mittel eingesetzt werden können, die sich nicht Jede-r leisten kann, um einen Sachverhalt zu verbergen oder zu vertuschen, um eine Rechtsprechung von vorn herein zu verhindern, oder, indem bestimmte Personen oder Gruppen als immun erklärt werden. Auch dürfte es bestimmten Personen oder Gruppen leichter gefallen sein, andere anzuklagen, weil sie die Macht oder Mittel dazu hatten. Kommt es zu einer Anklage und im Folgenden zu einem Urteil, wird als gerecht angesehen, dass der wahre Täter oder die Täterin verurteilt wird. Über das Maß der Strafe kann es schon kein gerechtes Urteil geben, allenfalls ein als angemessen empfundenes, es sei denn, der vorher festgelegte Rahmen für die Strafe für ein diesbezügliches Vergehen wird als Gerechtigkeit akzeptiert.

Je weiter wir uns von der juristischen Situation entfernen, umso eher wird die Gerechtigkeit zu einer Empfindung, zu einem Ideal oder zu einem Mythos. Wir sprechen von einer ausgleichenden Gerechtigkeit, wenn es sich im eigentlichen Sinn gerade nicht um eine handelt, beziehungsweise wir sie längst aufgegeben haben. Ein Schiedsrichter pfeift zum Beispiel einen Elfmeter, der, wie die Fernsehbilder, die, nebenbei gesagt, auch trügen können, also zu zeigen vorgeben, dass es keiner war. Das ist natürlich ungerecht. Später pfeift er gegen die andere Mannschaft auch einen unrechtmäßigen Elfmeter, und dies empfinden wir als ausgleichende Gerechtigkeit, obwohl er eigentlich zweimal Unrecht gesprochen hat. Also können selbst Unrechtsprechung und Gerechtigkeit bezüglich ein und desselben Sachverhalts gleich bewertet werden.

Nun fordert zum Beispiel die SPD in politischen und sozialen Zusammenhängen mehr Gerechtigkeit. Ich finde dies durchaus lobenswert, obwohl ich der Meinung bin, dass dies gar nicht möglich ist, aus dem einfachen Grund, indem Gerechtigkeit von seiner Definition her auf etwas Absolutes zielt. Andernfalls würde man womöglich von Fairness sprechen. Es kann also nicht mehr oder weniger Gerechtigkeit geben. Trotzdem finde ich, Die SPD liegt mit ihrer Forderung richtig, weil unser Wirtschaftssystem gar nicht gerecht funktionieren kann, allein schon, weil sich der Reichtum weniger, durch die Armut vieler begründet. Die Forderung nach Gerechtigkeit ist also eine Forderung nach mehr Ausgleich, mehr Ausgewogenheit oder mehr Umverteilung. Gerade das neoliberale Wirtschaftssystem lebt von der Umverteilung, obwohl diese natürlich anders bezeichnet wird, gleichwohl gilt sie als verpönt, oder soll in diesem Verständnis unter allen Umständen verhindert werden. Es Gerechtigkeit zu nennen, obwohl es keine ist, weshalb der Zusatz, mehr‘ unbedingt gebraucht wird, macht trotzdem Sinn, weil der Begriff unmissverständlich ideologisch aufgeladen ist. Wer sollte etwas gegen mehr Gerechtigkeit haben, und dies auch noch öffentlich behaupten? (Donald Trump vielleicht)

Zudem scheint die Dialektik der Gerechtigkeit zu widersprechen. Sie wäre quasi Synthese ohne These und Antithese oder Über-Ich ohne Ich und Es. Dies bedeutet, dass die Forderung nach mehr Gerechtigkeit, den eigenen Status Quo – also es gibt bereits Gerechtigkeit, aber nicht genug – zunächst in Frage stellt, um einen neuen auszuhandeln. Also formuliert die SPD mit ihrer Forderung eine Antithese. Dies mag ein Grund dafür sein, warum sie sich als Regierungspartei (also auf Seiten der Synthese) so schwer tut. Das Rechte leitet sich natürlich von derselben Begrifflichkeit ab. Auch hier begründet sich die Antithese, indem die SPD ursprünglich das Linke wollte. Dies war oder ist immer wieder eine schwierige Ausgangsposition, weil das Linke, gar das Linkische – man gibt immer das gute, das rechte Händchen – als verpönt, wenn nicht gar als schlecht oder böse galt.

Wenn dieses rechte Tun keiner Begründung mehr gebraucht, also zur Selbstverständlichkeit wird oder schon geworden ist, haben wir es zumindest mit dem Beginn einer Diktatur zu tun. Eine Folge oder eine Voraussetzung ist, die Dialektik der Aufklärung per (struktureller) Gewalt zu beenden. Im Alltag erleben wir oft, dass eine Meinung mit dem Argument begründet wird, etwas sei normal, was bedeutet, diese angebliche Mehrheit der angeblich Normalen handele rechtens, einfach, weil sie einer Mehrheit angehört, während die Anderen, vermeintlich Unnormalen im Unrecht seien. Ein Kennzeichen dieser Diktatur ist die Tatsache, dass Justiz, Medien, Behörden gleichgeschaltet werden, was heißt, die Machthaber bestimmen, was rechtens ist.

Aber ich wollte ja über Gerechtigkeit schreiben. Ich halte sie deshalb für einen Mythos, weil sie auf einen absoluten Zustand, quasi eine Art himmlisches Jerusalem im Diesseits hinzielt. Selbst zu Zeiten des edlen und überaus gerechten Harun al Raschid herrschte große Not und großes Unrecht in der Welt, immer wieder, und erst durch sein Handeln konnte Gerechtigkeit entstehen – natürlich nur vorübergehend. Dies mag als Indiz dafür gelten, warum der Mensch Glaube, Hoffnung und Liebe (nicht unbedingt religiös begründet) braucht, Ideale, womöglich auch, wenn die Zeiten hart sind, Visionen. Der Mythos, so sehr wir auch an längst Vergangenes denken mögen, scheint noch immer, oder immer wieder eine neue Kraft in uns zu schöpfen. Es ist wie nach einem Waldbrand, wenn unmittelbar danach aus der Asche neues Leben geboren wird. Als Willi Brandt forderte, mehr Demokratie zu wagen, begann ich gerade der Kindheit zu entwachsen, aber diese Forderung bewog mich, an den Fortschritt zu glauben, also, dass wir aus der Geschichte lernen und uns zu…, – nun fehlt mir der Ausdruck –, könnte ich sagen …besseren oder zivilisierteren Menschen entwickeln? Dieser Glaube ist mir tüchtig vergangen.

In postmodernen Zeiten geht es nicht mehr darum, das Rechte zu tun, sondern Alle streben zum Mainstream, übersetzt auf die Politik wollen alle Parteien in die Mitte. Es geht also weniger um Werte, sondern mehr um Ziele, zum Beispiel größeren Wohlstand, der durch immer mehr Einfluss erreicht werden soll. Wenn der Einfluss geltend gemacht werden kann, braucht die Macht nicht eingesetzt zu werden. Das Argument, was als rechtens oder gerecht erachtet wird, soll durch die Meinungshoheit ersetzt werden oder noch einfacher durch den Einfluss des Faktischen. Ein Gebäude, einmal angefangen, muss zu Ende gebaut werden, obwohl dies unverhältnismäßig teuer wird, damit es überhaupt einen Nutzen hat, vom Sinn wollen wir schon gar nicht mehr reden.

Es bleibt also das Gefühl für Gerechtigkeit oder ein gefühlsmäßig begründeter Eindruck, zum Beispiel, dass ich oder andere ungerecht behandelt werden, oder dass grundsätzlich zu viel Ungerechtigkeit herrscht. Dies soll nicht bedeuten, da es sich nur um ein Gefühl handelt, es gäbe keine Begründung oder keine Argumente, ganz im Gegenteil, indem Ratio und Emotio miteinander kooperieren, finden sich umso überzeugendere Argumente. Die Gegner werden als Reaktion auf einen Status Quo hinweisen, und an diesem festhalten wollen, den sie selbst definiert haben. Die Herrschaftssprache hat dafür aufgeblasene Phrasen wie ,realitätsfern‘ oder ,nicht konkurrenzfähig‘.

Ungerechtigkeit wird als Zustand erlebt, Gerechtigkeit dagegen ist ein Gefühl oder die situative Erkenntnis eines Gefühls. Gerechtigkeit herrscht niemals auf Dauer. Die guten alten Zeiten, an die wir uns gerne erinnern, waren womöglich Situationen, in denen wir Gerechtigkeit erlebten. Womöglich gilt es, uns diese Situationen als Antriebskraft zu bewahren. Sie unterstützen das Ideal und beleben den Mythos wieder neu. Das alte Wort Quest idealisiert nicht das Ziel oder Ergebnis, sondern die Suche danach in ritterlicher Haltung. Das englische Wort Question – Frage – ließe sich so interpretieren, dass es Sinn macht, die richtigen Fragen zu stellen. Die Antworten darauf erweisen sich in einem dialektischen Sinn nach einiger Zeit als unzureichend, wenn nicht gar als falsch. Es geht also immer wieder um die Suche oder Forderung nach mehr Gerechtigkeit. Natürlich kann dieser widersprochen werden, indem die Natur weder Ethik noch Moral kennt. Demnach ginge es ihr nur ums Überleben. Dies spricht für ein Umweltbewusstsein und umweltfreundliches Handeln, aber nicht unbedingt für den Menschen. Möglicherweise kann der Mensch nur überleben, indem sich seine Zahl in Zukunft verringert. Wir müssten womöglich fähig sein, uns gegen unseren genetisch bedingten Evolutionsauftrag zu richten, um zu überleben. Die Art und Weise, wie wir dies tun, stellt die ethische Frage wieder neu. Auch wenn wir die einzige Spezies auf dieser Erde sein sollten, die ein ethisches Bewusstsein hat, ist es darum ein evolutionär entwickeltes. Indem der Mensch selber aber nicht, im ethischen Kontext betrachtet, besser werden kann oder seine evolutionäre Entwicklung nicht so schnell vonstatten geht, hilft es nur, die Instrumentarien, demokratische, strukturelle, intellektuelle zu differenzieren, um uns möglichst vor Ungerechtigkeiten zu schützen, also im Sinne Willi Brandts, mehr Demokratie zu wagen. (RoMa)

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Deutsche Gesellschaft für Supervision und marktkonforme Trends

Jul 28 2016

Die DGSv wirbt dafür, sich in Deutsche Gesellschaft für Supervision und Coaching umzubenennen. Ich halte es für ein gutes, demokratisches Prinzip, uns Mitglieder zu befragen, ob wir dies wollen oder nicht. Angeblich habe sie sich schon ab 1989 im Bereich der Entwicklung von Coaching eingebracht. Daran kann ich mich als Gründungsmitglied, der sich in den Anfangsjahren an der Entwicklung der DGSv beteiligt hat, nicht erinnern. Vielmehr etablierte sich Coaching hauptsächlich in Profit-Unternehmen, quasi als Gegenmodell zur DGSv, die zu diesem Zeitpunkt noch überwiegend im Sozialbereich engagiert war, wo weniger hohe Honorare bezahlt wurden. Später versuchte sie, bei diesem Geschäftsmodell aufzuspringen.

Ich habe Coaching immer als eine Form von Supervision verstanden und jeweils in den Kontrakten ausgehandelt, was denn genau die Unterschiede zur Supervision als einer Form von Praxisreflexion ausmachen sollten. Hatte ich den Eindruck, die Ziel- und/oder Verhaltensvorgaben behindern die Reflexion der aktuellen Arbeitspraxis der Supervisanden – ich nenne sie noch immer und weiterhin so – oder vermeiden diese, habe ich den Auftrag abgelehnt. So ist mir nicht nur manches lukrative Geschäft entgangen, ich brauchte mich auch nicht mit einigem neoliberalen Unsinn zu befassen.

Das Vorhaben einer Namensänderung treibt meines Erachtens das seit Jahren praktizierte Bauchladenprinzip der DGSv – wir machen bei jedem neuen Markttrend auf dem Beratungsmarkt mit – auf die Spitze. Der Qualität von Supervision wird dies schaden. Außerdem lässt sich an den Skandalen namhafter Großkonzerne ablesen, dass diese nicht an Praxisreflexion oder irgendeiner Form von Aufklärung interessiert sind.

Aus diesen Gründen plädiere ich dafür, beim alten Namen zu bleiben. (RoMa)

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Verstehen

Mai 17 2016

Je größer, einflussreicher und mächtiger Institutionen und Konzerne werden, desto mehr bilden sie sich ihre eigene Realität (ein). Mangelnde Kontrolle von Seiten der Behörden tragen ein Übriges zu Missmanagement, Skandalen und Gesetzesverstößen bei. So reagieren Autokonzerne, allen voran VW als Branchenführer auch, was kriminelle Energie angeht, als handele es sich um Vergehen einiger Einzelpersonen, – die berühmten, schwarzen Schafe – und als bedürfe es einer minimalen, technischen Korrektur, und Alles sei wieder wie vorher. Sie kennen diese Haltung, wenn Sie früher Monopoly gespielt haben, und alle teuren Hotels ergattert hatten. Bei kleinen Institutionen sind die Vorgaben von außen so eng gesetzt, dass selbstbestimmtes Handeln nur noch sehr beschränkt möglich ist.

Als Supervisor habe ich zwar keine institutionelle Macht, aber ich übe durch meine (andere) Sichtweise eine Art Kontrollfunktion aus. Manchmal überfallen mich Fremdheitsgefühle, wenn ich in einer Einrichtung neu einen Auftrag übernehme. Es scheint so, als sehe nur ich etwas (dazwischen), was die Anderen nicht sehen, oder Alle sehen es, finden es aber selbstverständlich oder haben resigniert. Kinder in eine Krippe müssen dort sein, ob sie wollen oder nicht. Die Eingewöhnungsphase verkommt von einer konzeptionellen Idee zu einer Maßnahme, weil sie in irgendeiner Weise klappen muss und wenn doch nicht, trägt das Kind die Folgen. Es fühlt sich selbst und seiner Umwelt entfremdet. Die Fragen, wann und wie Kinder in diesem Alter zu anderen Kindern Kontakt aufnehmen, wann sie in einer Gruppe leben möchten oder können, stellen sich, wenn überhaupt, nur sekundär. Kinderarbeit ist verboten. Aber Kinder in unserer Gesellschaft sind gezwungen, schon kurz nach der Geburt Anpassungsleistungen zu erbringen, welche für sie Schwerstarbeit bedeuten. Dies wird als ganz normal angesehen. Damit die Erwachsenen beruhigt sind, soll es spielerisch aussehen, aber allzu oft ist es bitterer Ernst.

Als Supervisor muss ich immer wieder meine Haltung in Frage stellen. Möglicherweise gehöre ich zu den wenigen Personen, die ihren Zweifel nicht verdrängen oder verleugnen (müssen). Dadurch bin ich in einer fragilen, aber auch privilegierten Situation. Ich muss mich keiner Norm unterwerfen, und meine Anpassungsleistung kann ich immer wieder, auch mit meinem Klientel und meinem Auftraggeber, abwägen. Da Institutionen auch in ihrem ethischen Handeln immer autonomer handeln, beziehungsweise die Schere zwischen ethischer Verkündigung und praktischer Handlung immer weiter auseinander geht, wird meine Aufgabe als Supervisor zunehmend anspruchsvoll. Zudem sollte ich mich nicht verführen lassen, meine Rolle als Aufklärer zu Gunsten der eines Ideengebers, Konzept- oder Methodenspezialisten aufzugeben. Mein Spezialistentum bezieht sich zuerst aufs Verstehen. Diese Haltung finden Sie naiv, weil nicht konkurrenzfähig? Das mag sein, aber Anspruchsvolles war schon immer etwas teurer, beziehungsweise, es kommt mich teurer zu stehen. (Roma)

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Flüchtlings”krise”?

Apr 22 2016

Aus unserer supervisorischen Arbeit wissen wir, dass Konflikte sich nicht ausschließlich aus widersprechenden Positionen speisen. Häufig sind im Hintergrund Rahmungen oder Deutungsmuster wirksam, die nur ausgewählte Facetten als Problem in den Blick nehmen. Die Rahmungen – oder „Frames“ (E. Goffman 1974) – bestimmen, was als Problem definiert wird. Unterfüttert mit impliziten und zumeist unbewussten moralischen Bewertungen werden aus den Problemdefinitionen unverrückbare Positionen. Was als Lösung infrage kommt, ist damit deutlich eingeschränkt.

In der Flüchtlingsdebatte kann man dies exemplarisch beobachten. Um was geht es eigentlich: um wirtschaftliche oder verwaltungstechnische Herausforderungen, um Diversität oder Leitkultur, universelle Menschenrechte oder strafrechtliche Fragen zu Immigration und Integration? Die mitunter heftigen medialen Auseinandersetzungen berühren sich kaum noch und werden dafür immer hysterischer und lauter.

Um differenzierte Sichtweisen zu entwickeln, bräuchte es Zeit. Ich bin aber skeptisch, ob diese zur Verfügung steht. Denn bereits das Reden über eine Flüchtlings“krise“ stellt eine Rahmung dar, die implizit die Notwendigkeit schneller Lösungen transportiert. Die Zeit, sich über mittel- und langfristige Handlungsalternativen zu verständigen, scheint zu fehlen. (j.k.)

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Plutokratie

Mrz 30 2016

Als Plutokratie bezeichnet man trivial die Herrschaft des Geldes. Da Geld nicht herrschen kann, sind es die Besitzenden und ihr bezahltes Gefolge, allen voran die Lobbyisten. Plutokratie ist eine Erscheinungsform der Oligarchie (Herrschaft von Wenigen). Da sie sich gut mit einer formalen Demokratie nicht vereinbaren, sondern verbinden oder neudeutsch “dealen” lässt, braucht es keine Revolution und auch keinen Staatsstreich, um sie einzuführen.

In einer Plutokratie wird bei politischen Entscheidungen nicht zuerst danach gefragt, ob sie sinnvoll, sondern ob sie finanzierbar seien. Wer nicht so denkt oder handelt, gilt als nicht regierungsfähig. Man braucht zu diesem Zweck noch nicht einmal Wählerstimmen zu kaufen, man stellt den politischen Gegner einfach wirtschaftlich kalt, und damit hat er medial auch kaum Chancen, populär zu werden, und wer nicht populär ist, ist auch nicht wählbar. Deshalb braucht der politische Gegner zuerst einmal, wenn überhaupt, keine starken Argumente, sondern er muss auf die Showbühne. Dabei scheitert ein Großteil, denn viele Befürworter der Demokratie und Gegner der Plutokratie mögen zwar gute Argumente haben, aber mit dem Populärwerden kennen sie sich nicht aus.

Populistisch dürfen sie auch nicht agieren, was nicht weit davon entfernt ist, populär zu werden. (Und mit illegalen Drogen dürfen sie sich schon gar nicht erwischen lassen.) Populistisch darf, sollte unbedingt nur die/der sein, welche-r schon populär ist. Womöglich muss sie/er es sogar, um populär zu bleiben. Sollte es der /dem Plutokratiegegner-in trotzdem gelingen, bekannt zu werden, verpasst man ihm oder ihr eine schlechte Presse oder diffamiert sie/ihn, indem man am besten etwas Halbgares, Unkorrektes, Unmoralisches aus dem Privatleben ausgräbt und populistisch vermarktet.

Ich sollte zum Beispiel die Bezeichnung „Plutokratie“ gar nicht verwenden, weil die Nazis dagegen gewettert haben, und diesen Begriff damit unkorrekt beschmutzt haben. Auch wenn ich völlig anders mit diesem Begriff, ohne ihn falsch zu definieren, argumentiere, bin ich selbst schuld, wenn ich in die falsche Schublade gesteckt werde. Auch sollte ich nicht einfach etwas behaupten, wie anerkannte Populisten dies gerne tun. Wenn sie zum Beispiel etwas nicht wollen, sagen sie einfach, es sei nicht konkurrenzfähig oder noch besser, nicht zukunftsfähig. Ich müsste also meine Behauptung, wir näherten uns gefährlich einer Plutokratie, im Gegensatz zu einem Populisten, denn ich bin keiner und will keiner sein, differenziert und mit Beispielen belegen. Dies wird aber langweilig, und womöglich will es kaum Jemand lesen. Aber unser Blog läuft ohnehin keine Gefahr, eine Bedrohung für die Herrschenden darzustellen. Da ist die AfD nach drei Landtagswahlen schon besser dran. Die finde ich richtig gefährlich, weil sie nicht nur braune Unholde, sondern auch rassistische Spießbürger und Plutokratiehelfer in braunen Nadelstreifen in ihren Reihen hat. Die dürfen dies aber nicht öffentlich bekennen, sonst fliegen sie raus, denn das Logo muss sauber und rein sein, was drin ist im Parteiprogramm und in den Köpfen kommt später. Hoffentlich behauptet die AfD nicht, die Erde sei eine Kugel, sonst könnten Schlauberger nicht nur von der CSU auf die Idee kommen, sie sei eine Scheibe. (Roma)

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Die neue, alte Herrschaftssprache – Ein manipulativer Fragenkatalog

Feb 25 2016

Was ist angemessen? Ab wann? Wer misst? Was wird gemessen, was evtl. nicht, und warum ist dies so? Was sind die Messkriterien? Werden sie gleichermaßen angewendet?

Was ist Realpolitik? Oder andersherum gefragt: Was ist keine?

Warum sagen Menschen „Das ist richtig“ oder „Dies ist falsch“, statt “Ich bin der Meinung, das(s)… weil…”?

Warum wird gefightet statt gekämpft, und was bedeutet es, wenn zum Beispiel Fußballspieler fighten und kämpfen?

Warum kämpfen Menschen um die Meinungshoheit statt zu argumentieren? Oder: Warum sollte ein Produkt als gut anzusehen sein, wenn es gut bewertet wurde?

Warum wird häufig etwas bewertet oder gar benotet, bevor frau/man sich ein Bild von dem zu Bewertenden gemacht hat? Welche Kriterien helfen? Welche vermeiden eine klare Sicht auf das Wesentliche? Was ist das Wesentliche?

Ab wann darf etwas als nachhaltig gelten, oder genügt es schon, es als solches zu bezeichnen?

Was bedeutet konkurrenzfähig? Was hat das eine (Konkurrenz) mit dem anderen (Fähigkeit) zu tun? Oder anders gefragt: Sollte das Management eines Unternehmens, das dieses als nicht (mehr) konkurrenzfähig betrachtet oder sich davon bedroht fühlt, nicht etwas tun, um fähiger zu werden, statt seine Mitarbeiter_innen oder deren Gewerkschaft zu bedrohen? Hilft Supervision gegen Bedrohungsgefühle, nicht mehr konkurrenzfähig zu sein? Oder eher Coaching?

Wann ist das Wirtschaftswachstum ausgewachsen? Oder bleibt es immer unerwachsen?

Was meint „behördliches Versagen“? Wer versagt wem was und warum? Warum hat das Versagen für die Versager kaum Folgen?

Warum wird unsere Sprache so gequält, indem Superlative immer weiter gesteigert werden, obwohl dies doch gar nicht möglich ist oder vor das „sehr“ (gut, schlecht, schlimm) noch ein zweites oder gar drittes gesagt wird? Was sollen unsere Kinder über diesen Sprachmissbrauch denken oder Flüchtlinge, die ständig darüber in Kenntnis gesetzt werden, wie wichtig uns die grammatikalisch korrekte, deutsche Sprache ist?

Was muss eine Partei tun oder zumindest politisch korrekt formulieren, um als regierungsfähig angesehen zu werden?

Kann etwas politisch korrekt formuliert, inhaltlich aber rassistisch sein? Warum empören sich Menschen mehr über das unkorrekt formulierte?

Was unterscheidet die Forderung nach einer Reduzierung der Flüchtlinge von der nach der Reduzierung der Flüchtlingszahl?

Warum genügt es nicht, zukunftsorientiert zu sein, als Ideal oder Haltung für sich selbst? Oder: Was ist zukunftsfähig, und wer will dies in der Gegenwart bestimmen? Könnte zukunftsfähig zum Beispiel bedeuten, Flüchtlinge heute auf ihrer Fahrt übers Meer auf wackligen Booten zu retten, um morgen nicht ihr Ertrinken bedauern zu müssen? Und: Sind wir gegenwartsfähig?

Warum werden überhaupt ständig Fähigkeiten propagiert, obwohl wir häufig noch gar keinen Standpunkt darüber gebildet haben, welche wir brauchen oder erlernen wollen? Das klingt, als sollten wir uns an einem Krieg beteiligen, von dem wir noch gar nicht wissen, wer Verbündete und wer Gegner sind.

Was ist ein Wirtschaftsflüchtling? Kann es gelingen, diesen Begriff zu definieren, ohne ein Vorurteil zu bemühen? Kann auch Kapital flüchten? Hat es Fluchthelfer oder sind dabei Schleuserbanden am Werk, sogenannte Kapitalschleuser? Sind womöglich Geldwäscher Wirtschaftsflüchtlinge?

Warum werden Arme als sozial schwach bezeichnet, und warum gelten Internetforen als sozial?

Bei welchen Gelegenheiten wird auf den Rechtsstaat hingewiesen?

Integrationspflicht: Kann es dies geben, oder ist es nicht mehr eine Forderung nach einseitiger Anpassung, wenn nicht gar Unterordnung?

Kann Supervision dazu beitragen, über Herrschaftssprache und seine Wirkung in Alltagssituationen aufzuklären? (Roma)

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Was hat die Natur eigentlich mit uns Menschen geschaffen

Jan 04 2016

Eines ist sicher: Natur kann sich nicht täuschen. In der Evolution geschehen komplexe Vorgänge, die mit der Zeit jede ökologische Nische mit Leben erfüllen. So gibt es auf einer kleinen Seychelleninsel einen Vogel, die Elsterdrossel, die nur dort heimisch ist, auf einer anderen und dort nur in einem Waldgebiet, in dem auch die Doppelkokosnusspalme wächst, einen schwarzen Papagei, der nirgendwo anders auf der Welt vorkommt. Dabei hat Zeit in der Natur eine Dimension, welche die Grenzen unserer Vorstellungskraft berührt.

Wir haben keine Zeit, auch weil wir keine zu verlieren haben. Vor nicht allzu langer Zeit kannten wir noch den Müßiggang. Der im September leider verstorbene Poet und Liedermacher Christof Stählin singt darüber in einem Lied über Joseph, den Freiherrn von Eichendorff.

Die Natur nimmt Umwege, jedenfalls neigen wir dazu, es so zu beschreiben. Zum Beispiel lebte eine kleine Säugetierart im Eozän, also vor mehr als 50 Millionen Jahren, wieder überwiegend im Wasser, aus der später die Wale entstanden. Wir Menschen, Homo Sapiens Sapiens haben uns über viele Umwege aus anderen Menschenarten, die wieder ausgestorben sind, entwickelt und leben noch nicht lange auf der Erde. Dies geschieht häufig in der Natur: Arten kommen und verschwinden wieder, bilden eine Seitenlinie der Evolution, die sich nicht fortentwickelt.

Im Gegensatz zu anderen Spezies leben Menschen nicht in einer ökologischen Nische, sondern haben sich überall auf der Erde verbreitet, selbst in Wüsten und arktischen Zonen. Auch gibt es kein Wesen, das mit ihnen konkurrieren oder eine Gegenkraft bilden kann, welche in der Evolution förderlich ist. Folglich konkurrieren wir mit der Natur selber, indem wir sie bekämpfen, also ausbeuten und anschließend das ausgebeutete Gebiet renaturieren. Zumindest glauben wir das.

Vielleicht spüren wir tief in uns drinnen, dass wir nicht die Krone der Schöpfung, sondern ganz im Gegenteil, zu einer Seitenlinie gehören. Womöglich ist dies unser evolutionäres Schicksal, mit der Schöpfung selber konkurrieren zu wollen und uns gegenseitig den Lebensraum streitig zu machen.

Der Klimagipfel, der vor kurzem in Paris stattfand, hat mich etwas optimistischer gestimmt. Vielleicht sind wir Menschen doch noch zu retten. Wir Menschen, nicht die Welt, die braucht uns nicht, um sich selber zu retten. Aber welcher Konzern oder gar Staat tut denn schon etwas freiwillig. Eher gilt die Devise – siehe FIFA, VW und all die anderen – sich nicht erwischen zu lassen.

Wahrscheinlich werden wir als Art nicht lange auf dieser Erde weilen. Ich meine dies nicht fatalistisch oder resignativ, sondern ganz nüchtern. Jeder Tag länger ist ein Erfolg, auch in unserem schnelllebigen Sinn. (RoMa)

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Scheitern – kein Tabu mehr!?

Nov 27 2015

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass man wieder über das Scheitern reden darf? Den Anfang machte die Hamburger Kunsthalle 2013 mit ihrer Ausstellung „Besser Scheitern“. Im Frühjahr dieses Jahres folgte das Literaturhaus Stuttgart mit einem „Festival des Misserfolgs“, im Oktober titeln Spiegel Online und das Manager Magazin „Schöner Scheitern“ und gerade ist in Mannheim eine internationale Tagung zum Thema „The Failed Individual“ zu Ende gegangen. Und nun zieht auch die Zeitschrift Supervision mit einem Themenheft „Scheitern“ nach

Ist damit Richard Sennet, der in seinem „Flexiblen Menschen“ (1989) Scheitern als das große Tabu unserer Gesellschaft und unserer Zeit bezeichnet hat, widerlegt? Es wird aktuell viel über das Scheitern geredet – aber zumeist in einer bestimmten Art und Weise. Über das Misslingen lässt sich leichter reden, wenn man es als einen Zwischenstopp betrachtet, der sich retrospektiv in eine Erfolgsgeschichte umdeuten lässt – wie Phönix aus der Asche. Natürlich kann man Scheitern, aber man muss weitermachen und daraus lernen. Wenn man nicht aufpasst, ordnet sich das Scheitern so nahtlos in eine Leistungs- und Selbstoptimierungslogik ein. Aber wenn es um mehr geht, als einen vorübergehender Misserfolg, und wir uns in unserem Selbstverständnis angegriffen fühlen, geht die Motivationsrhetorik am Kern vorbei.

Das menschliche Leben und Arbeiten lässt sich nicht vollständig dem „Diktat der Positivität“ (Byung Chul Han) unterwerfen. Negative Erfahrungen sind schmerzhaft, aber nicht zu vermeiden. Sie halten uns in Spannung und lebendig.

P.S. Das Heft „Scheitern“ der Zeitschrift Supervision (3/2015) ist sehr lesenswert. (j.k.)

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Anpassung, Vertrauen und Kontrolle

Okt 27 2015

Wir bezeichnen heute mit Anpassung zwei sehr unterschiedliche Phänomene. Einmal geht es um den flexiblen Umgang mit der Natur oder deren flexible Reaktionsweisen, indem sich zum Beispiel ein Baum im Wind neigt, damit er nicht umgestoßen und entwurzelt wird. Zum anderen wird uns suggeriert, Anpassung sei das sich Abfinden mit politischen Gegebenheiten, seien diese auch noch so fragwürdig. Ich bin davon überzeugt, es gab zu allen Zeiten Sehnsüchte, diesen Widerspruch aufzuheben oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Die Reflexion dieses Phänomens und den daraus entstehenden Zweifeln gehört zu unseren Grundaufgaben als Supervisor-innen. Diese gilt es nicht durch manipulative Verfahren leichtfertig zu verspielen.
Vertrauen entsteht, wenn diese Reflexion möglich ist, sachliche Argumente und Gefühle verstanden, Entscheidungen sachlich abgewogen werden. Der VW-Konzern meint, in der Folge des Skandals ein Imageproblem zu haben und will Vertrauen schaffen. Dies halte ich deshalb für eine arrogante Haltung, weil es in erster Linie um ein Sachproblem geht, und ob wir Kunden wieder vertrauen, ist ganz allein unsere Angelegenheit und hängt davon ab, wie der Konzern dieses Sachproblem angeht.
Nicht umsonst nehmen Ausbildungsteilnehmer-innen zuerst Lehrsupervision und später erst, wenn sie ihre Ausbildung beendet haben, Kontrollsupervision, zum Bespiel durch Teilnahme an einer Balintgruppe. Ich begründe dies damit, dass Autonomie und Kontrolle untrennbar zusammen gehören, weil Entwicklung nicht aus dem Monopol, sondern immer aus Kräften und Gegenkräften, Auseinandersetzung, Zweifel und Abwägungen entsteht. Entwicklung ist niemals zu Ende, und sei sie auf einem Höhepunkt angekommen, ruft sie umso mehr Zweifel hervor und bedarf der Kontrolle. Dies lässt sich gut in der Natur beobachten, indem jede Nische zur Entwicklung genutzt wird. So entsteht Vielfalt. (Das Gegenteil von Vielfalt, zum Beispiel Monokulturen, nennen wir Einfalt.) Aus dieser Bipolarität entwickelte sich das demokratische Prinzip, indem machtvolles Handeln immer einer Gegenmacht, der Kontrolle bedarf. Wenn sich Organisationen nicht mehr daran halten, entsteht die schon früher von mir beschriebene Konzernokratie, welche einer Diktatur gleich kommt, indem demokratische Verhältnisse nur noch zum Schein herrschen.
Natürlich versuchen Menschen, diese Kontrolle von außen zu vermeiden, weil sie sich in ihrer Autonomie eingeschränkt fühlen. Aber es hilft nichts. Gerade große Konzerne wie VW brauchen diese ständig – nicht zu verwechseln mit Controlling, einem manipulierbaren Zahlenwerk.
Wenn Supervision sich auf ihre eigentliche Aufgabe, die Reflexion beruflicher Praxis besinnt, kann sie eine Alternative zu all den schnelllebigen Verfahren sein, die mehr suggerieren denn reflektieren. (RoMa)

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Die politische Mitte

Sep 16 2015

Dieser vermaledeite Pol oder Strich ist so schmal, dass, wer ihn besetzen will, Gefahr läuft, auf der einen oder anderen Seite herunter zu kippen. Über Borderliner im psychiatrischen Sinn möchte ich hier nicht schreiben.

Diese politische Mitte, besser gesagt, das Gerangel darum, ist ein völlig sinn- und inhaltsloses Phänomen. Und was noch schlimmer ist, es verhindert eine wirkliche Auseinandersetzung. Linke wie rechte Politiker sollten sich zu ihrer Gesinnung bekennen, und diese mit Inhalt füllen. Wenn sie keine Inhalte, sondern nur Floskeln, allenfalls Zielmargen, in der Regel ausschließlich wirtschaftspolitische, aufzuweisen haben, sollten sie besser keine politische Karriere anstreben.

Es muss doch nicht wundern, dass Menschen nicht mehr wählen gehen, denn sie erkennen nicht mehr die inhaltlichen Unterschiede der politischen Parteien, weil fast Alle sich um diese vermeintliche, von Opportunismus strotzende Mitte tummeln, einer fixen Idee oder einer Zwangsneurose. In den Parlamenten wird kaum noch inhaltlich gestritten, sich nicht wirklich auseinander gesetzt, weil die eigentlichen Entscheidungen in Form von Deals, von Lobbyisten ausgearbeitet, hinter verschlossenen Türen ausgehandelt werden. Arbeitgeberverbände preisen diese demokratiefeindliche Kungelei als effektiv an, andere verkaufen sie gar als Pakt zwischen Interessengruppen. Eine der typischen Folgen dieser Vermeidungshaltung ist, dass Politiker mit ihrem inhaltslosen Gerede und in ihren Forderungen und vor allem Handlungen längst über den rechten Rand hinaus gehen, indem sie, wie zum Beispiel Herr Seehofer, Flüchtende diffamieren – was gerne verharmlosend als populistisch bezeichnet wird – sich aber weiterhin als zur Mitte gehörig ansehen und womöglich dort gesehen werden. Wenn dies die Mitte sein soll, wird es wieder wie in den sechziger Jahren als linksextrem angesehen, oder noch herber als naiv, das Grundgesetz zu zitieren.

An Wahlabenden könnte ich mich immer wieder darüber amüsieren, wenn es nicht so ernst wäre, wie sogenannte Experten uns erklären wollen, entweder das linke Lager (verdammt lang her), aber eigentlich sei ja das Linksrechtsschema und das Lagerdenken überhaupt längst überholt, oder das bürgerliche Lager (noch immer aktuell) habe gewonnen. Die Prognose für die Zukunft lautet: Wer darf neben Wirtschaftslobby und CDU, welche nicht die politische oder demokratische, sondern die machtpolitische Mitte bilden, seinen Platz als Lückenbüßer einnehmen? Medien wie das Hetzblatt mit den dicken Lettern, aber nicht nur dieses, tragen dazu bei, nein, die lügen nicht, aber ein großer Teil von ihnen spielt dieses Wo-wir-sind,-ist-die Mitte allzu leichtfertig mit. Der Verfassungsschutz schützt nicht die Verfassung, sondern spitzelt Linke aus, und auf dem rechten Auge sehen die Schützer, oder sollte ich besser Schützen sagen, ohnehin nichts.

Mit diesem zwangsneurotischen Mittegerangel sind hauptsächlich die beiden großen Parteien beschäftigt, aber nur eine profitiert davon, nämlich die, welche die Eigentums- und Wirtschaftslobby auf ihrer Seite weiß, weil Politik in der Hauptsache als Wirtschaftspolitik missbraucht wird. Dies dürfen aber nur CDU-Politiker auch so zugeben, sogar damit werben (und sich auch noch mit dem Sozialstaat schmücken), die SPD wird dafür abgestraft. Überhaupt die SPD: Links zu sein hat sie aufgegeben, beziehungsweise an die Linkspartei abgegeben, diese sogenannte Mitte, um die sie so halbherzig und vollmundig kämpft, gehört längst der CDU.

Das Schlimmste ist, dass dieses pseudodemokratische Machwerk dem Extremismus Tür und Tor öffnet. Von Prävention wird geredet, möglicherweise werden sogar Konzepte erarbeitet, aber präventiv gedacht und gehandelt wird kaum.

Ein Konflikt, eine Krise, ein Krieg jagt den nächsten, aber nur wenige innerhalb der Regierungsparteien wagen es, sich dem Konflikt in der Sache zu stellen, denn wer die Guten und wer die Bösen sind, ist längst festgelegt, und wenn sich doch Eine-r traut, wird sie/er von der machtpolitischen Mitte mit allen, auch unfairen und undemokratischen Mitteln bekämpft. Es fehlt der politische Streit um die alternative Sache, statt eines faulen Kompromisses um einen wirtschaftspolitischen Trend, der sich allmählich selbst ad Absurdum führt, indem es immer weniger ums Wirtschaften, stattdessen mehr um Bereicherung geht.

Natürlich freue ich mich, dass endlich flüchtende Menschen in diesem Land willkommen sind, dass es endlich einen Mindestlohn gibt, dass Herr Mollath nicht mehr in der Psychiatrie schmachten muss. Aber es muss sich grundlegend etwas ändern. Wir müssen wieder zurück zu normalen, demokratischen Verhältnissen. (RoMa)

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